Aktualisiert 05.12.2014 10:00

Schwarze beschuldigt

Weisse erzählen von ihren unbestraften Verbrechen

Ein weisser Polizist tötet in New York einen Schwarzen. Jetzt erzählen Weisse von ihren krummen Touren, die folgenlos blieben, weil sie die «richtige» Hautfarbe hatten.

von
cfr
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4. Dezember 2014: In der zweiten Nacht nach dem Entscheid gegen ein Verfahren zum erwürgten Eric Garner protestieren Tausende in New York.

4. Dezember 2014: In der zweiten Nacht nach dem Entscheid gegen ein Verfahren zum erwürgten Eric Garner protestieren Tausende in New York.

Keystone/Jason Decrow
Ein US-Polizist hat in New York einen Schwarzen zu stark gewürgt. Der Mann starb dabei. Trotzdem wird keine Anklage erhoben, weswegen die Bevölkerung am 3. Dezember 2014 auf die Strasse geht.

Ein US-Polizist hat in New York einen Schwarzen zu stark gewürgt. Der Mann starb dabei. Trotzdem wird keine Anklage erhoben, weswegen die Bevölkerung am 3. Dezember 2014 auf die Strasse geht.

Keystone/Julio Cortez
So blockieren die Protestler die Strassen des Big Apple für den verstorbenen Eric Garner.

So blockieren die Protestler die Strassen des Big Apple für den verstorbenen Eric Garner.

Dukas/Alex Wong

Unter dem Hashtag #CrimingWhileWhite (zu deutsch: Verbrechen begehen als Weisser) verbreiten weisse Nutzer Delikte, mit denen sie davongekommen sind – und für die die Polizei teilweise sogar Schwarze beschuldigte. Der Hashtag ist zurzeit einer der meistverbreiteten auf Twitter.

«Mein 13-jähriger Sohn und seine Freunde haben sich kürzlich bei Walgreens rumgedrückt. Nur sein schwarzer Kumpel wurde wegen möglichen Ladendiebstahls durchsucht.» (Weitere Geschichten der Twitter-Nutzer weiter unten).

Der Online-Protest ist eine Reaktion auf die Entscheidung einer Grand Jury in New York, einen weissen Cop nicht anzuklagen. Dieser hatte im Juli den unbewaffneten 43-jährigen Schwarzen Eric Garner zu Tode gewürgt – drei Wochen bevor ein weisser Polizeibeamte den Schwarzen Michael Brown in Ferguson erschoss. Auch jener Polizist entging einer Anklage. Auf sozialen Medien beklagen Amerikaner jetzt sogenanntes «racial profiling» – das Handeln der Behörden aufgrund von Kriterien wie Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder Herkunft – sowie die Doppelmoral der Polizei.

«Polizei sieht mich höchstens als Opfer»

Für Weisse gelte eine fast unantastbare Unschuldsvermutung, schreibt eine Frau: «Ich kann in meiner gentrifizierten Nachbarschaft eigentlich tun und lassen, was ich will, weil die Polizei Weisse nicht beachtet, ausser als Opfer.»

Die Fälle von Ferguson und New York würfen ein Licht darauf, dass in den USA immer noch ein tiefsitzender Rassismus herrsche, schreibt ein Nutzer, vor allem bei der Polizei. «Wenn du in Schulen und Kinos um dich schiesst, sagen die Behörden einfach, du seist psychisch krank», sagt ein anderer.

«CriminalWhileWhite verbreitet sich weltweit und ist ein Augenöffner. Riesige rassenbedingte Unterschiede bestehen immer noch in den USA, vor allem im Verhalten der Polizei.»

#CrimingWhileWhite reiht sich in die Hashtags ein, die die Diskriminierung von Schwarzen in Amerika thematisieren. Nach den Tötungen von Michael Brown in Ferguson und des 12-jährigen Tamir Rice in Ohio machten bereits Hashtags wie #HandsUpDontShoot (Hände hoch, schiesse nicht) und #BlackLivesMatter (schwarze Leben zählen) die Runde.

100 Menschen in New York festgenommen

Ob ein auf Twitter geführter Protest zu einem Dialog führt, der den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft effektiv thematisieren und die Diskussion auf eine politische Ebene heben kann, wird sich zeigen.

Die aktuellen Proteste in New York beschränkten sich unterdessen nicht nur auf die sozialen Medien: Bei Demonstrationen im Viertel Staten Island, wo Garner starb, wurden mehr als 100 Menschen festgenommen. Zwölf Gebäude gingen in Flammen auf.

Weitere Tweets unter dem Hashtag #CriminalWhileWhite:

«Habe meine ganze Kindheit mit einer echt aussehenden Spielzeugpistole gespielt, wo immer wir wollten.»

«Ich habe etwas geklaut, als ich 14 Jahre alt war. Sie haben mich gehen lassen, weil meine Eltern vorbeikamen und wir ‹wie eine nette Familie aussahen›».

«Ich habe ein Restaurant verlassen, ohne zu zahlen. Ein Polizist fand mich im Kino. Ich zahlte die Rechnung und er ging. Ich war unfreundlich, wurde aber nicht verhaftet und getötet.»

«Was haben alle #CriminalWhileWhite-Twitterer gemeinsam? Sie können ihre Geschichte erzählen, weil sie leben.»

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