Corona-Variante - «Wegen Lambda jetzt Panik zu machen, wäre völlig falsch»
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Corona-Variante«Wegen Lambda jetzt Panik zu machen, wäre völlig falsch»

Die Coronavirus-Variante Lambda sorgt für Aufregung. Experte Jürg Utzinger mahnt zur Ruhe: Die japanische Studie sei noch ungeprüft, und andere Daten widersprächen.

von
Daniel Graf
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Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, gibt hinsichtlich der Immunresistenz von Lambda vorsichtige Entwarnung. 

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, gibt hinsichtlich der Immunresistenz von Lambda vorsichtige Entwarnung.

Swiss TPH 
Zuvor hatte eine Studie aus Japan für Aufregung gesorgt. Wie alle Viren mutiert auch das Coronavirus Sars-CoV-2 ständig.

Zuvor hatte eine Studie aus Japan für Aufregung gesorgt. Wie alle Viren mutiert auch das Coronavirus Sars-CoV-2 ständig.

CDC/PD
Während die meisten Veränderungen des Erregers für die Menschen kein Problem darstellen, gibt es auch solche, die ansteckender sind oder vom menschlichen Immunsystem schlechter in Schach gehalten werden.

Während die meisten Veränderungen des Erregers für die Menschen kein Problem darstellen, gibt es auch solche, die ansteckender sind oder vom menschlichen Immunsystem schlechter in Schach gehalten werden.

NIAID/CC BY 2.0

Darum gehts

  • Eine Studie aus Japan liess Befürchtungen aufkommen, dass die Coronavirus-Variante Lambda den Impfschutz umgehen könnte.

  • Eine Variante, gegen die die derzeit verwendeten Impfstoffe nicht schützen, könnte viele bisherige Erfolge zunichtemache.

  • Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, gibt aber Entwarnung: Die Studie aus Japan dürfe nicht überinterpretiert werden und sei auch noch nicht unabhängig geprüft worden.

«Lambda» weise eine höhere Impfresistenz auf. Mit dieser Aussage und einer entsprechenden Studie dazu sorgte ein Forscherteam aus Japan in den letzten Tagen für Aufregung: Ist Lambda tatsächlich resistent gegen den Schutz der bisher bekannten Impfungen? Bringen diese also gar nichts? Fangen wir jetzt wieder von vorne an? Diese Fragen beschäftigten die 20-Minuten-Community. Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, gibt Entwarnung.

Herr Utzinger, was wissen wir über die Studie aus Japan? Erst einmal gilt es festzuhalten, dass seit dem Ausbruch von Covid-19 mittlerweile über 160’000 Arbeiten zu verschiedenen Aspekten des Virus, der Krankheit, Impfungen und andere Public-Health-Massnahmen veröffentlicht wurden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde in so kurzer Zeit so viel und so intensiv zu einem Thema geforscht und publiziert. Die derzeitige Aufregung entsteht aufgrund einer einzelnen Studie, die noch nicht einmal von externen Experten begutachtet wurde. Das muss man im Hinterkopf behalten und einzelne Resultate dürfen nicht vorschnell überinterpretiert werden.

Also sagt die Studie noch gar nichts aus? Das habe ich nicht gesagt. Die Ergebnisse der Studie deuten durchaus auf eine Veränderung in den entscheidenden Virusproteinen hin. Aber: Erstens stammen die Daten aus Laborversuchen. Das tatsächliche Verhalten des Virus während der Zirkulation in der Bevölkerung kann davon abweichen. Und zweitens haben die WHO und andere Fachleute die Studie bereits relativiert: Daten aus anderen Studien legen nahe, dass nicht zu erwarten ist, dass die Lambda-Variante tatsächlich eine bedeutend höhere Immunflucht aufweist oder dass es im grossen Stil zu mehr Impfdurchbrüchen kommen wird. Die WHO stuft die Lambda-Variante derzeit auch erst als «von Interesse» und noch nicht als «besorgniserregend» ein (siehe unten). Wegen der Lambda-Variante jetzt Panik zu machen, wäre völlig falsch.

Die Variante stammt aus Peru und kursiert derzeit vor allem in südamerikanischen Ländern. Müssten jetzt Flüge storniert werden? Nein. Das wäre unverhältnismässig. Es reicht völlig aus, wenn die Menschen, die aus diesen Ländern in die Schweiz kommen, nach wie vor einen negativen PCR-Test vorweisen, der nicht älter ist als 72 Stunden.

Trotz Test könnte die Variante aber in die Schweiz importiert werden.Das ist nicht auszuschliessen. Lambda ist bereits in der ersten Julihälfte erstmals in der Schweiz nachgewiesen worden. Das heisst aber nicht, dass die Variante hier dominant wird. Selbst in Peru, wo die Mutation vermutlich entstanden ist, geht es nicht wirklich hoch und Gamma scheint sich durchzusetzen. Ich gehe derzeit nicht davon aus, dass die Lambda-Variante die derzeit in der Schweiz vorherrschende Delta-Variante verdrängen wird.

Müssen wir unsere Impfstrategie anpassen? Auch hier ist die Antwort klar nein. Die mRNA-Impfstoffe wirken nach derzeitigen Erkenntnissen nach wie vor sehr gut gegen die bekannten Varianten und verhindern insbesondere viele schwere Verläufe. Was uns das Auftreten der verschiedenen Varianten, darunter auch Lambda, aber einmal mehr zeigt: Je weniger Menschen geimpft sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Varianten entstehen und sich verbreiten. Das gilt sowohl für die Schweiz, wie auch für die ganze Welt: Können wir die Impfquote hierzulande weiter steigern, müssen wir uns weniger Sorgen machen wegen importierten Fällen, weil sie hier dann kaum einen Nährboden finden. Können wir die Impfquote weltweit steigern, müssen wir uns weniger Sorgen machen, dass besorgniserregende Varianten überhaupt entstehen und sich verbreiten.

So geht die WHO mit Varianten um

Corona-Varianten werden von der WHO in zwei Kategorien eingeteilt: Varianten unter Beobachtung («variants of interest»), die zu gehäuften Fällen führen oder in mehreren Ländern auftreten. Dazu gehört Lambda. Eine Stufe höher stehen die besorgniserregenden Varianten («variants of concern»). Sie sind nachweislich ansteckender, schwerer bekämpfbar oder führen zu schwereren Erkrankungen. Darunter fällt etwa die Delta-Variante.

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