Nach Covid-Erkrankung  - «Wegen meiner Vergesslichkeit habe ich den Job verloren»
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Nach Covid-Erkrankung «Wegen meiner Vergesslichkeit habe ich den Job verloren»

Gemäss einer neuen Studie aus Grossbritannien kann eine Covid-Erkrankung das Gehirn beeinträchtigen. Drei betroffene Personen erzählen, wie sie die Erkrankung beeinflusst hat.

von
Gabriela Graber
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Beatrice O. (33) aus Lenzburg AG hat wegen Vergesslichkeit und Konzentrationsschwierigkeiten den Job verloren. 

Beatrice O. (33) aus Lenzburg AG hat wegen Vergesslichkeit und Konzentrationsschwierigkeiten den Job verloren.

Privat 
Jacqueline J. (33) aus Dietikon ZH leidet neben Vergesslichkeit an Hörstörungen. 

Jacqueline J. (33) aus Dietikon ZH leidet neben Vergesslichkeit an Hörstörungen.

Privat 
Gemäss einer neuen Studie würden die geistigen Beeinträchtigungen vor allem in den Bereichen des logischen Denkens, der Problemlösungsfähigkeit, des Gedächtnisses und des räumlichen Denkens auftreten (Symbolbild).

Gemäss einer neuen Studie würden die geistigen Beeinträchtigungen vor allem in den Bereichen des logischen Denkens, der Problemlösungsfähigkeit, des Gedächtnisses und des räumlichen Denkens auftreten (Symbolbild).

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Darum geht’s

  • Eine neue Studie aus Grossbritannien besagt, dass sich eine Covid-Erkrankung auf die Intelligenz auswirken kann.

  • 20 Minuten hat mit mehreren Personen, die seit ihrer Corona-Erkrankung unter Hirnstörungen leiden, gesprochen.

  • Laut dem Neurowissenschaftler Dominique de Quervain können die Symptome sechs Monate und länger andauern.

  • Es gebe zudem Hinweise, dass die Infektion zu Veränderungen der Hirnstruktur führen kann.

  • Am wichtigsten sei die Prävention durch die Impfung, sagt de Quervain.

Vergesslichkeit, Gehirnnebel und Konzentrationsschwierigkeiten: Immer mehr Menschen klagen über Kognitionsstörungen nach Corona-Erkrankungen. Eine neue Studie aus Grossbritannien besagt nun sogar, dass Corona die Intelligenz beeinträchtigen und einen IQ-Verlust von bis zu sieben Punkten verursachen kann. Mehrere Leser berichten, nach der Corona-Erkrankung an Gedächtnisstörungen zu leiden.

«Ich habe zu viele Fehler gemacht – und meinen Job verloren»

Beatrice O. (33) aus Lenzburg AG hat seit ihrer Corona-Erkrankung ein schlechteres Gedächtnis – was fatale Folgen für ihr Berufsleben hatte: «Ich bin im September an Covid erkrankt. Mein Krankheitsverlauf war eher mild, aber seither bin ich extrem vergesslich. Ich vergesse beispielsweise sehr oft, was ich einen Augenblick vorher holen wollte. Oder wenn mir jemand etwas sagt, muss ich es aufschreiben. Es ist sehr mühsam. Wegen meiner Vergesslichkeit habe ich auf meiner Arbeit als Arztsekretärin in einem Röntgen-Institut zu viele Fehler gemacht – worauf mir der Job gekündigt wurde. Die Arbeit war relativ stressig und verlangte Multitasking – Telefone abnehmen, Kunden bedienen, E-Mails beantworten – früher war das alles kein Problem für mich. Man wollte mich in die Reha schicken und bei der IV anmelden, doch damit fühlte ich mich überrumpelt. Ich möchte nun einfach eine ruhigere Arbeit finden und mich selber Schritt für Schritt wieder aufbauen.»

