Prämienanstieg: Wegen einer Erkältung in den Notfall

Aktualisiert

PrämienanstiegWegen einer Erkältung in den Notfall

Durch eine höhere Franchise sollen unnötige Arztbesuche wegen Bagatellen verhindert werden. Ärzte zweifeln an der Wirkung der Massnahme.

von
P. Michel
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Das Parlament will die Minimal-Franchise von 300 Franken erhöhen. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass Patienten wegen Bagatellen die Notaufnahme aufsuchen. Laut santésuisse könnten dadurch ein paar Dutzend Millionen Franken gespart werden. Dies, weil eine Behandlung im Notfall durchschnittlich 427 Franken kostet, während der Hausarzt 196 Franken verrechnet. (Symbolbild)

Das Parlament will die Minimal-Franchise von 300 Franken erhöhen. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass Patienten wegen Bagatellen die Notaufnahme aufsuchen. Laut santésuisse könnten dadurch ein paar Dutzend Millionen Franken gespart werden. Dies, weil eine Behandlung im Notfall durchschnittlich 427 Franken kostet, während der Hausarzt 196 Franken verrechnet. (Symbolbild)

Keystone/Christian Beutler
«Am Ende bezahlen wir diese vermeidbaren Kosten mit unseren Prämien», sagt Christophe Kaempf von santésuisse. Insgesamt rechnet er damit, dass  mit einer Minimal-Franchise von 500 Franken die Prämien um 1,7 Prozent sinken würden. (Symbolbild)

«Am Ende bezahlen wir diese vermeidbaren Kosten mit unseren Prämien», sagt Christophe Kaempf von santésuisse. Insgesamt rechnet er damit, dass mit einer Minimal-Franchise von 500 Franken die Prämien um 1,7 Prozent sinken würden. (Symbolbild)

Inselspital Bern
Dass immer mehr Leute bei Bagatellen die Notfallstationen aufsuchen, liegt laut Thomas Langholz, Sprecher des Spitals Bülach, auch an den fehlenden Hausärzten. «Statt ihren Hausarzt anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, gehen die Leute lieber spontan in den Notfall, weil sie dort sicher sind, dass ihnen sofort geholfen wird – auch wenn es sich nur um eine Magenverstimmung handelt.»

Dass immer mehr Leute bei Bagatellen die Notfallstationen aufsuchen, liegt laut Thomas Langholz, Sprecher des Spitals Bülach, auch an den fehlenden Hausärzten. «Statt ihren Hausarzt anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, gehen die Leute lieber spontan in den Notfall, weil sie dort sicher sind, dass ihnen sofort geholfen wird – auch wenn es sich nur um eine Magenverstimmung handelt.»

zVg

In der Notfallstation des Universitätsspitals Zürich suchen derzeit zahlreiche Patienten Hilfe, weil sie an einer einfachen Grippe oder Erkältung leiden. Andere haben sich den Knöchel verstaucht oder klagen über Rückenschmerzen – insgesamt kommt ein Drittel der Patienten wegen leichten Erkrankungen in die Notfallstation.

Auch in anderen Spitälern sind die Ärzte zunehmend mit Bagatellfällen konfrontiert: Im Notfallzentrum am Universitätsspital Basel musste Chefarzt Roland Bingisser etwa einem Patienten eine Zecke entfernen. «Ich habe dieser Person dann gesagt, dass sie das beim nächsten Mal problemlos selbst machen kann.»

Die steigenden Gesundheitskosten, die auch von der zunehmenden Auslastung der Notfallpraxen mit Bagatellfällen in die Höhe getrieben werden, will das Parlament nun eindämmen: Dazu soll die minimale Franchise von 300 Franken erhöht werden, womit sich die Patienten stärker an den anfallenden Kosten beteiligen müssten.

Notfallbehandlung doppelt so teuer wie beim Hausarzt

Laut dem Verband santésuisse könnten allein durch die Entlastung der Notfallstationen schätzungsweise ein paar Dutzend Millionen Franken gespart werden. Dies, weil eine Behandlung im Notfall durchschnittlich 427 Franken kostet, während der Hausarzt 196 Franken verrechnet.

