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Spielsucht«Wegen meiner Spielsucht habe ich 150’000 Franken Schulden»

Für R.* (23) wurde der Gang ins Casino zur Sucht. Nach vier Jahren haben sich über Hunderttausend Franken Schulden bei Kreditunternehmen und Familie angestaut.

von
Anja Zingg
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R.* (23) ist spielsüchtig und hat 150’000 Franken Schulden. (Symbolbild)
R.* (23) ist spielsüchtig und hat 150’000 Franken Schulden. (Symbolbild)
KEYSTONE/Peter Klaunzer
Mehrere Jahre verspielte er Tausende von Franken. Nebenbei leistete er sich Luxusgüter.

Mehrere Jahre verspielte er Tausende von Franken. Nebenbei leistete er sich Luxusgüter.

Bild: zvg
«Es war mir wichtig, mich mit Markensachen zu umgeben», so R.

«Es war mir wichtig, mich mit Markensachen zu umgeben», so R.

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Darum gehts

  • R.* (23) ist spielsüchtig und hat rund 150’000 Franken Schulden.
  • Lange lebte er seinem Umfeld eine Lüge vor. Am Ende hatte er deswegen psychische Probleme.
  • Seit rund einem Jahr weiss seine Familie Bescheid. Dank einem Arbeitsintegrationstraining kämpft er sich zurück ins Leben.

«Es gab Abende, da verspielte ich meinen ganzen Monatslohn im Casino. Einmal gewann ich einen Jackpot von rund 40’000 Franken. Das tönt für andere nach sehr viel. Aber bei mir war der Gewinn innert kürzester Zeit verspielt.» Ruhig und distanziert spricht R. heute über die Zeit, in der er spielsüchtig war.

Angefangen hatte alles ganz harmlos: Kurz nach seinem 18. Geburtstag besuchte R. mit einem Kollegen das Casino. Der Wetteinsatz: 100 Franken. Am Ende des Abends verliess er das Casino mit 600 Franken. «Da hat es mich gepackt», so der 23-Jährige. Zur Volljährigkeit erhielt er Zugriff auf ein Sparkonto, auf das seine Familie die letzten 18 Jahre eingezahlt hatte. «Es waren rund 20’000 Franken. Auch dieses Geld war innert kürzester Zeit aufgebraucht.» Ein Jahr nach seinem ersten Casinobesuch schaffte es R. nicht mehr, seine Rechnungen zu bezahlen. Mit 19 Jahren nahm er einen ersten Kredit auf: 5000 Franken. Das Ganze hat sich hochgesteigert, der höchste offene Betrag lag bei knapp 200’000 Franken Schulden.

Den Schein zu wahren, war für den Bankenlehrling enorm wichtig. Schuhe von Prada, Kleider von Louis Vuitton oder Uhren für tausend Franken: R. umgab sich gern mit Luxusgütern. «Obwohl ich ein 100’000-Franken-Auto geleaste hatte, mietete ich mir immer mal wieder für ein Wochenende einen Sportwagen.»

Spielsucht

Gemäss Markus Meury von Sucht Schweiz sind junge Menschen häufiger spielsüchtig als der Bevölkerungsdurchschnitt. «Die 15- bis 24-Jährigen sind doppelt so oft von einer Spielsucht betroffen. Auch Geschlechterunterschiede gibt es: Frauen sind nur halb so oft spielsüchtig wie Männer.» Das Casino hat die Möglichkeit, Personen sperren zu lassen, oder ihnen eine Sperrung zu empfehlen. Diese kann aber auch rückgängig gemacht werden. «Das Casino muss prüfen, ob das Problem, dass zur Sperre führte, nicht mehr besteht. Spielsüchtige setzen normalerweise viel mehr Geld ein, als sie vermögen, und sind verschuldet, als Grund werden also meist die Finanzen angeführt. Das Casino wird also hauptsächlich die Zahlungsfähigkeit und die Schuldenfreiheit prüfen», so Meury. Casinowerbung findet Meury heikel: «Werbung wirkt auf Suchtgefährdete stärker als auf andere Personen. Eine Studie in Frankreich hat herausgefunden, dass 40 Prozent der Einkünfte eines Casinos von süchtigen oder suchtgefährdeten Spielenden stammt.» Schwierig sei eine Sucht auch für Angehörige, so Meury. «Als Angehörige ist es wichtig, dass man gegenüber der spielsüchtigen Person seine Sorgen ausdrückt und nicht Vorwürfe macht. Wenn das Spiel allerdings schon existenzielle Probleme für die Familie mit sich bringt, müssen klare Forderungen gestellt werden und der Betroffene muss sehen, was er anrichtet. Wichtig ist auch, dass alle verstehen, dass die Sucht eine Krankheit ist und nicht böser Wille.»

Monatelang spielte R. unbehelligt und verzockte zehntausende von Franken. Nach rund einem Jahr kam während eines Casino-Besuchs ein Angestellter auf ihn zu. «Er hat mich auf mein Spielverhalten aufmerksam gemacht und empfahl mir, mich selbst zu sperren.» In diesem Moment sei ihm das unglaublich unangenehm gewesen. «Ich hab mich sperren lassen. Aber ich sah zu diesem Zeitpunkt eigentlich überhaupt nicht ein, dass ich ein Problem hatte.» Um weiter spielen zu können, sei er in ausländische Casinos gegangen oder habe online gespielt. «Nach einem Jahr fragte ich beim Casino an, ob sie mich entsperren könnten.» Dafür musste er seine finanzielle Situation offenlegen und ein einstündiges Gespräch mit einem Psychologen führen. Nach einigen Wochen kam der Bescheid: «Ich durfte wieder spielen.»

