Emotionaler Urs Rohner - «Ich entschuldige mich für die Enttäuschung»

Emotionaler Urs Rohner«Ich entschuldige mich für die Enttäuschung»

Die Ära Rohner ist zu Ende: An der Generalversammlung der Grossbank haben die Aktionäre António Horta-Osório zum neuen Präsidenten gewählt. Zudem segneten sie die Vergütung der Chefs ab.

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Die Credit Suisse hat einen neuen Präsidenten.

Die Credit Suisse hat einen neuen Präsidenten.

20min/Marco Zangger
Antonio Horta-Osorio wurde mit einer Mehrheit von fast 97 Prozent ins Amt gewählt.

Antonio Horta-Osorio wurde mit einer Mehrheit von fast 97 Prozent ins Amt gewählt.

AFP PHOTO/Leon Neal
Der bisherige Credit Suisse Präsident Urs Rohner trat nicht mehr zur Wiederwahl an.

Der bisherige Credit Suisse Präsident Urs Rohner trat nicht mehr zur Wiederwahl an.

Tamedia/Anna-Tia Buss

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Freitag, 30.04.2021

Rohners Schlusswort

Rohner sei überzeugt, dass der neue Präsident es richten wird. Noch einmal dankt Rohner den Zuschauern und Mitarbeitern. Und dann, plötzlich, ist Rohners Amtszeit zumindest aus Sicht der Öffentlichkeit vorbei: «Damit schliesse ich die Generalversammlung. Machen Sie es gut und bleiben Sie gesund.»

Wütend und enttäuscht

Jetzt wird Rohner doch noch persönlich: «Es ist mir persönlich ein grosses Anliegen, Ihnen, liebe Aktionärinnen und Aktionäre, doch noch einige persönliche Gedanken mitzugeben.» Die GV werde nicht nur wegen der Pandemie in die Geschichte der Bank eingehen. Auch die grossen Verluste lassen die anderweitig grossen Gewinne in den Hintergrund treten. «Wir haben die Aktionäre enttäuscht und dafür entschuldige ich mich.» Es sei nicht das erste Mal, dass die Aktionäre enttäuscht sind. Nun richtet sich Rohner an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. «Ich weiss, dass es vor allem Sie sind, die mit dem Vertrauensverlust bei der CS konfrontiert sind. Darum bedauere ich es besonders, die Bank unter diesen Umständen zu verlassen. Sie sind wütend und enttäuscht. Ich bin es ehrlich gesagt auch.»

Aktion

Kurz nach elf Uhr tauchten mehrere Personen auf dem Dach der Hotelanlage Bocken in Horgen auf. Die Organisation Klimastreik Schweiz schreibt, sie seien «massiv» von der Polizei und mehreren Securitas der Credit Suisse an die Dachkante gedrängt worden. Während erste Aktivisten und Aktivistinnen das Transparent an der 6 Meter hohen Kante befestigten, näherten sich zwei Securitykräfte von hinten und entrissen ihnen das Transparent. Laut der Organisation seien die Sicherheitskräfte das Risiko eingegangen, dass Personen deswegen von der Kante stürzen.

Alarme vom Dach

Während die Aktivisten beim Eingang des Seminarhotels einen Protest durchführen, erscheinen auf dem Dach mehrere Personen und rollen ein Transparent aus und lassen mehrere laute Alarme ab. Mehrere Beamte, die beim Eingang standen, sprinten los.

Zwar können sie verhindern, dass das Riesen-Transparent ganz ausgerollt wird, die Alarme verstummen jedoch erst nach rund 10 Minuten.

Aktivisten vor Ort

Eine kleine Gruppe von Aktivisten hat sich vor dem Seminarhotel Bock in Horgen ZH versammelt. Auf verschiedenen Transparenten steht unter anderem «Defund Line 3 Pipeline/ Defund Dakota Access Pipeline» und «Menschenrechte jetzt». Ein Teilnehmer sagt: «Die Credit Suisse verletzt mit ihren finanziellen Investitionen Menschenrechte und verstösst gegen globale Umweltstandards.»

