Frauenberufe: «Weil ich Primarlehrer werden will, werde ich als Pädophiler abgestempelt»
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Frauenberufe«Weil ich Primarlehrer werden will, werde ich als Pädophiler abgestempelt»

Männer, die in Berufen mit einer hohen Frauenquote arbeiten, werden dafür oft schräg angeschaut. Deshalb schämen sich viele für ihren Beruf. Drei Betroffene erzählen.

von
Nicolas Meister
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Wer als Mann in einem Frauenberuf arbeitet, wird oft schräg angeschaut. Viele schämen sich deshalb für ihren Beruf. (Symbolbild)

Wer als Mann in einem Frauenberuf arbeitet, wird oft schräg angeschaut. Viele schämen sich deshalb für ihren Beruf. (Symbolbild)

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Der angehende Pflegefachmann Riccardo schämte sich einst auch für seinen Beruf. «Er passte nicht zu meinem Männerbild. Auch das Klischee, dass in diesem Beruf nur schwule Männer arbeiteten, machte mir zu schaffen.» (Symbolbild)

Der angehende Pflegefachmann Riccardo schämte sich einst auch für seinen Beruf. «Er passte nicht zu meinem Männerbild. Auch das Klischee, dass in diesem Beruf nur schwule Männer arbeiteten, machte mir zu schaffen.» (Symbolbild)

Tamedia AG
Auch Marius*, der sich per Nachricht auf den Aufruf gemeldet hatte, hat seine Berufswahl in den letzten Monaten mehrmals hinterfragen müssen: «Wenn ich erzähle, dass ich Primarlehrer werden möchte, fragen mich viele, ob ich ein Pädophiler sei.»

Auch Marius*, der sich per Nachricht auf den Aufruf gemeldet hatte, hat seine Berufswahl in den letzten Monaten mehrmals hinterfragen müssen: «Wenn ich erzähle, dass ich Primarlehrer werden möchte, fragen mich viele, ob ich ein Pädophiler sei.»

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Darum gehts

Viele Männer, die in einem Frauenberuf arbeiten, schämen sich dafür. Das zeigt ein Aufruf von 20 Minuten. Einer von ihnen ist R. S.* aus dem Kanton Wallis. «Ich wollte mich nach Jahren als Elektriker beruflich neu orientieren. Mein Traum war es, in den Fachbereich Betreuung (FaGe) einzusteigen.» Doch dafür habe er sich geschämt, sagt der 32-Jährige gegenüber 20 Minuten. «Das passte nicht zu meinem Männerbild. Auch das Klischee, dass in diesem Beruf nur schwule Männer arbeiteten, machte mir zu schaffen.»

Trotzdem habe er sich schlussendlich dazu überwunden, die Ausbildung zum Fachmann Betreuung in Angriff zu nehmen. «Anfangs erhielt ich von Männern schräge Blicke, doch mittlerweile reagieren fast alle positiv auf meinen Beruf.» Ausserdem könne er nun zu seiner künftigen Arbeit stehen. «Noch während meiner Ausbildung sagte ich immer, ich sei Elektriker.»

Vorurteile schrecken ab

Auch M. D.* hat seine Berufswahl in den letzten Monaten mehrmals hinterfragen müssen: «Wenn ich erzähle, dass ich Primarlehrer werden möchte, fragen mich viele, ob ich ein Pädophiler sei.» Viele hätten die Vorstellung, dass Berufe, in denen man mit Kindern arbeitet, reine Frauenberufe seien, sagt D. Er appelliert deshalb an alle betroffenen Männer, sich nicht von Vorurteilen und Rollenbildern leiten zu lassen.

Bist du mit deinem Beruf zufrieden?

«Die Scham habe ich schon lange hinter mir gelassen», sagt hingegen der 20-jährige J. K.*. Bereits in der Primarschule habe er Florist werden wollen, doch seine Eltern hätten dies nicht zugelassen. «Mit einem Frauenberuf könne man keine Familie ernähren, sagte mein Vater immer. Dass ich schwul war und deshalb keine Familie haben wollte, war für meine bibelgetreuen Eltern ein zusätzlicher Schock.» Heute sei er glücklich, auch wenn er seinen einstigen Traumberuf nicht ausübe.

«Ein Exot zu sein, ist unangenehm»

Dass sich viele Männer mit der Wahl eines Frauenberufs schwer tun, bestätigt Markus Theunert vom Dachverband der Männer- und Väterorganisationen «männer.ch». «Ein Exot zu sein, ist vielen unangenehm. Man will ja einfach das machen, was einem am besten liegt.» Gleichzeitig sei es auch attraktiv, weil man als Mann in sozialen Berufen in der Regel ein begehrter Arbeitnehmer sei, so Theunert. «Für manche liegt auch grad der Reiz darin, gegen den Strom zu schwimmen und etwas ganz anderes zu wagen als die meisten Kollegen.»

Mehr Aufklärung und bessere Löhne

Ein Geschlechtergleichgewicht sei gerade in sozialen Berufen wichtig, sagt Theunert. Damit mehr Männer in SAGE-Berufe (siehe Box unten) einstiegen, brauche es deshalb Sensibilisierung und Aufklärung. «Leider gibt es auch heute noch viele falsche Vorurteile, Klischees und Verdachtsmomente, etwa, wenn Männer mit Kindern arbeiten möchten. Stattdessen sollten die Vorteile eines sozialen Berufs besser beleuchtet werden», so Theunert. Gleichzeitig müsse man die Berufe attraktiver gestalten. «Dazu gehören eine bessere Bezahlung sowie mehr Anerkennung und Wertschätzung.»

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