Sexuelle Belästigung an Männern  – «Wegen solchen Reaktionen schweigen die Männer»
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Sexuelle Belästigung an Männern «Wegen solchen Reaktionen schweigen die Männer»

Nachdem Student René Fischer bei 20 Minuten von der sexuellen Belästigung durch eine Frau erzählt hat, fassten auch andere Männer Mut: Sie erzählen, wie Frauen sie belästigt und misshandelt haben und wie schwer es ihnen fällt, darüber zu reden.

von
Gabriela Graber
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René Fischer veröffentlichte ein Tiktok-Video, in dem er erzählt, wie er von einer Frau sexuell belästigt wurde. 

René Fischer veröffentlichte ein Tiktok-Video, in dem er erzählt, wie er von einer Frau sexuell belästigt wurde.

Privat
Obwohl die Reaktionen vorwiegend positiv sind, muss er auf Social Media Kritik einstecken. 

Obwohl die Reaktionen vorwiegend positiv sind, muss er auf Social Media Kritik einstecken.

Screenshot Twitter 
Etliche Männer melden sich darauf bei 20 Minuten und erzählten von ähnlichen Erlebnissen. (Symbolbild)

Etliche Männer melden sich darauf bei 20 Minuten und erzählten von ähnlichen Erlebnissen. (Symbolbild)

Unsplash 

Darum gehts

  • Nachdem René Fischer auf Tiktok erzählt, wie er sexuell belästigt wurde, melden sich zahlreiche Männer mit ähnlichen Erlebnissen zu Wort.

  • Ein 23-Jähriger 20-Minuten-Leser erzählt: «In meinem Umfeld beobachte ich regelmässig, dass sich Frauen übergriffig verhalten

  • Die Hemmschwelle, sich als Mann das eigene Opfer-Sein einzugestehen oder gar mit anderen darüber zu sprechen, sei gross, sagt der Männer-Lobbyist Markus Theunert.

«Das ist doch schön!» schreibt ein User auf Twitter – und zielt damit auf die sexuelle Belästigung, die René Fischer (24) widerfahren ist. «Wegen genau solchen Reaktionen schweigen Männer, wenn sie Opfer sexueller Übergriffe werden», so der Student einen Tag nach der Veröffentlichung des Artikels zu seinem Tiktok-Video, in dem er über den sexuellen Übergriff, den er am Wochenende erfahren hat, auspackt. Denn obwohl die meisten Kommentare und Reaktionen positiv ausfallen, muss er auf Social Media reichlich Kritik einstecken.

René ist nicht allein mit seinen Erlebnissen – und auch nicht mit dem Unverständnis, das betroffenen Männern nach einer sexuellen Belästigung oder Misshandlung entgegenbrandet. Bei 20 Minuten haben sich nach dem Artikel viele Männer gemeldet, die Ähnliches erlebt haben. Viele schämen sich, manche sprechen hier zum ersten Mal darüber. Sie haben sich entschieden, anonym zu bleiben:

«Die Frauen sagten oft: ‹Ihr Männer wollt das ja›»

«Ich (23) habe es mehrmals erlebt, dass mir Frauen ans Gesäss fassten, mein T-Shirt anhoben und meinen Bauch streicheln wollten. Sie sagten dabei oft etwas im Sinne von: ‹Ihr Männer wollt das ja›. Als junger Mann freue ich mich natürlich über Annäherungsversuche von Frauen, aber in vielen Fällen wurde eine klare Grenze überschritten. Wäre es umgekehrt gewesen – hätte sich ein Mann einer Frau gegenüber so verhalten – hätte dies ernsthafte Konsequenzen für den Mann gehabt. In meinem Umfeld beobachte ich regelmässig, dass sich Frauen übergriffig verhalten, indem sie zum Beispiel ihre Brüste oder ihr Gesäss am Körper eines Mannes reiben. Diesen ungebetenen, nahen Körperkontakt empfinden die meisten meiner Kollegen als unangenehm und keinesfalls als attraktiv»

«Plötzlich fragte sie, ob ich beschnitten sei»

«Es geschah, als ich (41) mit meiner Chefin alleine im Büro war. Sie sass an ihrem Schreibtisch, ich stand vor ihr. Plötzlich starrte sie mir auf den Schritt und fragte mich, ob ich beschnitten sei. Ich war völlig platt: So etwas hatte ich nicht erwartet. Sie bemerkte meine Baffheit und fügte an, dass sie auf beschnittene Penisse stehe. Daraufhin verliess ich wortlos das Büro. Ich erzählte niemandem davon. Da ich Angst vor negativen Konsequenzen für mein Privat- und Berufsleben und vor Ablehnung und Verurteilung habe, möchte ich hier anonym bleiben.»

