Stress: Wegen Online-Handel verunfallen mehr Pöstler

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StressWegen Online-Handel verunfallen mehr Pöstler

Die Zahl der Berufsunfälle bleibt stabil, ausser bei der Post. Das hängt auch mit dem Online-Handel zusammen. Die Post reagiert nun.

von
Stefan Ehrbar
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Zwischen 2007 und 2017 stieg die Zahl der Betriebsunfälle pro Vollzeitstelle bei der Post um fast 20 Prozent. Der Anstieg gebe zu denken, heisst es in der Personalzeitschrift der Post.

Zwischen 2007 und 2017 stieg die Zahl der Betriebsunfälle pro Vollzeitstelle bei der Post um fast 20 Prozent. Der Anstieg gebe zu denken, heisst es in der Personalzeitschrift der Post.

Keystone/Alessandro Della Bella
Im vergangenen Jahr musste der Konzern 140 Millionen Franken an Ausfalllohnkosten bezahlen. Post-Sprecher Oliver Flüeler sagt, die Zunahme habe auch mit einer Verschiebung der Stellen zu tun.

Im vergangenen Jahr musste der Konzern 140 Millionen Franken an Ausfalllohnkosten bezahlen. Post-Sprecher Oliver Flüeler sagt, die Zunahme habe auch mit einer Verschiebung der Stellen zu tun.

Keystone/Alessandro Della Bella
Am Schalter und im Backoffice gebe es bei der Post tendenziell weniger Jobs, im risikoreicheren Zustell- und Sortierbereich hingegen mehr. Das hänge auch mit dem Boom des Online-Handels zusammen.

Am Schalter und im Backoffice gebe es bei der Post tendenziell weniger Jobs, im risikoreicheren Zustell- und Sortierbereich hingegen mehr. Das hänge auch mit dem Boom des Online-Handels zusammen.

Keystone/Martin Ruetschi

Die Post-Mitarbeiterin Ly-Tran N. D.* wollte in der Nacht auf den 13. August eigentlich nur eine Maschine bedienen, die Adressen auf Briefen ausliest und sie sortiert. Dann geriet ihr kleiner Finger in der Maschine. «Überall war Blut», erinnert sich die Mitarbeiterin in der Personalzeitung. Sie wurde ins Unispital Lausanne gefahren und operiert. N. D. fiel über Monate aus.

Solche Vorfälle häufen sich bei der Post. Im letzten Jahr musste der Konzern wegen Unfällen Ausfall-Lohnkosten in der Höhe von 140 Millionen Franken berappen. Die Post zählt jährlich mehr als 2000 Berufsunfälle. Auf 100 Vollzeitstellen kamen im vergangenen Jahr 6,47 Berufsunfälle – fast 20 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor.

Gefährlich wird es im Winter

Die Zahl der Aussetztage stieg im selben Zeitraum gar um über 20 Prozent. «Der Anstieg gibt zu denken», schreibt die Post. Der Leiter Arbeitssicherheit erklärt die Zunahme in der Personalzeitschrift mit dem gestiegenen Druck in der Arbeitswelt und den immer komplexer werdenden Aufgaben. Im Gegensatz zur Situation bei der Post stieg die Zahl der Berufsunfälle in der ganzen Schweiz im selben Zeitraum mit 2,2 Prozent allerdings kaum. Das zeigen die laufend aktualisierten Zahlen der Sammelstelle für die Statistik der Unfallversicherung.

Post-Sprecher Oliver Flüeler sagt, ein grosser Teil der Betriebsunfälle passiere im Strassenverkehr in den Wintermonaten. An der Spitze stünden dabei Unfälle wegen Ausrutschen, Stürzen, Stolpern, Runterfallen sowie Verkehrsunfälle.

Mehr Unfälle wegen Online-Handel

Mit dem Umbau des Postnetzes gebe es weniger Mitarbeitende am Schalter und in Bürojobs. Demgegenüber bringe der Boom des Online-Handels eine Zunahme von Personal in den Sortiercentern für die Pakete und in der Zustellung. «Es findet eine Verlagerung von den weniger für Unfälle anfälligen Jobs zu den risikoreicheren Zustelljobs statt», sagt Flüeler.

Zudem habe die Post in den letzten zehn Jahren die Firma Presto übernommen. Deren über 10'000 Mitarbeiter seien in der Frühzustellung der Zeitungen tätig. «Gerade in den frühen Morgenstunden beginnen oder sind die Werkdienste erst daran, die Strassen von Eis und Schnee zu befreien. Damit erhöht sich das Risiko, auszurutschen, mit dem Fahrzeug zu verunfallen oder zu stürzen», sagt Flüeler.

Einwärmen vor dem Austragen

In der 10-Jahre-Betrachtung sei auch die demografische Entwicklung zu beachten. Wie in den meisten Unternehmen steige das Durchschnittsalter auch bei der Post. «Bei einem älteren Mitarbeiterbestand nehmen alle gesundheitlichen Risiken zu», sagt Flüeler. Zudem seien Erholungsphasen bei ihnen naturbedingt etwas länger. Im Vergleich zwischen den Jahren 2007 und 2017 müsse man zudem berücksichtigen, dass der Winter 2006/2007 der wärmste seit Messbeginn gewesen sei. Damit habe es dann auch weniger Unfälle gegeben.

Die Post investiere sehr viel in Arbeitssicherheit, sagt Flüeler. Sie rüste ihre Angestellten mit entsprechender Kleidung aus und schule das Personal bis hin zum Umgang mit Hunden. In Paketsortierzentren gebe es Krafträume und Turnprogramme, vor dem Zustellen könnten sich Mitarbeiter aufwärmen. Eben habe die Post zudem die Sicherheitscharta der Suva unterzeichnet.

Für Ly-Tran N. D. ging der Unfall im Sortierzentrum glimpflich aus. Zwar musste die Rechtshänderin zunächst vom Zähneputzen bis zum Schreiben alle Tätigkeiten neu mit links erlernen. Mittlerweile arbeitet sie aber wieder Vollzeit. Ein Netzchen um den Finger trägt sie aber noch heute.

*Name der Redaktion bekannt

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