Beispielhaft dafür seien zwei massgebende Investitionen in US-Pipelines, die gegen die Grundrechte der Indigenen verstiessen. «Die CS ist bereits mehrmals aufgefordert worden, sich an die eigenen Policys zu halten, die beteuern, dass man sich an die Menschenrechte und an Umweltschutz-Richtlinien halten will», so der Aktivist. Kürzlich sei die CS gar in die Net-Zero Asset Owners Allianz eingetreten. Gleichzeitig investiere sie Milliarden in fossile Brennstoffe. «Was die CS betreibt, ist pures Greenwashing.»

Löhne

Nun gehts um die Vergütung. Hier gab es im Vorfeld der GV grosse Veränderungen. Der maximale Gesamtbetrag der Vergütung des VR beträgt 12 Millionen Franken. Auch hier stimmt eine grosse Mehrheit der Aktionäre zu. Es gibt keine Abstimmungen zu Boni, weil die komplett gekürzt wurden. Den Fixbetrag für die Geschäftsleitung von 31 Millionen Franken wird angenommen. Experten glauben, dass die Bonus-Kürzungen vor allem stattfinden, um die Aktionäre zu beruhigen. Es ist also denkbar, dass es mit den exorbitanten Managerboni in den kommenden Jahren wieder weiter geht.

Schnell und mechanisch

Rohner ist zurück am Pult und macht weiter im Programm. Er liest die einzelnen Punkte ab – schnell und fast mechanisch: «Ich stelle fest, dass alle vorgeschlagenen Mitglieder des Verwaltungsrats von den Aktionären angenommen wurden.» Es wirkt fast so, als würde Rohner die Sache hinter sich bringen wollen.

«Kein Wunderheilmittel»

«Es gibt weder Wunderheilmittel noch Unfehlbarkeit. Sie haben mein Wort, dass ich mit dem Management-Team unermüdlich daran arbeiten werde, die Herausforderungen vor uns zu meistern.» Zum Schluss nimmt er die Wahl offiziell an und wünscht allen eine gute Gesundheit. Horta-Osório hoffe, dass er bald viele der Zuschauer persönlich kennenlernen werde.

Stabwechsel

Horta-Osório tritt ans Mikrophon. «Dank für die grosse Verantwortung, mir ist bewusst, dass es eine schwierige Situation ist. Die Umstände unter denen der Stabwechsel stattfindet, hätte sich niemand von uns gewünscht.» Der portugiesisch-amerikanische Staatsbürger war bisher Chef bei der Lloyds Banking Group. Nun muss er die CS direkt nach einem Skandal übernehmen. Darum betont Horta-Osório auch, dass Risikomanagement ein wichtiger Fokus für ihn als Präsidenten sein werde.

Neuer Chef

Nun kommt Rohner wieder ans Pult. «Danke», flüstert er Schwan vorher kurz zu und wiederholt es dann auch am Mikrophon. Und schon geht es weiter: Jetzt geht es darum, ob António Horta-Osório neu als VR-Präsident und Rohner-Nachfolger gewählt wird. Die Aktionäre sagen mit fast 97 Prozent Ja. Er wünsche Herrn Horta-Osório viel Erfolg im neuen Amt.

Kritik

«Man hat dir immer wieder vorgeworfen, dass du Kritik an dir hast abprallen lassen. Aber du hast buchstäblich Tag und Nacht dafür gearbeitet, um Probleme zu lösen», so Schwan. Umso schmerzhafter müsse es sein, dass der Rücktritt Rohners in eine turbulente Zeit mit Verlusten und Skandalen falle. Das überlagere die Erfolge, die Rohner bei der Credit Suisse hatte. Dank und beste Wünsche gebe man Rohner mit auf den Weg in den nächsten Lebensabschnitt.

Abschied für Rohner

Jetzt übernimmt Vize-Präsident Severin Schwan, CEO des Pharmakonzerns Roche, das Wort. Es hört sich wie eine Abschiedsrede für Rohner an: «Beinahe 17 Jahre sind es her, seit Urs Rohner in die Geschäftsleitung der Credit Suisse eingetreten ist. Du, lieber Urs, hast dich für deine Bank und für unsere Mitarbeiter eingesetzt – auch in den stürmischen Zeiten.» Solche habe es viele gegeben und gebe es heute noch viele. Ein klarer Verweis auf Greensill und Archegos.

