Heissere Sommer: Weiden bei uns bald Kamele statt Kühe?

Aktualisiert

Heissere SommerWeiden bei uns bald Kamele statt Kühe?

Der Klimawandel zwingt Bauern zum Umdenken. Sie müssten auf neue Gemüsesorten und Tierarten ausweichen, sagt Jürg Fuhrer von Agroscope.

von
J. Büchi
Kamele im Zoo Zürich: Werden die Tiere künftig zu einer wichtigen Ertragsquelle für die Schweizer Bauern?

Kamele im Zoo Zürich: Werden die Tiere künftig zu einer wichtigen Ertragsquelle für die Schweizer Bauern?

Herr Fuhrer, der Hitzesommer hat der Landwirtschaft dieses Jahr teils gravierende Ernteausfälle beschert. Mit dem Klimawandel dürfte sich dieses Problem gemäss Ihren Berechnungen noch verschärfen. Kommen also harte Zeiten auf die Schweizer Bauern zu?

Jürg Fuhrer: Tatsächlich dürfte es aufgrund des Klimawandels künftig häufiger zu sehr heissen und trockenen Sommern kommen. Um Ernteverluste und Futtermangel zu vermeiden, empfehlen wir eine Anpassung der Bewässerungssysteme. Das Wasser muss beispielsweise aus grösseren Reservoirs bezogen werden, damit kleine Flüsse und Bäche nicht austrocknen. Aber auch auf der Bewirtschaftungsseite gibt es Handlungsbedarf: Die Bauern müssen sich fragen, wo sie welche Kulturen noch anbauen können.

Gibt es Gemüsesorten, die in Zukunft nicht mehr gedeihen werden in der Schweiz?

Bei den Kartoffeln haben wir sicher ein Problem. Sie kommen aus einem kühlen Klimaraum und können ohne ausreichende Bewässerung kaum angebaut werden. Wenn überhaupt, können sie in Zukunft nur noch in höheren Lagen angepflanzt werden. In tieferen Lagen wären die Ernteverluste so gross, dass sich die Produktion für die Bauern nicht mehr lohnen würde. Auch bei fast allen anderen Gemüsesorten drohen bei mangelnder Bewässerung Ernteverluste. Eisbergsalat etwa erträgt Hitze und Trockenheit besonders schlecht.

Müssen die Bauern ihre Äcker und Felder also in die Berge verlagern?

Bauern in geeigneten, höheren Lagen werden in Zukunft vermutlich häufiger die Möglichkeit haben, Ackerkulturen anzubauen, statt auf nur auf Tierhaltung zu setzen. In den tieferen Lagen wird es wichtig sein, Kulturen anzubauen, die weniger hitze- und trockenheitsempfindlich sind und früh im Jahr ihre Hauptwachstumszeit haben. Es gibt beispielsweise Maissorten, die dafür gut geeignet sind.

Könnten in der Schweiz künftig auch Gemüse- und Obstsorten angebaut werden, die heute erst in südlichen Ländern heimisch sind?

Das wird sicher eine Möglichkeit sein. Es ist beispielsweise vorstellbar, dass vermehrt Zitrusfrüchte angebaut werden. Es wäre aber falsch, sich vorzustellen, dass wir plötzlich ein südeuropäisches Klima haben, in dem es immer warm und trocken ist. Bei uns wird es auch weiterhin Kälteperioden geben – die angebauten Sorten müssen das aushalten können.

Dann werden die Apfelbäume im Thurgau in naher Zukunft nicht durch Bananen-Plantagen ersetzt?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen (lacht). Ein Faktor ist natürlich auch die Nachfrage. Solange exotische Früchte zu günstigen Preisen aus dem Ausland importiert werden, lohnt sich ein Anbau in der Schweiz unter Umständen gar nicht.

Welche Auswirkungen wird der Klimawandel auf die Milch- und Fleischwirtschaft haben?

Die Folgen für die Tierhaltung sind nicht zu unterschätzen. Bei der Futterproduktion haben wir das Problem, dass das Gras in einem heissen und trockenen Umfeld nicht richtig wächst. Die Betriebe müssen für teures Geld Futter zukaufen. Auch die Tiere selber leiden: Kühe geben weniger Milch, wenn sie zu heiss haben. Auch Schweine und Hühner vertragen die Hitze schlecht, was sich auf die Fleischproduktion auswirken kann.

Was ist zu tun? Ist analog zum Gemüse auch eine Umstellung auf andere Tierarten nötig?

Das wird diskutiert. In 50 Jahren könnten andere Tierarten oder -rassen auf den Weiden stehen als heute. Hochlandrinder sind beispielsweise genügsamer als gewöhnliche Kühe. In Trockengebieten in anderen Teilen der Welt sind Kamele, Geissen und Schafe sehr verbreitet. Ich würde mich aber nicht so weit aus dem Fenster lehnen, dass ich sagen würde, dass sich Kamele auch bei uns durchsetzen. Im technischen Bereich könnte sich die Schweizer Landwirtschaft aber sicher etwas von südlicheren Gefilden lernen. Ventilatoren oder Berieselungsanlagen in den Ställen werden künftig auch bei uns häufiger anzutreffen sein.

Jürg Fuhrer ist Nachhaltigkeitsexperte bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung.

Zürcher Gemeinde ruft zum Wassersparen auf

In der Zürcher Gemeinde Neerach ist das Wasser knapp. Weil auch die Gewitter die Situation kaum entschärften, ruft der Gemeinderat die Bevölkerung nun per Schreiben zum Wassersparen auf.

So soll man etwa das Autowaschen unterlassen und Rasenflächen nicht mehr wässern, aber auch in Alltagssituationen nur so viel Wasser wie unbedingt nötig konsumieren. Die Gemeinde rät ausserdem zu Duschen statt Baden, nur volle Waschmaschinen laufen zu lassen und beim «kleinen Geschäft» die WC-Spülung zu unterbrechen.

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