Eltern im Verschwörungssumpf  – «Weil ich mich impfen liess, schmiss mich meine Mutter aus der Wohnung»

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Eltern im Verschwörungssumpf «Weil ich mich impfen liess, schmiss mich meine Mutter aus der Wohnung»

Verschwörungstheorien bezüglich der Corona-Pandemie entzweien Familien und Freunde. Ist eine sachliche Diskussion nicht mehr möglich, droht oft der Kontaktabbruch. Drei Betroffene erzählen, wie sie damit umgehen.

von
Seline Bietenhard
Thomas Obrecht
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Immer öfter suchen Menschen bei Beratungsstellen Hilfe, weil Familienmitglieder oder Freunde Verschwörungstheorien verfallen. 

Immer öfter suchen Menschen bei Beratungsstellen Hilfe, weil Familienmitglieder oder Freunde Verschwörungstheorien verfallen. 

Lucia Hunziker, Tamedia
«Die Beziehung zu meiner Mutter war bereits vorher nicht leicht, doch mit dem Beginn der Pandemie wurde alles noch viel schlimmer», sagt ein Betroffener, der anonym bleiben möchte. 

«Die Beziehung zu meiner Mutter war bereits vorher nicht leicht, doch mit dem Beginn der Pandemie wurde alles noch viel schlimmer», sagt ein Betroffener, der anonym bleiben möchte. 

Tamedia AG
Als er sich impfen liess, habe ihn seine Mutter aus der Wohnung geschmissen. «Sie sagte, sie könne sich nicht ansehen, wie ihr Sohn sterben werde – eine weitere Verschwörungstheorie», so der 25-Jährige. 

Als er sich impfen liess, habe ihn seine Mutter aus der Wohnung geschmissen. «Sie sagte, sie könne sich nicht ansehen, wie ihr Sohn sterben werde – eine weitere Verschwörungstheorie», so der 25-Jährige. 

20min/Simon Glauser

Darum gehts

Während der Corona-Pandemie sind viele Menschen in Verschwörungstheorien abgedriftet. Immer mehr Personen suchen Hilfe bei Extremismus- und Radikalisierungsfachstellen, um Probleme mit Verschwörungstheoretikern im Familien- und Freundeskreis zu verarbeiten. Experten gehen von einer grossen Dunkelziffer aus. Drei Betroffene beschreiben ihre Erfahrungen.

Anonym (25, m): «Sie warf meine Kindheitsbilder in den Müll»

«Meine Mutter driftete bereits zu Beginn der Corona-Pandemie in Verschwörungs-Kreise ab. Sie ist sehr stark depressiv, kämpft bereits ihr ganzes Leben lang mit der Krankheit. In den letzten Jahren verschlechterte sich ihre Verfassung. Meine Beziehung zu ihr war deshalb bereits vorher nicht leicht, doch mit dem Beginn der Pandemie wurde alles noch viel schlimmer. Sie verkehrte wohl schon früh in Querdenker-Kreisen, lernte in der Community schnell neue Freunde kennen, was mich zunächst gefreut hat. 

Doch die Beziehung zu ihr ist im letzten Jahr deutlich schwieriger geworden. Bei einigen Besuchen wollte sie mir das in einschlägigen Kreisen bekannte «Allheilmittel» Chlordioxid verabreichen. Später brach ein Streit aus, weil ich mich impfen liess. Sie drohte, sich an denjenigen zu rächen, die mich in meiner Entscheidung bestärkt hatten. An diesem Abend forderte sie mich auf, alle meine Sachen zu packen und nicht mehr nach Hause zu kommen. Sie sagte, sie könne sich nicht ansehen, wie ihr Sohn sterben werde – eine weitere Verschwörungstheorie.

Im Streit warf sie die Bilder meiner Kindheit vor meinen Augen in den Müll. Dieser Abend war mit Abstand der grösste Tiefpunkt meines Lebens. Ich brach den Kontakt danach ab. Es war sehr hart. Es fühlte sich an, als habe sich eine Wand zwischen mir und meiner Mutter aufgebaut, als würden wir in zwei verschiedenen Welten leben. Ich verstand ihre Ängste und Sorgen einfach nicht mehr und konnte auch nicht mehr darauf eingehen. Ich konnte mit ihr über nichts mehr alltägliches reden, für sie gab es nur noch Corona. Zum Glück unterstützen mich meine Freunde und meine Freundin. Ich habe mich mit der Situation abgefunden. Aber die Hoffnung auf eine schnelle Versöhnung habe ich verloren.»

Anonym (31, w): «Diskussionen sind nicht mehr möglich»

«Seit seiner Pensionierung hat mein Schwiegervater begonnen, sich zunehmend mit alternativen Thematiken auseinanderzusetzen. Waren es anfangs noch harmlose Esoterik-Kurse, sieht er sich nun Verschwörungstheorien nicht abgeneigt. Dazu vertritt er auch zunehmend eine antisemitische Haltung und verleugnet etwa den Holocaust. Corona hält er für eine harmlose Grippe, wobei er und seine Freunde zu einem kleinen Bevölkerungsanteil gehörten, welche noch «selbstdenkend» agierten. Diese Bestätigung in seinem Freundeskreis führt dazu, dass er sich zunehmend nach aussen isoliert.

Corona ist ein permanentes Thema, sachliche Diskussion sind nicht mehr möglich. Schutzmassnahmen und Tests verweigert er, auf das gemeinsame Weihnachtsfest und auf Treffen mit seinem viermonatigen Enkel verzichtet er deshalb.  Auch meine Schwägerin steckt im Verschwörungssumpf. Sie weigert sich resolut, Masken anzuziehen und will auch nicht, dass sich ihr Kind an die Corona-Massnahmen hält. Wir versuchen trotz allem, den gemeinsamen Kontakt zu diesen Familienmitgliedern aufrecht zu erhalten. Doch solange die Verschwörungstheorien um Corona weiterhin zirkulieren, ist das Konfliktpotenzial einfach zu gross.

Ian (23): «Von meinem Onkel höre ich gar nichts mehr»

«Mein Onkel kommt nicht mehr an Familienfeste, weil er komplett in den Verschwörungstheorien drin hängt. Als Grund gab er an, nicht mit allen ständig diskutieren zu wollen. Seine Ansichten sind sehr radikal, doch zum Glück hetzt er nicht und behält seine Meinung grösstenteils für sich.

Trotz unterschiedlichen Meinungen verstehen sich die restlichen Familienmitglieder untereinander immer noch gut, von ihm hört man mittlerweile aber gar nichts mehr. Ich finde es schade, weil ich glaube, dass man von anderen Meinungen – auch wenn man sie nicht teilt – profitieren und sein Weltbild erweitern kann. Das fällt vielen leider sehr schwer. Ich bedaure, dass uns mein Onkel deswegen nicht mehr sehen will.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel.  058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.chRatgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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