Durchgewinkt

Mit 92 Prozent nehmen die Aktionäre die stark gekürzte Dividende in Kauf. Die Credit Suisse muss also keine höhere Dividende auszahlen, obwohl das manche Aktionäre im Vorfeld verlangt haben.

Gekürzte Dividende

Jetzt kommt die umstrittene Dividende, die um fast zwei Drittel auf 10 Rappen pro Aktie reduziert wurde. Im Vorfeld seien drei Gegenanträge der Aktionäre eingegangen, sagt Rohner. Es wurde verlangt, dass die ursprünglich geplante Dividende von 29 Rappen pro Aktie beibehalten wird. Diese Anträge sind aber nur relevant, wenn die Dividende von 10 Rappen von den Aktionären abgelehnt wird. Jetzt wirds spannend.

Keine Entlastung

Die Credit Suisse beantragt die Entlastung des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung nicht wie üblich an der GV. Stattdessen wolle man warten, bis die Untersuchungen abgeschlossen wird. Die Aktionäre werden also erst später gefragt, ob sie den Geschäftsbericht 2020 in der vorliegenden Form absegnen werden.

Löhne

Viele, «sehr kritische» Fragen im Zusammenhang mit dem Hedgefunds-Debakel seien im Vorfeld eingegangen, sagt Rohner. Der umstrittene CS-Präsident verteidigt sich: Die Bank habe sofort Untersuchungen eingeleitet. Auch wurden massenweise Boni gestrichen. Der angepasste Vergütungsbericht wird von den Aktionären mit rund 80 Prozent angenommen.

Dank an Rohner

Jetzt bedankt sich Gottstein beim abtretenden Urs Rohner – für die Zusammenarbeit, aber auch für das Vertrauen, das der Präsident dem CEO entgegengebracht habe. Gottstein wurde unter Rohner zum Nachfolger des umstrittenen Top-Manager Tidjane Thiam. Gottstein wolle sich nun dafür einsetzen, dass die Bank künftig den Kunden und den Aktionären «wieder viel Freude machen wird», sagt der CEO, bevor er das Wort wieder an Urs Rohner übergibt.

Millionenverlust

Ohne die durch das Debakel verursachten Verluste, die die Credit Suisse im ersten Quartal in die roten Zahlen rissen, wäre der Gewinn im ersten Quartal 2021 «mit Abstand das beste Quartalsergebnis der letzten 10 Jahre gewesen», betont Gottstein. Das wäre natürlich ein tolles Karrierehoch für Gottstein gewesen, der gerade mal seit einem Jahr die Credit Suisse führt. Stattdessen ist die Bank Anfang 2021 252 Millionen Franken im Minus.

Hedgefunds-Debakel

Für den CEO gehts gleich ans Eingemachte: «Ich bin mir bewusst, dass die Credit Suisse momentan von negativen Berichten umgeben ist. Lassen Sie es mich ganz klar sagen. Der erhebliche Verlust ist inakzeptabel», eröffnet Gottstein seine Ansprache. Die Credit Suisse war gleich bei zwei Hedgefunds involviert, die Anfang 2021 zusammenbrachen. Man habe entschiedene Massnahmen getroffen, darunter auch die gestrichenen Boni. Das betrifft eine ganze Reihe von Managern, auch Gottstein selbst. Urs Rohner hat ebenfalls auf einen Teil seiner Vergütung verzichtet. Auch Untersuchungen von externen Stellen wurden eingeleitet. Die Finma hat ebenfalls ein Enforcement-Verfahren eingeleitet. Das Ziel sei, «dass solche Ereignisse nie wieder vorkommen.»

Dank an Mitarbeiter

Rohner weist kurz auf die abtretenden VR-Mitglieder hin, äussert sich aber nicht im Detail und scheint auch nicht besonders emotional, dass es für ihn selbst die letzte Generalversammlung sein wird. «Ich möchte unseren Mitarbeitern für ihr ausserordentliches Engagement im vergangenen Jahr danken. Das Ergebnis ist ein Beleg, dass sie ihr bestes für die Credit Suisse geben», sagt Rohner, bevor er das Wort an CEO Gottstein weitergibt.

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