Präventions-Kampagne: «Wegen Plakat hört kaum jemand auf zu rauchen»
Aktualisiert

Präventions-Kampagne«Wegen Plakat hört kaum jemand auf zu rauchen»

Neun Millionen Franken steckt der Bund in seine neuste Kampagne gegen das Rauchen. Doch Politiker und Experten zweifeln am Nutzen.

von
D. Pomper

«Silvan hört auf. Das schaffst auch du.» Auch Julia, Antonio und Sophie haben erfolgreich aufgehört zu rauchen. Mit der neusten Anti-Tabak-Kampagne mit dem Slogan «Ich bin stärker» will das Bundesamt für Gesundheit aufhörwillige Raucher zum Ausstieg motivieren. Die auf drei Jahre ausgelegte Kampagne kostet 9 Millionen Franken.

Ob Raucher tatsächlich auf den Glimmstängel verzichten, wenn sie an einem solchen Plakat vorbeilaufen? Nein, glaubt die linke Nationalrätin Bea Heim: «Ich habe tabaksüchtige Menschen in Reha-Kliniken gesehen, die trotz Herzinfarkt oder Lungenkrebs weitergeraucht haben.» Die Nikotinsucht sei enorm stark. «Wegen einem solchen Plakat oder Kurzfilm hört kaum jemand auf zu rauchen.» Dass diese Strategie nichts nütze, habe ja jüngst schon die Anti-Übergewichtskampagne gezeigt. Aus solchen Misserfolgen müsse man doch lernen.

Höhere Preise statt Plakat-Kampagne

Was nütze, sei das Rauchen zu verteuern, sagt Heim, sowie weniger Gelegenheiten fürs Rauchen zu bieten, wie es heute in Zügen, Spitälern oder Büros üblich ist. Prävention verlange mehr als gutgemeinte Plakate und Filme: «Es braucht positive Anreize und eine frühe Aufklärung an Schulen. Dabei soll nicht nur auf Krankheiten hingewiesen werden, sondern auch auf die Gefahr von Frühgeburten und die Schädigung von Kindern», sagt die SP-Frau. Da wären die 9 Millionen Franken besser investiert gewesen.

Der Präsident der nationalrätlichen Gesundheitskommission, Guy Parmelin (SVP), ist ebenfalls skeptisch: «Wenn ich Raucher wäre, würde mich diese Kampagne wohl nicht davon abhalten.» Wenn man immer und immer wieder vor dem Tabakkonsum warne, dann komme irgendwann der Punkt, wo die Menschen nicht mehr auf die Warnung reagierten. Parmelin appelliert an die Selbstverantwortung und sagt: «Es sollten auch nicht jährlich neue Kampagnen gestartet werden, einfach weil das Geld da sei.»

«BAG setzt falsche Prioritäten»

Gesundheitsökonom Heinz Locher ist der Meinung, dass das BAG die Prioritäten falsch setzt. «Wir wissen, dass es jährlich bis zu 3000 Todesfälle im Gesundheitswesen gibt. Menschen sterben im Spital an Infektionen oder wegen Medikamentenfehlern. Die Hospitalisation ist eine der grössten Gesundheitsrisiken.» Bundesrat Alain Berset selbst habe das Thema Patientensicherheit in den Vordergrund gestellt. «Doch im Amt selber hat dieser Themenwechsel noch immer nicht stattgefunden.» Schuld daran sei eine starke Lobby und die personelle Verankerung, was dazu führe, dass die Kampagnengelder noch immer in die traditionellen Felder wie Tabak und Alkohol fliessen würden.

Catherine Cossy vom BAG kontert: «9'000 Menschen sterben in der Schweiz jedes Jahr vorzeitig an den Folgen des Rauchens. Aus gesundheitspolitischer Sicht ist diese Zahl noch immer viel zu hoch.» Tabak sei der wichtigste Risikofaktor für nichtübertragbare Krankheiten.

Auch am Nutzen der Kampagne hat Cossy keinen Zweifel: «Rauchende, die aufhören wollen, müssen diese Abhängigkeit überwinden, was sehr schwierig ist. Wenn sie Hilfe und Motivation von aussen bekommen, ist die Chance viel grösser, dass sie es schaffen.» Kommunikationskampagnen seien ein erprobtes und effizientes Mittel, um die Menschen zu informieren und für Gesundheitsthemen zu sensibilisieren. Sie würden die Motivation anstossen oder sie aufrecht erhalten.

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