«Am Ende bezahlen wir diese vermeidbaren Kosten mit unseren Prämien», sagt Christophe Kaempf von santésuisse. Er rechnet damit, dass mit einer Minimal-Franchise von 500 Franken über alle Bereiche des Gesundheitssystems die Prämien um 1,7 Prozent sinken würden. Laut einer Untersuchung am Spital Baden und Brugg könnten beispielsweise 80 Prozent der Patienten statt im Notfall genauso gut beim Hausarzt behandelt werden.

In der Notfallstation des Spitals Bülach haben sich die Behandlungen von 2009 bis 2015 fast verdoppelt. «Die Ansprüche der Patienten sind heute sehr hoch», sagt Sprecher Thomas Langholz. Viele Patienten meinten bereits zu wissen, welche Art von Behandlung sie brauchen. «Es kommt vor, dass Patienten im Notfall darauf beharren, einen MRI-Scan zu erhalten.»

Patienten fordern für ihre Prämie vollständigen Notfallservice

Dass immer mehr Leute bei Bagatellen die Notfallstationen aufsuchen, liegt laut Langholz auch an den fehlenden Hausärzten. «Statt ihren Hausarzt anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, gehen die Leute lieber spontan in den Notfall, weil sie dort sicher sind, dass ihnen sofort geholfen wird – auch wenn es sich nur um eine Magenverstimmung handelt.»

Aris Exadaktylos, Chefarzt des Notfallzentrums am Inselspital Bern, schätzt, dass etwa die Hälfte seiner Patienten mit leichteren Erkrankungen oder Verletzungen in den Notfall kommen. Auch er stellt eine gestiegene Anspruchshaltung fest: «Die Patienten sagen sich: Wenn ich schon teure Prämien zahle, will ich auch den vollständigen Service rund um die Uhr in Anspruch nehmen können.»

In dieser Logik sei es für die Patienten selbstverständlich, dass sie etwa ein neu entdecktes Muttermal sofort in der Notfallabteilung zeigen wollten, aus Angst, es könne sich um Hautkrebs handeln. Der Notfallarzt nennt zudem noch einen anderen Faktor: «Viele Patienten, vor allem wenn sie noch nicht so lange in der Schweiz leben, kennen unser gutes Hausarztmodell nur ungenügend und haben das Gefühl, dass sie nur auf einer Notfallstation richtig versorgt werden.»

Notfallärzte zweifeln an Wirksamkeit der Franchisenerhöhung

Dass eine Erhöhung der Franchise die Leute davon abhalten wird, bei leichten Erkrankungen die Notfallzentren aufzusuchen, glaubt Exadaktylos hingegen nicht: «Das wird ein Schuss in den Ofen.»

Jemand mit Schulterschmerzen werde dadurch möglicherweise zwar nicht mehr in den Notfall kommen und abwarten. «Wenn es sich aber dabei um ein Anzeichen eines Herzinfarkts handelt und der Patient dann eingeliefert werden muss, wird aus einer Bagatelle eine richtig teure Behandlung oder schlimmstenfalls eine lebensbedrohende Erkrankung», sagt Exadaktylos.

Auch Roland Bingisser, Chefarzt Notfallzentrum des Universitätsspitals Basel, hegt Zweifel: «Die Notfallstationen sind heute bereits darauf ausgerichtet, Bagatellfälle zu identifizieren und rasch abzuwickeln.» Laut Bingisser können so die meisten dieser Patienten das Notfallzentrum nach drei Stunden wieder verlassen.

Wirklich Kosten sparen könne man im Bereich der Bagatellen nur, indem man die Leute aufklärt, sagt Bingisser: «Ein flächendeckendes Notfalltelefon, bei dem die Leute beraten werden, ob sie überhaupt in den Notfall sollen oder doch besser zu Hause Tee trinken und abwarten.» Bingisser rechnet, dass damit in der Region Basel bis zu 2,4 Millionen Franken jährlich gespart werden könnten.

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