Aktualisiert 07.07.2016 16:53

Gleichberechtigung?

«Wehrpflicht für Frauen ist blanker Hohn»

Die Dienstpflicht für beide Geschlechter ist für Frauenorganisationen kein Thema, solange Frauen anderswo benachteiligt seien. Das sorgt für Kritik.

von
daw
Bei den Sanitätern sind Frauen gefragt. Dennoch kommt eine Dienstpflicht bei den SP Frauen nicht gut an.

Bei den Sanitätern sind Frauen gefragt. Dennoch kommt eine Dienstpflicht bei den SP Frauen nicht gut an.

Keystone/Gaetan Bally

Müssen künftig auch Frauen ins Militär? Ein neuer Bericht hat die Diskussion um die Dienstpflicht für Frauen neu entfacht. Die Expertengruppe empfiehlt der Schweiz ein Modell nach dem Vorbild Norwegens.

Dort gilt die Dienstpflicht seit zwei Jahren für beide Geschlechter. Offizierskreise in der Schweiz haben sich wiederholt für eine Weiterentwicklung nach skandinavischem Vorbild ausgesprochen.

Frauenverbände winken ab

Bei Frauenorganisationen, die sich den Kampf für die Gleichberechtigung auf die Fahne geschrieben haben, stossen die Vorschläge der Experten allerdings auf wenig Gegenliebe: «Der Vorschlag ist blanker Hohn, solange die Frauen immer noch den Löwenanteil der unbezahlten Care-Arbeit leisten, sei es bei der Kinderbetreuung, im Haushalt oder bei der Pflege von Angehörigen», sagt etwa Nadine Brändli von der Organisation Terre des femmes.

Frauen leisteten einen grossen gesellschaftlichen Beitrag, auch ohne dass die Dienstpflicht für sie gelte. «Es wäre sehr ungerecht, hier anzusetzen.» Ins gleiche Horn bläst Natascha Wey, Co-Präsidentin der SP-Frauen: «Natürlich hätten Frauen die Fähigkeiten, um in der Armee zu dienen. Aber da sie bereits einen grossen Teil der unbezahlten Arbeit leisten, wäre es absurd, den Frauen noch die Wehrpflicht aufzubürden, zumal wir noch immer weit von der Lohngleichheit entfernt sind.» Ohnehin seien die SP-Frauen gegen eine allgemeine Wehrpflicht, sowohl für Männer als auch für Frauen.

Männerverbände: «Der heutige Zustand ist unhaltbar»

Markus Theunert von der Männerorganisation Männer.ch kritisiert, dass sich die Frauenorganisationen aus «ideologischen Gründen» nicht auf eine Diskussion einlassen wollten: «Eine wirksame Gleichstellungspolitik baut nicht auf ausgleichender Ungerechtigkeit. Für uns ist klar: Die Dienstpflicht muss entweder für alle oder niemanden gelten. Das ist aus der Gleichstellungsperspektive offensichtlich.» Der heutige Zustand sei unhaltbar.

Theunert kritisiert aber auch den Expertenbericht: Dieser begründe die Ausweitung der Dienstpflicht in erster Linie mit dem Fachkräftebedarf, nicht aber mit der Gleichstellung. Zudem werde ausgeklammert, wie Militär- oder Zivildienst in Zukunft besser mit der Familie vereinbart werden könnten.

Langfristige Pläne

Bei einer allfälligen Volksabstimmung hätte die Dienstpflicht für Frauen einen schweren Stand. Laut der ETH-Studie «Sicherheit 2015» befürworten sie nur rund 30 Prozent der Schweizer. Alt-Nationalrat Arthur Loepfe (CVP), der dem Expertengremium vorstand, lässt sich davon nicht ins Bockshorn jagen: «Es geht um eine langfristige Weiterentwicklung der Dienstpflicht. Für junge Frauen ist die Dienstpflicht kein Tabu mehr.»

Langfristig sei eine Dienstpflicht für beide Geschlechter auch aus dem Aspekt der Gleichberechtigung wünschenswert. Die Armee werde nicht grösser, könne so aber auf einen grösseren Pool von Fachkräften zurückgreifen – und etwa auch Ärztinnen rekrutieren. Männer und Frauen, die die Armee nicht benötigt, würden eine Abgabe leisten.

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