«Mein Penis werde sowieso nicht mehr steif, sagte sie»

«Ich erlebe regelmässig verbale sexuelle Gewalt von Frauen. Einmal sass ich beispielsweise nichtsahnend in einer Veranstaltung in Bern in der ersten Reihe, als die Komödiantin begann, über meinen Penis zu sprechen. Der werde sowieso nicht mehr steif, sagte sie erst. Und später: Er sei so klein, dass meine Frau ihn wohl gar nicht kenne. Das vorwiegend weibliche Publikum amüsierte sich köstlich, während ich mich einfach nur gedemütigt fühlte.»

«Ich habe nicht mal in der Therapie darüber gesprochen»

«Als Achtjähriger wurde ich (52) zum ersten Mal sexuell misshandelt: Von einer 30 bis 40 Jahre älteren Nachbarin. Es fing ganz harmlos an: Ich ging ab und zu bei ihr vorbei und erledigte Einkäufe für sie – bis sie anfing, mich anzufassen. Die Übergriffe führten bis zum Geschlechtsverkehr und hörten erst auf, als sie zwei Jahre später an Krebs starb. Meine Eltern kriegten nichts davon mit. Ähnliche Erlebnisse hatte ich später in der Lehre mit der Gouvernante in meiner Personalunterkunft: Ich war verzweifelt, hatte wenig Geld und einen drogenabhängigen Zimmergenossen – und sie verschaffte mir ein Einzelzimmer, im Gegenzug für regelmässigen Sex.

Das Erlebte hinterliess Spuren: Nach der Lehre rutschte ich in die Drogenabhängigkeit ab und wurde zum Junkie – erst eine zweijährige stationäre Therapie mit 29 Jahren rettete mich. Seither konsumiere ich zum Glück nicht mal mehr Alkohol. Sexuelle Belästigungen erfahre ich jedoch nach wie vor: Als ich kürzlich nach dem Ausgang auf dem Heimweg war, setzte sich eine Frau im Zugabteil neben mich, besorgte es sich und lud mich ein, mitzumachen. Ich stand auf und ging weiter.

Einer Freundin, die Ähnliches erfahren hat, habe ich von meinen Misshandlungen erzählt. Mit meinen männlichen Freunden rede ich nicht darüber, denn es wird nicht verstanden. Unter Männern heisst es ‹Du wolltest es doch› oder ‹Du hättest dich halt wehren sollen›. Ich finde das traurig. Abgesehen davon habe ich das Thema nicht mal in der Therapie gross angesprochen – zu fest schäme ich mich dafür. Ich habe zwar zwei Ex-Frauen und zwei grossartige Kinder, aber bis heute fällt es mir schwer, Bindungen einzugehen, mich zu öffnen und anderen Menschen zu vertrauen.»

«Meine Arbeitskollegin fragte mich, ob ich ihr ein Kind mache»

«Wer im Gesundheitswesen arbeitet, hat leider regelmäßig mit sexuellen Belästigungen zu tun. So hatte ich (48) in meinen Physiotherapie-Sitzungen immer wieder Patientinnen, die sich splitternackt ausgezogen und mit gespreizten Beinen im Behandlungszimmer auf mich warteten oder mich aufforderten, ihre Brustwarzen zu massieren. In diesen Situationen blieb ich professionell, winkte ab und erklärte den Damen, dass sie sich wieder anziehen sollten. Den krassesten Übergriff erfuhr ich jedoch von einer Arbeitskollegin: Eines Tages kam sie – in ein transparentes, erotisches Netzoberteil gekleidet – in mein Zimmer und verlangte, dass ich ihr ein Kind mache. Ihre Argumentation: Meine Kinder seien so schön und sie wolle so eines auch für sich haben. Ich war zu dem Zeitpunkt frisch verheiratet – sie wusste davon. Ihr Wunsch nach einem Baby war so gross, dass sie sogar meine Frau um Erlaubnis bat, mit mir schlafen zu dürfen. Die Situation war total absurd. Ich bin froh, dass eine andere Arbeitskollegin alles mitgekriegt hatte: Mit ihr konnte ich dann reden und das Geschehene verarbeiten. Ansonsten habe ich bis heute mit niemandem darüber gesprochen.»