«Ich vergass sogar, dass ich mir Listen geschrieben hatte»

Simon J. (40) aus Bern wäre bei seiner Arbeit im Service auf ein gutes Gedächtnis angewiesen. Doch seit seiner Covid-Erkrankung funktioniert dies nicht mehr richtig: «Nichts kann ich mir merken. Es ist eine Katastrophe. Nachdem ich im Februar 2021 Corona hatte – mit Lungenentzündung und drei Wochen 39 Grad Fieber – stellte ich fest, dass sich mein Kurzzeitgedächtnis verschlechtert hatte. Also begann ich, für alles Listen zu schreiben. Leider kam es dann oft vor, dass ich sogar vergass, dass ich mir Listen erstellt hatte. Heute kann ich mir gerade mal vier Dinge merken, ohne sie aufzuschreiben – etwas, worauf ich mittlerweile stolz bin.

Meinen Kopf bräuchte ich eigentlich bei meiner Arbeit in der Gastronomie: Ohne Notizblock könnte ich die vielen Bestellungen, die ich täglich erhalte, heute nicht mehr aufnehmen. Zum Glück kann ich peinliche Situationen oft mit meinem Charme überspielen. Meine Vorgesetzten, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen haben viel Verständnis für meine Situation, worüber ich sehr froh bin. Meine Frau dagegen findet die Tatsache, dass ich so vergesslich wurde, zeitweise etwas anstrengend. Ich weiss nicht, ob ich je wieder die gleiche Gedächtnisleistung erbringen werden kann, wie vor meiner Covid-Erkrankung.»

«Ich bin nicht mehr die Gleiche»

Jacqueline J. (33), aus Dietikon ZH hatte einen schlimmen Covid-Verlauf. Neben ihrer Vergesslichkeit leidet sie an Hörstörungen zwei Langzeitfolgen, die sie in ihrem Alltag stark beeinträchtigen. «Meine Corona-Erkrankung hatte ich gleich zu Beginn der Pandemie. Es ging mir echt schlecht: Ich hatte starkes Fieber, Schüttelfrost, Atembeschwerden – das ganze Programm. Seitdem bin ich nicht mehr die Gleiche. Ich vergesse die banalsten Dinge, wie beispielsweise, was für ein Wochentag gerade ist oder was ich im Supermarkt einkaufen wollte. Meine Schlüssel verlege ich ständig. Vor der Infektion habe ich eine Weiterbildung zur Kindergruppenleiterin gemacht: Das Lernen fiel mir damals noch leicht und ich bin froh, dass ich sie abschliessen konnte. Da ich tiefprozentig arbeite, kann ich meiner Arbeit weiterhin nachgehen. Meine Familie – ich habe drei Kinder – findet es manchmal lästig, dass ich so vergesslich bin, aber vielmehr stört es sie, dass mein Gehör so schlecht wurde: Ich muss meine Gesprächspartner ständig bitten, lauter zu sprechen, da ich sie nicht mehr gut hören kann.»

«Defizite könnten sechs Monate oder länger dauern»

Bereits andere Studien hätten gezeigt, dass auch milde Verläufe von COVID-19 zu längerfristigen neurologischen Symptomen führen können, sagt Dominique de Quervain, Neurowissenschaftler und Professor an der Universität Basel. «Etwa Geschmacks- und Geruchsverlust, Müdigkeit sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.» Diese Defizite könnten sechs Monate oder länger andauern und würden bei rund 10 bis 30 Prozent der Fälle festgestellt.

Von einer Studie aus Oxford gebe es zudem erste Hinweise, dass die Infektion zu Veränderungen der Hirnstruktur führen kann. Das Team hatte Hirn-Bilder von Personen vor und nach der COVID-19 Infektion verglichen und gefunden, dass die graue Substanz in jenen Hirnregionen abgenommen hat, welche wichtig für Geruch und Gedächtnis sind. «Von anderen Erkrankungen weiss man, dass Strukturveränderungen dieser Art reversibel sein können», sagt de Quervain. Allerdings gebe es im Zusammenhang mit der Corona-Erkrankung noch keine Daten, um eine Prognose machen zu können. «Am allerwichtigsten ist die Prävention durch die Impfung», betont de Quervain.

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