R. machte weiter wie bisher, doch die Fassade fing an zu bröckeln. Fragte jemand nach, log und beschwichtigte er. Das zehrte an seiner Psyche. Dazu kamen familiäre Spannungen, später erkrankte ein Familienmitglied an Krebs. Letzten Sommer wurde R. alles zu viel: Er erlitt Panikattacken, wurde depressiv, konnte seinen neuen Job nicht antreten. «Erst als es mir so schlecht ging, dass ich das Haus nicht mehr verlassen konnte, sah ich ein, dass ich Hilfe brauche.» Nach und nach erzählte er seiner Familie alles: die Spielsucht, das Doppelleben, die Schulden.

Wie man lernt, mit Geld umzugehen

Die Fachstelle für Schuldenprävention der Stadt Zürich empfiehlt, dass schon von klein auf mit Kindern über Geld gesprochen wird. «Es beginnt beim Vorbild und der Konsumhaltung der Eltern. Auch wie viel Konsum man einem Kind ermöglicht, spielt eine grosse Rolle», sagt Joanna Herzig, Projektleiterin der Schuldenprävention. «Aber auch Wissen ist entscheidend: Wie fülle ich eine Steuererklärung aus, wie erstelle ich ein Budget oder ganz banal: Die Frist auf der Rechnung einhalten.» Ebenfalls sei es wichtig, dass Jugendliche Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. «Kann ein Kind offene Rechnungen nicht bezahlen, so sollen die Eltern das nicht einfach übernehmen, sondern gemeinsam mit dem Kind nach Lösungen suchen. Das Ziel soll sein, dass das Kind mit seinem Geld die Schulden bezahlen kann – lieber lernen die Jugendlichen die Konsequenzen bei 100 Franken als später im Leben mit mehreren tausend Franken.» Bei hohen Schulden sei es wichtig, professionelle Hilfe zu holen. «Die meisten holen sich erst Hilfe, wenn es schon fast zu spät ist.»

Der Schock für die Familie sei gross gewesen, auch das Vertrauen habe sehr gelitten, so R. Mehrere Monate war er zu Hause. Viel Zeit, um nachzudenken. «Meine Sichtweise auf viele Dinge hat sich verändert.» Was andere von ihm denken, sei ihm nicht mehr wichtig. «Ich musste wirklich die Hosen runterlassen, als ich meinem Umfeld alles gestanden habe. Das verändert vieles. Heute brauche ich keine Luxusgüter mehr.»

Schnelles Geld dank Kredit

Für Konsumkredite wird viel Werbung gemacht. «Wir würden es begrüssen, wenn der Zugang zu solchen Kreditvergaben für junge Erwachsene erschwert werden würde», so Joanna Herzig von der Schuldenprävention der Stadt Zürich. «Zum Beispiel könnte ein Kreditantrag für junge Menschen mit höheren Auflagen verbunden sein als für ältere Personen.» Generell seien die Hürden eher tief, es ist aber besonders bei jungen Erwachsenen zentral, dass die Bonitätsprüfung sauber gemacht wird. «Heutzutage kann man ganz einfach eine Kreditkarte online bestellen und oft gehört sie einfach zum Bankpaket für junge Erwachsene dazu.» Eine gute Alternative seien Prepaid-Kreditkarten, «denn es ist wichtig, nicht mehr Geld auszugeben, als man hat», so Herzig.

Mittlerweile ist R. in einem Arbeitsintegrationsprogramm. Monatlich zahlt er von seinem Krankentaggeld rund 3000 Franken an Leasing- und Kreditraten ab. Betreibungen laufen keine gegen ihn, weil seine Familie in die Bresche gesprungen ist. Auch ihr schuldet er nun Geld. «Ich weiss, dass ich die Verantwortung für mein Handeln trage. Nichtsdestotrotz finde ich, dass es heutzutage zu einfach ist, an Kredite zu kommen.» Er wolle auf keinen Fall seine Situation rechtfertigen, «aber überall sieht man Werbung für Konsumkredite. Ich erhielt ohne Probleme Kredite, obwohl meine Bonität diese gar nicht zugelassen hätte. Das sollte nicht sein.»

*Name der Redaktion bekannt.

Spielsucht: hier findest du Hilfe

Bei Spielsüchtigen dreht sich der ganze Alltag um Geldspiele. Oft spielen sich Betroffenen in den finanzielle Ruin. Dir oder jemandem aus deinem Umfeld geht es ähnlich? www.sos-spielsucht.ch
«Spielen ohne Sucht» bietet Rat und Hilfe für Betroffene und Angehörige per Telefon, online oder persönlich in deinem Wohnkanton.

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119 Kommentare
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maddy

17.07.2020, 09:39

"Nichtsdestotrotz finde ich, dass es heutzutage zu einfach ist, an Kredite zu kommen." Direkt darunter wird Werbung für Online-Kredite angezeigt.........

KeinMitleid

17.07.2020, 06:08

Und dann geht man zu den Medien und jammert denen was vor. Sorry kein bisschen Mitleid, j es der ist für sein Handeln selber verantwortlich, dafür gibt's keine Ausrede.

KARMA.

17.07.2020, 04:21

Sollten wir jetzt Mitleid haben??? Immer wenn eine Person auf eine erdenkliche Weise eine charaktwerliche Schwäche hat, schiebt man es auf eine Pseudo Krankeit. Ich hoffe ihm kommt niemamd finanzuel entgegen.