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Cultural Appropriation«Weisse fühlen sich nicht in die Ecke gedrängt»

Ist es rassistisch, Weisse aufzufordern, keine afrikanischen Frisuren zu tragen? Dozentin Debra Ali-Lawson zur Bewegung gegen Cultural Appropriation.

von
D. Pomper
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Diesen Herbst schickte die Stardesignerin Stella McCartney ihre Models in afrikanischen Kleidern über den Laufsteg. Die Empörung folgte prompt: «Liebe westliche Modehäuser, bitte hört auf, Designs zu benutzen, die Afrikaner seit Jahren tragen, sie euer Eigen zu nennen und die Leute dafür kräftig zur Kasse zu bitten. Danke», schrieb etwa das Onlinemagazin Okayafrica.com.

Diesen Herbst schickte die Stardesignerin Stella McCartney ihre Models in afrikanischen Kleidern über den Laufsteg. Die Empörung folgte prompt: «Liebe westliche Modehäuser, bitte hört auf, Designs zu benutzen, die Afrikaner seit Jahren tragen, sie euer Eigen zu nennen und die Leute dafür kräftig zur Kasse zu bitten. Danke», schrieb etwa das Onlinemagazin Okayafrica.com.

AP
Auf Twitter geriet McCartney ebenfalls unter Beschuss.

Auf Twitter geriet McCartney ebenfalls unter Beschuss.

Auch Designer Marc Jacobs musste im Frühling Kritik einstecken, weil er seine vorwiegend weisse Models, darunter auch Gigi Hadid, mit bunten Dreadlocks über den Laufsteg geschickt hatte.

Auch Designer Marc Jacobs musste im Frühling Kritik einstecken, weil er seine vorwiegend weisse Models, darunter auch Gigi Hadid, mit bunten Dreadlocks über den Laufsteg geschickt hatte.

Jared Siskin

Frau Ali-Lawson, in mehreren Ländern wächst die Bewegung gegen Cultural Appropriation. Ihre Anhänger fordern etwa, dass Weisse keine afrikanischen Frisuren tragen sollen oder mit ursprünglich afrikanischer Musik wie etwa Blues oder Jazz kein Geld machen sollen. Was steckt hinter dieser Bewegung?

Dahinter steckt möglicherweise ein grundlegendes Gefühl von Ungerechtigkeit, das Gefühl noch immer von exkolonialen Mächten ausgebeutet zu werden. Doch ich bezweifle, dass die Bewegung gegen Cultural Appropriation daran wesentlich etwas ändert. Stattdessen bleibt man in der Rolle des Ausgebeuteten.

Wie meinen Sie das?

Die Diskussion über kulturelle Aneignung läuft nun sicher schon seit 30 Jahren. Ich beobachte, dass immer mehr Natives, etwa die Kanadierin Kateri Akiwenzie-Damm, zum Schluss kommen, dass diese Debatte zu nichts führt. Stattdessen treten sie aus der Opferrolle heraus und organisieren sich neu. Sie stärken ihre eigene Community, erzählen ihre Kulturgeschichte, promoten diese, werden künstlerisch oder literarisch tätig. Solche Aktionen stärken das Selbstbewusstsein und sind im besten Fall auf wirtschaftlich lukrativ, was wiederum die Community stärkt.

Der Präsident des Afrikanischen Diasporarates in der Schweiz ortet hinter der Bewegung einen Minderwertikgeitsheitskomplex. Wir hatten einen schwarzen US-Präsidenten, an der Spitze der CS steht mit Tidjane Thiam ein Mann aus der Elfenbeinküste. Ist das Selbstbewusstsein nicht gewachsen?

Es geht nicht um einzelne Personen in Spitzenpositionen, sondern um die Verteilung von Macht oder Reichtum. Fühlt man sich ganz persönlich in seinem Alltag unterlegen und benachteiligt oder nicht? Ist man mehr von Armut oder Benachteiligung betroffen oder nicht?

Ist es rassistisch, wenn jemand fordert, Weisse sollen keine afrikanische Frisuren tragen und mit afrikanischer Musik wie etwa Jazz oder Blues kein Geld verdienen?