«Die meisten Männer haben in ihrer Kindheit sexualisierte Demütigungen erlebt»

Markus Theunert ist Gesamtleiter von Männer.ch

Markus Theunert ist Gesamtleiter von Männer.ch

Privat

Herr Theunert, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Einzelschicksale lesen?

Die Beispiele und Reaktionen zeigen, dass männliche Opfererfahrungen keine Einzelfälle sind. Die Hemmschwelle, sich als Mann das eigene Opfer-Sein einzugestehen oder gar mit anderen darüber zu sprechen, ist aber hoch. Es gibt eine grosse Scham. Auch die Unsicherheit, ob man sich durch das eigene Verhalten nicht eben doch irgendwie mitschuldig gemacht hat, ist typisch für Opfer von sexueller oder sexualisierter Gewalt.

Wie soll man als Aussenstehende*r reagieren, wenn eine Person im Umfeld Ziel eines sexuellen Übergriffs wird?

Opfern zu sagen, dass sie «einfach mit einer nahestehenden Person darüber reden sollen», ist zu einfach. Denn wenn eine Vertrauensperson nicht gewohnt ist, mit belastenden Ereignissen und Gefühlen umzugehen, ist die Gefahr gross, dass sie das Opfer zu wenig ernst nimmt. Das kann den Schmerz noch vergrössern. Denn der Betroffene braucht ein wertungsfreies Zuhören, möchte sich verstanden und gesehen fühlen.

Wie führt man als angehörige Person so ein Gespräch?

In grösstmöglicher Offenheit. Man muss als Gesprächspartner den Schmerz mitaushalten. Viele überfordert das. Sie fragen dann etwa: «Kann es sein, dass du jetzt ein bisschen übertreibst?» Das ist definitiv nicht hilfreich. Insofern ist die Angst von gewaltbetroffenen Männern verständlich, sie könnten auf Abwehr stossen oder sich gar lächerlich machen, wenn sie sich selbst als Opfer sexueller Belästigung beschreiben – gerade, wenn der Vorfall von aussen betrachtet gar nicht sonderlich gravierend wirkt.

Wie kommt es zu diesem verzerrten Bild?

Noch immer glauben viele an den Mythos «Ein Mann will und kann immer». Das ist natürlich Unsinn. Solange sich dieser Mythos aber hält, unterläuft er die Hilfesuche. Denn welcher Mann will schon riskieren, als «unmännlich» abgestempelt zu werden?

Deshalb verdrängen Männer Opfererfahrungen lieber?

Das ist natürlich vielschichtig. Was man nicht vergessen darf: Die meisten Männer haben bereits in ihrer Kindheit sexualisierte Demütigungen erlebt – in der Regel durch gleichaltrige Geschlechtsgenossen. Der Schwanzvergleich unter der Dusche, die versteckten Kleider, die übergriffige Mutprobe: Es gibt viele Formen schmerzhafter Opfererfahrungen, die Männer gern verdrängen – und die durch Vorfälle im Erwachsenenalter wieder hochkommen können.

Bei mehreren der Geschichten gehen die Übergriffe von Arbeitskolleginnen aus. Wie sollen Betroffene reagieren, wenn auf der Arbeit Grenzen überschritten werden?

Grenzverletzungen am Arbeitsplatz sind besonders heikel – erst recht, wenn sie durch eine hierarchisch vorgesetzte Person begangen wird. Grundsätzlich gehört es zu den Sorgfaltspflichten des Arbeitgebers, Anlaufstellen für solche Fälle zu benennen. In kleineren Betrieben sind das jedoch oft interne Stellen. Das ist nicht ideal. Für einen guten Umgang braucht es eine hohe Professionalität. Sonst müssen Betroffene nicht nur mit dem Erlebten klarkommen, sondern auch mit der Angst vor Konsequenzen am Arbeitsplatz. Externe Beratungsstellen – z.B. die kantonalen Opferhilfestellen – können auch beraten und begleiten.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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