Wochenende futsch?: Wegen Energiekrise – Wirtschaft will Sonntags- und Nachtarbeit ausbauen

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Wochenende futsch?Wegen Energiekrise – Wirtschaft will Sonntags- und Nachtarbeit ausbauen

Damit es nicht zur Überlastung des Stromnetzes kommt, schlägt Economiesuisse vor, die Produktion in die Nacht zu verlagern. Angestellte bekämen dann mehr Lohn. Doch die SP warnt vor der 24-Stunden-Gesellschaft.

von
Fabian Pöschl
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Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse will die Arbeit in die Nacht verlagern.

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse will die Arbeit in die Nacht verlagern.

TAMEDIA AG
So soll es eine Entlastung des Netzes am Tag geben, das dann am meisten beansprucht wird.

So soll es eine Entlastung des Netzes am Tag geben, das dann am meisten beansprucht wird.

20min/Michael Scherrer
Ziel sei es damit, die Energieversorgung sicherzustellen und Betriebsschliessungen zu verhindern, sagt Lukas Federer von Economiesuisse.

Ziel sei es damit, die Energieversorgung sicherzustellen und Betriebsschliessungen zu verhindern, sagt Lukas Federer von Economiesuisse.

TAMEDIA AG

Darum gehts

  • Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hat Energiespar-Vorschläge gemacht.

  • Um eine Überlastung des Netzes zu verhindern, sollen Firmen mehr auf Nachtarbeit setzen.

  • Die Angestellten könnten dazu aber nicht gezwungen werden.

Im Winter droht Europa eine Energiekrise, wenn es zu weiteren Gas-Lieferbeschränkungen wegen des Ukraine-Kriegs kommt. Die EU-Länder wollen nun 15 Prozent weniger Gas verbrauchen. In der Schweiz ist bei der Energie aber noch vieles im Unklaren, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt.

Nun prescht der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse mit Vorschlägen vor. So soll etwa eine Flexibilisierung des Arbeitsrechts mehr Nacht- und Sonntagsarbeit erlauben. Wenn mehr Firmen gezielt auf Nachtarbeit setzten, liessen sich die höchsten Energieverbräuche am Tag senken. Damit wäre die Chance grösser, dass es nicht zur Netzüberlastung kommt. Die Nachfrage wäre mehr vergleichmässigt, so die Idee.

Auch während der Covid-Pandemie hätten Chauffeure zu anderen Zeiten fahren können, um die Logistikversorgung zu sichern, sagt Lukas Federer von Economiesuisse zu 20 Minuten. «Unser Ziel ist, dass die Energieversorgung gesichert ist und dass es zu keinen Betriebsschliessungen kommt», sagt Federer.

«Es braucht nun die Hilfe von allen»

Ob es wieder die Chauffeure oder auch andere Angestellte treffen würde, ist unklar, ebenso die Länge dieser Massnahme. Federer sagt aber: «Es braucht nun die Hilfe von allen und wir müssen alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen, um die Versorgung im Notfall zu gewährleisten. Es geht nicht zuletzt auch ums Überleben von Betrieben.»

Economiesuisse wolle eine Diskussion anstossen. Federer sagt, er spüre grosse Bereitschaft in der Bevölkerung und der Wirtschaft, einen Beitrag zu leisten, um möglichst glimpflich durch die drohende Energiekrise zu kommen. Die Massnahme sei aber nur ein Hebel von vielen (siehe Box).

Firmen und Haushalte sollen solidarisch sein

In der flexibilisierten Arbeitszeit sieht Economiesuisse einen von vielen Hebeln gegen die drohende Energiekrise. Noch wichtiger ist laut Lukas Federer von Economiesuisse die «Hilfe zur Selbsthilfe» für Unternehmen, damit sie sich im Notfall möglichst gut selber organisieren könnten. Dafür müssten die präzisen Regeln im Fall einer Kontingentierung möglichst schnell klar sein. «Wenn die Grundregeln klar sind, kann die Privatwirtschaft notfalls selbst Kontingente abtauschen und handeln, damit möglichst viele Unternehmen weiterarbeiten können», so Federer. Der Verband fordert im Notfall aber auch eine solidarische Kontingentierung zwischen Unternehmen und Privathaushalten.

Daten, wie sich eine solche Massnahme im Detail auswirken könnte, haben Economiesuisse und das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) nicht, wie es auf Anfrage heisst. Jede Bemühung zum Energiesparen sei aber wichtig und willkommen, sagt ein BWL-Sprecher.

Philipp Hadorn, Gewerkschafter des Verkehrspersonals und Alt-SP-Nationalrat, hält wenig von dem Vorschlag. «Die Nächte und Wochenenden sind entscheidend für die Erholungszeit. Das Risiko der gesundheitlichen Schäden wäre viel zu gross. Es darf nicht sein, dass wir zur 24-Stunden-Gesellschaft werden», so Hadorn.

Zudem sieht er anderweitig grösseres Energiesparpotenzial. «Es gibt noch viele Dinge wie Ausbau und Speicherung von Solarenergie, die man angehen könnte. Und solange man Leuchtmittel kaufen kann, die nicht energieeffizient sind, braucht es sicher keine Änderung am Arbeitsrecht», so Hadorn.

Mehr Lohn am Sonntag

Firmen dürfen ihre Angestellten aber nicht einfach zur Nacht- und Sonntagsarbeit verdonnern. Dafür braucht die Firma eine Bewilligung. Sie muss nachweisen, dass es ohne die Lösung nicht anders geht, wie Rechtsanwalt und Arbeitsrechtsexperte Nicolas Facincani sagt. Ausser, es handelt sich um Branchen, die aufgrund der geltenden Rechtslage bereits vom Sonntagsarbeitsverbot ausgenommen sind.

Ausserdem braucht die Firma das Einverständnis der Angestellten. Ein Zwang sei grundsätzlich nicht erlaubt, so Facincani. Die Angestellten, die zugestimmt haben, profitieren dann bei vorübergehender Nacht- oder Sonntagsarbeit von 25 Prozent mehr Lohn bei Nachtarbeit und 50 Prozent mehr Lohn am Sonntag.

Dagegen sperrt sich auch der Wirtschaftsdachverband nicht. Lukas Federer von Economiesuisse sagt dazu: «Selbstverständlich wollen wir auch in einer Mangellage keinen rechtsfreien Raum.» 

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