Neues Steuermodell gefordert: Wegen Gen Z – «Wer Vollzeit arbeitet, soll Steuern sparen können»

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Neues Steuermodell gefordertWegen Gen Z – «Wer Vollzeit arbeitet, soll Steuern sparen können»

Weil immer mehr Leute nur noch Teilzeit arbeiten wollen, droht eine Spaltung der Gesellschaft, warnt ein Ökonom. Er fordert ein neues Steuermodell, das Mehrarbeit belohnt. Die Juso ist dagegen.

von
Fabian Pöschl
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Vollzeitangestellte sollen von einer neuen Steuerregelung profitieren, sagt ein Ökonom.

Vollzeitangestellte sollen von einer neuen Steuerregelung profitieren, sagt ein Ökonom.

20min/Michael Scherrer
Immer mehr, vor allem junge Menschen bevorzugen Teilzeitarbeit, weil ihnen die Freizeit wichtiger ist als die Karriere.

Immer mehr, vor allem junge Menschen bevorzugen Teilzeitarbeit, weil ihnen die Freizeit wichtiger ist als die Karriere.

20min/Anna Bila
Deshalb schlägt Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger vor, dass beispielsweise 70 Prozent die neue normale Arbeitszeit sind. Wer länger arbeitet, soll von Steuerabzügen profitieren.

Deshalb schlägt Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger vor, dass beispielsweise 70 Prozent die neue normale Arbeitszeit sind. Wer länger arbeitet, soll von Steuerabzügen profitieren.

Uni Fribourg

Darum gehts

  • Teilzeitarbeit ist bei jungen Menschen beliebt, bedroht aber den Zusammenhalt in der Schweiz.

  • Wenn zwei gleich viel verdienen und Steuern zahlen, eine Person aber nur Teilzeit arbeitet, sei das problematisch, sagt ein Ökonom.

  • Deshalb soll es ein neues Steuermodell geben, bei dem sich die Überzeit von den Steuern abziehen lässt.

Die Arbeit steht vor allem bei jungen Menschen nicht mehr an erster Stelle. Statt alles für den Job zu geben, sind Entspannung, Familie und Freundschaft wichtiger. Doch wenn immer weniger Leute voll arbeiten, ist nicht nur der Schweizer Wohlstand bedroht, auch der Zusammenhalt in der Gesellschaft ist in Gefahr, wie Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger zu 20 Minuten sagt.

Heute zahlten zwei Personen mit gleichem Einkommen – eine gut ausgebildet und mit stark reduziertem Pensum, die andere mit zwei Jobs und Überzeit – gleich viel Steuern. «Das ist höchst problematisch», so Eichenberger.

«Wer Teilzeit arbeitet, hat mehr Freizeit und den höheren Stundenlohn»

Bei Teilzeitarbeit sänken die Steuern weit stärker als das Einkommen. Grund dafür ist die Steuerprogression, bei der sich der Steuersatz mit zunehmendem Steuerbetrag erhöht. «Wer Teilzeit arbeitet, hat also nicht nur mehr Freizeit, sondern auch netto den höheren Stundenlohn», so Eichenberger.

Zudem gebe es auch mehr Subventionen etwa für die Krankenkasse, Kinderbetreuung und Wohnung. Andere müssten aus finanziellen Gründen voll arbeiten – und laufen dann voll in die Steuern. Darüber wird auch auf Twitter diskutiert.

Eichenberger fordert deshalb ein neues Steuermodell. Die Politik solle dazu eine Arbeitszeit definieren, die als normal gilt. Das könnten etwa 70 Prozent des heutigen Vollzeitpensums sein. «Wer mehr als 70 Prozent arbeitet, kann für jede Stunde Überzeit einen Betrag, etwa 30 Franken, vom Einkommen abziehen», so Eichenberger.

Dadurch gebe es einen Anreiz, mehr zu arbeiten, weil für die Zusatzarbeit nicht mehr viele Steuern anfallen. Leute mit Stundenlohn von 30 Franken müssten so gar keine Steuern auf die Arbeit bezahlen, die über die normale Zeit hinausläuft. Wer 150 Franken pro Stunde verdient, müsse noch 120 Franken versteuern.

Tiefere Steuern bei voller Arbeit?

Nicht profitieren von der neuen Regel würden die Personen, die nicht mehr als die Normalzeit arbeiten können, weil sie beispielsweise noch für die Familie sorgen müssen. «Aber gerade für die mit knapper Kasse ist wichtig, dass die Früchte ihrer Mehrarbeit nicht weggesteuert werden. Und nur weil es einigen nicht nützt, soll man die Lösung nicht für alle anderen blockieren», so Eichenberger.

«Hohe Einkommen würden am meisten profitieren»

David Trachsel, Präsident der Jungen SVP, zeigt sich interessiert. «Wenn es Steueranreize gibt für jene, die hundert Prozent arbeiten und sich gleichzeitig für niemanden die Steuern gesamthaft erhöhen, ist es eine interessante Idee», sagt Trachsel zu 20 Minuten.

Politiker von links sind anderer Meinung. Juso-Präsident Nicola Siegrist schreibt auf Twitter, man solle doch froh sein, dass die Jugendlichen «auf einem brennenden Planeten und auch sonst mit mässigen Zukunftsaussichten überhaupt noch bereit sind, arbeiten zu gehen.»

Gegenüber 20 Minuten sagt Siegrist, dass er diejenigen gut verstehe, die aufgrund von Kindern nicht Vollzeit arbeiten können oder es nicht wollen, um sich für anderes zu engagieren. Es dürfe niemand schlechter gestellt werden, der Teilzeit arbeitet.

Von Steuerabzügen würden ausserdem hohe Einkommen am stärksten profitieren. «Auch bei den Abzügen für die Kinderbetreuung oder der Krankenkasse profitiert nicht der ärmste Bevölkerungsteil, der es am nötigsten hätte, deshalb ist das der falsche Weg», so Siegrist.

Work-Life-Balance: 3 Schweizer Städte ausgezeichnet

Das Sicherheitsunternehmen Kisi hat zum vierten Mal die Städte mit der besten Work-Life-Balance ermittelt, bewertet nach Arbeitsintensität, Gesellschaft und Lebensqualität. Sie beurteilten 51 Städte aus den USA und 49 aus dem Rest der Welt. In den Top 10 sind drei Schweizer Städte mit Bern auf dem zweiten, Zürich auf dem vierten und Genf auf dem sechsten Platz. Spitzenreiter ist Norwegens Hauptstadt Oslo, die vor allem mit ihrem Gesundheitssystem überzeugte.

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