Wehrlos gegen Spam-Mails?
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Wehrlos gegen Spam-Mails?

Die Zahl der unerwünschten Werbemails hat in den letzten Monaten stark zugenommen. Mittlerweile ist weltweit etwa jede zweite E-Mail unerwünschter Spam.

Viele Benutzerinnen und Benutzer sind so entnervt, dass sie sich vom E-Mail abwenden.

Unerwünschte Werbemails, so genannter Spam, breitet sich viel schneller aus als bisher angenommen. Die UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) geht davon aus, dass bis Ende 2003 etwa jede zweite E-Mail ein unerwünschtes Werbemail sei.

Die auf Mail-Analyse spezialisierte Firma Brightmail hat jedoch festgestellt, dass es sich bereits im November bei 56 Prozent aller weltweit verschickten E-Mails um Werbung handelte. Anfang letzten Jahres betrug der Spam-Anteil noch 25 Prozent.

Unappetitliche Nachrichten

Viele der Werbemails sind nicht nur unerwünscht, sie sind auch unappetitlich. «Ich bin Jenny. Zauberhafter Teufel», steht da etwa. «Ich liebe es frech und frivol und stehe auch auf Lack, Leder!» «Geile Webcams» werden da angepriesen, Sex und Verkehr in allen Lagen und Formen.

Immer mehr Anwenderinnen und Anwender möchten sich gegen solche E-Post wehren. Doch das ist nicht einfach. Zwar haben fast alle E- Mail-Programme einfache Abwehrmechanismen eingebaut und sind in der Lage, elektronische Werbung auszufiltern. Doch die Filter sind nicht zuverlässig.

Filter lassen sich umgehen

Mail-Programme und gängige Spam-Filter überprüfen die Adresse des Absenders sowie die Betreffzeile von E-Mails. Wenn Absender und Betreffzeile bestimmten Mustern folgen oder wenn ein Absender als Spammer bereits registriert ist, wird das E-Mail ausgefiltert.

Doch die Spammer haben längst auf die Filter reagiert. Sie ändern die Schreibweise von Reizwörtern - etwa «V/agra» statt «Viagra» - und senden von immer neuen Adressen aus. Wer die Filter schärfer einstellt, geht das Risiko ein, dass normale E-Mails ausgefiltert werden.

Statistik bietet Abhilfe

Neu Programme basieren nicht mehr auf einzelnen Eigenschaften, sondern auf ganzen Eigenschaftsbündeln. Die Programme sind in der Lage, vom Benutzer zu lernen. Der Benutzer klassiert dabei zunächst vorhandene E-Mails von Hand. Der Spam-Filter untersucht die E-Mails und analysiert die Inhalte statistisch.

Das Programm errechnet daraus die Wahrscheinlichkeit für jedes Wort in einer Mail, dass es Teil einer Spam-Nachricht ist. Solche Programme werden «Bayes-Filter» genannt, weil sie auf dem nach dem englischen Mathematiker Thomas Bayes benannten Bayesschen Wahrscheinlichkeitsbegriff beruhen.

Provider schreiten ein

Weil die Spam-Plage immer grösser wird, sind mittlerweile auch in der Schweiz verschiedene grosse Provider dazu übergegangen, Spamfilter in ihre Mailangebote einzubauen. Green, MSN und Bluewin bieten zu ihren Mailangeboten die Möglichkeit, einen Spamfilter zu aktivieren.

Das ist die effektivste Form der Spamabwehr: Werbemails werden mit solchen Spamfiltern bereits beim Provider in einen Spam-Ordner verschoben. Wer seine Mails mit einem Mailprogramm herunterlädt, bekommt sie gar nicht zu Gesicht. Der Ordner lässt sich über das Web kontrollieren.

Filtern bleibt ein Problem

Effektiv ist diese Form der Spamabwehr aber nur deshalb, weil Spam-Mails nicht heruntergeladen werden. Die Filter der Provider unterliegen denselben Unzulänglichkeiten wie die Filter, welche die Anwender selbst einsetzen. Scharfe Filter grenzen schnell zu viel aus, schwache Filter sind schnell nutzlos.

Die Benutzer reagieren frustriert und zunehmend hilflos. Spam ist heute für viele Internet-Anwender die grössere Plage als Computerviren. Die hohe Zahl der Spam-Mails verhindert vor allem zukunftsträchtige Anwendungen wie das mobile Abfragen von E-Mails.

Provider weiterhin gefordert

Viele Internetbenutzer erhoffen sich von den Providern mehr Einsatz gegen die Spam-Plage. «Der Kampf gegen Spam-Mails ist komplex, und es werden vorwiegend technologische Lösungsansätze verfolgt und entsprechende Massnahmen getroffen», erklärt Myriam Ziesack, Mediensprecherin von Bluewin.

Doch isolierte technische Massnahmen genügen nicht. Diese Erfahrung macht auch Bluewin. «Nur wer Spam von verschiedenen Seiten her bekämpft, wird Erfolge verzeichnen können», ist Ziesack überzeugt. «Ein Massnahmen-Mix aus den vier Bereichen Information, Technologie, Gesetzgebung und Kooperation innerhalb der Industrie ist unerlässlich.»

«Weisse Liste» als einzige Hoffnung

Fachleute zweifeln aber, ob mit Filtern auf lange Sicht der Werbeflut Herr zu werden ist. Das Verschicken von Massenmails ist zu einfach und zu billig, auch komplexe Mechanismen lassen sich umgehen.

Gut möglich, dass E-Mail-Benutzer bald zu radikaleren Massnahmen greifen müssen: zur «Weissen Liste». Das bedeutet, dass nur noch E- Mails akzeptiert werden, deren Absender bekannt und zugelassen ist. Ein neuer Absender muss sich bei einem Empfänger zuerst anmelden und quasi um elektronischen Einlass bitten. (sda)

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