Aktualisiert 30.11.2011 15:50

Medizingeschichte

Weibliche Beschneidung als Allheilmittel

Genitalverstümmelung — eine barbarische Prozedur, der zahlreiche Frauen in Afrika unterworfen werden. Was kaum jemand weiss: Auch in Europa wurden Frauen beschnitten.

von
Daniel Huber

Kaum ein Mädchen in Somalia wächst unversehrt auf: Fast alle Frauen in dem ostafrikanischen Land werden im Laufe ihres Lebens am Genital verstümmelt. Die grausame Prozedur, bei deren extremster Form die gesamte Klitoris entfernt und die Vagina bis auf eine kleine Öffnung zugenäht wird, ist in vielen, vor allem islamisch geprägten afrikanischen Ländern noch blutige Tradition.

Allheilmittel Klitoridektomie

Weniger bekannt ist indes, dass eifrige Ärzte auch in Europa und Nordamerika bis ins 20. Jahrhundert hinein am weiblichen Unterleib herumschnippelten. Die Mediziner wollten so alle möglichen Leiden kurieren, von der damals verteufelten Onanie bis hin zum Schulschwänzen.

Die deutsche Ärztin Dr. Marion Hulverscheidt hat bereits 2000 in ihrer Dissertation* die Praxis und Diskussion der Genitalverstümmelung im 19. Jahrhundert aufgearbeitet. Sie weist darauf hin, dass beispielsweise der englische Arzt Isaac Baker Brown (1812-1873) in den 1860er-Jahren die Klitoridektomie, also die völlige Entfernung der Klitoris, als Panacea (Allheilmittel) für alle möglichen Leiden propagierte. «Damals befand sich die Chirurgie im Aufwind, und auch die Gynäkologen wollten diese modernen chirurgischen Methoden anwenden», erklärt Hulverscheidt im Interview mit 20 Minuten Online.

Propagandafeldzug für einen blutigen Eingriff

Browns Propagandafeldzug für die Klitoridektomie endete schliesslich in einem handfesten Skandal und seinem Ausschluss aus der Zunft der Ärzte. Aber nicht etwa, wie Hulverscheidt betont, weil er einige Frauen gegen deren Willen operiert hatte — viel schwerer wog sein Versäumnis, den Ehemann zu informieren. Denn nach der damals noch durchaus lebendigen Ansicht, dass die Frau zur Empfängnis einen Orgasmus erleben musste, kam die Entfernung der Klitoris einer Sterilisation gleich. Und darüber hätte der Ehemann informiert werden müssen. «Die Funktion der Klitoris war nämlich sehr wohl bekannt», so Hulverscheidt.

Die Zahl der Frauen, die im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert von wohlmeinenden Ärzten genital verstümmelt wurden, lasse sich nicht schätzen, erklärt Hulverscheidt. Klar aber sei, dass die Klitoridektomie in der Ärzteschaft intensiv diskutiert wurde: «Die Ärzte kannten das Phänomen.»

Gegen die «perverse» Masturbation

Und dies vor allem im englischsprachigen Kulturraum: Noch bis 1905 wurden Frauen in den USA die Schamlippen zugenäht, um die als pervers geltende Masturbation zu unterbinden. Die Klitoridektomie wurde von 1897 bis 1937 als Therapie für so unterschiedliche Leiden wie Epilepsie, Hysterie, Melancholie oder sogar Kleptomanie durchgeführt. Auch als Behandlung gegen lesbische Praktiken wurde sie angewandt. Die als pathologisch wahrgenommene Vergrösserung der Schamlippen war ebenfalls eine Indikation für den Eingriff.

Noch 1938 wurde ein Fall von Infibulation von einem Kasseler Arzt veröffentlicht, wie Hulverscheidt berichtet. Dabei werden die Schamlippen bis auf eine kleine Öffnung zugenäht (siehe InfoBox).

«Ideale werden kreiert»

Die Genitalverstümmelungen, wie sie in Europa ausgeführt wurden, unterschieden sich in einigen Aspekten von denen, die in Afrika heute noch vorgenommen werden. Während der Eingriff in Afrika meistens von Frauen, die der Prozedur selber unterworfen waren, unter mangelhaften hygienischen Bedingungen durchgeführt wird, waren in Europa und Nordamerika studierte Ärzte mit sterilem Besteck am Werk. «Die körperlichen Folgen aber sind auf jeden Fall vergleichbar», sagt Hulverscheidt, auch wenn der «Begründungszusammenhang ganz anders» sei.

Wie aber ein solcher Eingriff auch immer begründet wird, es geschieht stets in einem gesellschaftlichen Umfeld. Die Gestaltung und auch Verunstaltung des Körpers unterliegt sich wandelnden Idealen — Hulverscheidt nennt als Beispiel die Schamrasur, die sofort zu einem Anpassungsdruck bei der Form des weiblichen Genitals führe. «Ideale werden kreiert», so Hulverscheidt, «bei uns wie in Afrika.»

*Weibliche Genitalverstümmelung: Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, Göttingen 2001

Auch erhältlich als Taschenbuch .

Genitalverstümmelung

Weltweit leiden 160 Millionen Mädchen und Frauen unter den Folgen grausamer Genitalverstümmelung, vor allem in afrikanischen Ländern. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommen jährlich drei Millionen Mädchen hinzu.

Infolge der Migration ist die Genitalverstümmelung auch in europäischen Ländern zum sozialen und juristischen Problem geworden.

Die Methoden

Die WHO unterscheidet vier verschiedene Typen der weiblichen Beschneidung:

Typ I: Teilweises oder vollständiges Entfernen des äusserlich sichtbaren Teils der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut (Klitoridektomie).

Typ II: Teilweises oder vollständiges Entfernen des äusserlich sichtbaren Teils der Klitoris und der kleinen Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der grossen Schamlippen (Exzision).

Typ III: Verengung der Vaginalöffnung, indem die kleinen und/oder die grossen Schamlippen beschnitten und zusammengefügt werden, mit oder ohne Entfernung des äusserlich sichtbaren Teils der Klitoris (Infibulation).

Typ IV: sämtliche Praktiken, die sich nicht einer der anderen drei Kategorien zuordnen lassen.

Die Folgen

Die Entfernung der Klitoris ist ein traumatischer Eingriff, der die sexuelle Integrität irreparabel beschädigt. Da der Eingriff oft ohne Betäubung und mit unzureichenden Mitteln vorgenommen wird, kommt es dabei zu starken Blutungen und extremen Schmerzen. Auch die Folgen des Eingriffs können zu teilweise lebenslangen Schmerzen führen.

Oft kommt es zu Infektionen, die manchmal tödlich verlaufen. Beim Unterbruch von bestimmten Nervenbahnen kommt es zu Inkontinenz und Schmerzen beim Wasserlassen. Besonders schwer wiegend sind die Folgen bei der Infibulation; hier kann es zum Rückstau des Menstruationsblutes oder des Harns kommen. Die künstlich verkleinerte Körperöffnung muss für den Geschlechtsverkehr oder für Geburten geöffnet werden.

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