Psychotherapien: Lücke im System – «Tausende könnten ihren Therapieplatz verlieren»

Publiziert

PsychotherapienLücke im System – «Tausende könnten ihren Therapieplatz verlieren»

Immer mehr Junge brauchen wegen psychischer Probleme eine Therapie. Eine neue Regelung droht Therapieplätze zu vernichten.

von
Michelle Ineichen
1 / 3
Die Anzahl Mädchen und Frauen im Alter von zehn bis 24 Jahren, die wegen psychischer Störungen stationär behandelt werden mussten, stieg zwischen 2020 und 2021 um 26 Prozent. (Symbolbild)

Die Anzahl Mädchen und Frauen im Alter von zehn bis 24 Jahren, die wegen psychischer Störungen stationär behandelt werden mussten, stieg zwischen 2020 und 2021 um 26 Prozent. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto 
 Dies zeigen neue Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit BAG.

 Dies zeigen neue Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit BAG.

20min/Matthias Spicher 
Eine neue Regelung hätte Abhilfe schaffen sollen – diese droht nun jedoch Tausende Therapieplätze zu vernichten.

Eine neue Regelung hätte Abhilfe schaffen sollen – diese droht nun jedoch Tausende Therapieplätze zu vernichten.

Getty Images

Darum gehts 

Die Anzahl Mädchen und Frauen im Alter von zehn bis 24 Jahren, die wegen psychischer Störungen stationär behandelt werden mussten, stieg zwischen 2020 und 2021 um 26 Prozent, wie neue Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit BAG zeigen. Besonders affektive Störungen wie Depressionen hätten stark zugenommen. 

Eine der Betroffenen ist die 16-jährige S.*: «Ich habe Depressionen seit ich dreizehn bin. Seit über einem Jahr befinde ich mich in ambulanter Therapie.» Mittlerweile nehme sie Antidepressiva, die jedoch nicht anschlagen. Die Luzernerin möchte sich deswegen gerne stationär behandeln lassen. Bisher habe sie aber keinen Therapieplatz erhalten. 

Für Jugendliche und Kinder mit psychischen Erkrankungen fehlen schweizweit Therapieplätze. «Verstärkt durch die Pandemie steigt die Anzahl Anfragen für Therapieplätze seit einigen Jahren stetig an», sagt Urs-Ueli Schorno, Sprecher der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP. 

Bis zu sechs Monate Wartezeit

Laut Schorno setzen die Inflation, die Nachwirkungen von Corona und der Ukraine-Krieg den jungen Menschen in der Schweiz stark zu. Dies habe unter anderem zu überlasteten Kliniken und monatelangen Wartezeiten geführt. «Momentan müssen Kinder und Jugendliche bis zu sechs Monaten auf einen Therapieplatz warten», sagt Schorno.  

Abhilfe hätte das neue Anordnungsmodell schaffen sollen. Dieses sieht vor, dass Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten nach der Anordnung eines Arztes neu selbstständig Rechnungen an die Krankenkassen stellen können, die dann von der Grundversicherung gedeckt werden. «Im alten System musste dies eine Psychiaterin oder ein Psychiater für die Therapeuten übernehmen», so Schorno.

Psychische Belastung treibt Junge in IV-Rente

Gegenseitige Schuldzuweisungen 

Bei der Umsetzung des neuen Modells gibt es jedoch eine Lücke im System: «Die Kosten für angehende Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden teilweise nicht mehr von den Krankenkassen gedeckt», so Schorno. Betroffen seien rund 1500 Psychologinnen und Psychologen in Weiterbildung, die knapp 10’000 Patienten betreuen. «Wenn diese Menschen nicht mehr praktizieren können, könnten Tausende Patientinnen und Patienten ihre Therapieplätze verlieren.» Nun werde fieberhaft nach Lösungen gesucht. 

Die Schuld, dass keine Lösung gefunden werden konnte, weisen sich Santesuisse und FSP gegenseitig zu. «Wir lehnten eine Verlängerung der Übergangsregelung ab, weil die grundsätzlichen Probleme somit weiterbestehen würden», sagt Schorno. Die FSP will, dass die Kosten der angehenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im Rahmen des Anordnungsmodells fix von den Krankenkassen übernommen werden. 

«Es konnte kein Kompromiss erreicht werden»

«Die Verlängerung der Übergangsregelung, die wir unterstützen, hätte die Kostendeckung der Psychologinnen und Psychologen in Weiterbildung garantiert», sagt Matthias Müller, Sprecher bei Santesuisse, dem Branchenverband der Schweizer Krankenversicherer. Man bedauere, dass die FSP sich dagegen ausgesprochen hat und die Übergangsregelung nicht verlängert wurde. «Wir hoffen auf eine Lösung, denn es ist grundsätzlich wichtig, dass die Arbeit von Psychologinnen und Psychologen in Weiterbildung bezahlt wird», so Müller.  

Laut Grégoire Gogniat, Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit BAG, ist ab dem 1. Januar unklar, wer die Kosten für Behandlungen bei Psychologinnen und Psychologen in Weiterbildung übernimmt. Die Übergangsregelung, bei der die Kosten weiterhin von den Krankenkassen übernommen werden, laufe dann ab. «Es konnte kein Kompromiss erreicht werden. Leider wurde unser Vorschlag, diese Regelung zu verlängern, abgelehnt», so Gogniat.

Hast du psychische Probleme? 

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Deine Meinung