Für mich bedeutet Rassismus, dass man sein Gegenüber aufgrund seiner Hautfarbe oder Ethnie heruntersetzt, seine Kultur als minderwertig darstellt. Indem Anspruch auf die eigene Kultur erhoben wird, passiert weder das eine noch das andere.

Wäre es also auch nicht rassistisch, wenn Weisse Schwarze dazu auffordern würden, keine Krawatte und Anzug mehr zu tragen, weil dieser Kleidungsstil ursprünglich westlich ist?

Mit meiner Auslegung von Rassismus wäre es nicht rassistisch, aber aufgrund des Kontext in meinen Augen problematischer. Denn: Der Weisse fühlt sich nicht in die Ecke gedrängt oder seiner Kultur beraubt, wenn Schwarze Anzug und Krawatte tragen. Es stört ihn nicht und es schadet ihm auch wirtschaftlich nicht. Je nach dem, wer mehr Macht innehat oder ob man zum Gewinner des globalen Systems gehört oder nicht, ist man sensibler gegenüber Cultural Appropriation. Dessen sollten wir uns bewusst sein.

Gewisse Leser sind der Meinung: Wenn Weisse keine Cornrows oder Rastas mehr tragen dürfen, dann sollen sich Schwarze ihre Haare nicht mehr glätten.

Ich habe wenig Verständnis für ein generelles Frisurenverbot. Wenn ein Weisser eine afrikanische Frisur trägt, weil er von dieser Kultur fasziniert ist und sich damit auseinandergesetzt hat, dann sollte man das akzeptieren. Grundsätzlich sollte uns bewusst sein, dass in der Schweiz die individuelle Freiheit über alle Parteien hochgehalten wird. Darum ist in der Gesellschaft der Aufschrei von links bis rechts gross, wenn dem Bürger vorgeschrieben werden soll, welche Frisur er tragen darf oder eben nicht.

Leser Erdling schreibt: «Ich bin glücklich, wenn ein Weisser wie ein Schwarzer herumläuft. Das zeigt Respekt und Vertrautheit und wirkt dem Rassismus entgegen.» Stärkt ein afrikanisches Outfit tatsächlich die interkulturelle Beziehung – oder ist das eher naives, westliches Wunschdenken?

Diese Aussage ist eine mögliche Interpretation dieses Verhaltens. Klar kann es sein, dass sich die Person mit der Kultur auseinandergesetzt hat. Es ist aber auch gut möglich, dass er das einfach nur trägt, weil es gerade angesagt ist.

Sie wurden als weisse Frau in Südafrika geboren. Was für Erfahrungen haben Sie persönlich mit Rassismus gemacht?

Ich erinnere mich, dass ich in den frühen 70er-Jahren, als 13-Jährige, ein durch die Kirche organisiertes interkulturelles Camp besucht habe, wo ich erstmals mit Kindern verschiedener Hautfarben gespielt, gegessen und geschlafen haben. Als ich die Freundschaften nach dem Camp weiter pflegen und meine neuen Bekanntschaften nach Hause einladen wollte, musste meine Familie bei der Polizei antraben. Indische Gäste musste man bei der Polizei einmal die Woche rapportieren, schwarze Kinder täglich. Für mich war das ein prägendes und einschneidendes Erlebnis. Es machte deutlich, dass Apartheid auch mich, als Weisse, enorm einschränkte und bestimmt nicht nur «schützte».

Debra Ali-Lawson ist Dozentin für Interkulturelles und internationales Managment an der Berner Fachhochschule. Sie wuchs in Südafrika auf und kam mit 18 Jahren in die Schweiz.

Rassismus-Strafnorm

Gemäss Schweizer Rassismus-Strafnorm ist die Aufforderung, Frisuren bestimmter Herkunft nicht zu tragen, nicht rassistisch. Nur wer öffentlich gegen eine Person oder Personengruppe wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion zu Hass oder Diskriminierung aufruft oder Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion in einer gegen die Menschenwürde verstossenden Weise herabsetzt oder diskriminiert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art.261 bis Rassendiskriminierung).

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