Fussballerin Sarah Akanji spricht im Interview über Rassismus im Sport

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Sarah Akanji im Gespräch«Weisse Fussballer müssen sich für Fussball ohne Rassismus einsetzen»

Sie ist Fussballerin, Aktivistin und Politikerin: Die Winterthurerin Sarah Akanji. Im Interview spricht sie über Rassismus im Sport und darüber, ob der Fussball ein Ventil ist. Ebenso redet sie über ein neues Projekt.

von
Nils Hänggi
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«Wenn man eine Person of Color in der Schweiz ist, kommt man die ganze Zeit mit Rassismus in Kontakt», meint Sarah Akanji.

«Wenn man eine Person of Color in der Schweiz ist, kommt man die ganze Zeit mit Rassismus in Kontakt», meint Sarah Akanji.

20min/Michael Scherrer
Die Winterthurerin spricht im Interview mit 20 Minuten.

Die Winterthurerin spricht im Interview mit 20 Minuten.

20min/Michael Scherrer
Akanji engagiert sich seit Jahren auch politisch gegen Diskriminierung und Rassismus.

Akanji engagiert sich seit Jahren auch politisch gegen Diskriminierung und Rassismus.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Sarah Akanji (29) spricht im Interview über Rassismus im Sport. 

  • Die Winterthurerin engagiert sich auch mit Vorträgen an Schulen gegen Diskriminierung.

  • Akanji fordert, dass sich explizit weisse Fussballer gegen Rassismus aussprechen.

Sarah Akanji, Sie machen beim Swiss-Sports-History-Projekt «Mit Schüler:innen über Rassismus im Sport reden» mit. Weshalb?

Rassismus ist im Sport Realität. Jede und jeder Betroffene ist schon einmal damit konfrontiert worden. Es wird nur noch immer zu wenig darüber gesprochen. An diesem Projekt finde ich cool, dass wir bereits bei der Basis beginnen. An den Schulen halten wir Vorträge und führen Diskussionen mit den Jugendlichen. 

In welcher Form erleben Sie Rassismus?

In jeglicher Form. Wenn man eine Person of Color in der Schweiz ist, kommt man die ganze Zeit mit Rassismus in Kontakt.

Wo zum Beispiel?

Beim Einkauf, in der Uni, beim Sport. 

Ist es dann eher unterschwelliger Rassismus oder offener?

Unterschwelliger, hauptsächlich struktureller Rassismus. Also dass man davon ausgeht, dass ich kein Deutsch kann, dass ich keine Studentin sein kann und ich in der Uni bin, um zu putzen. Im Sport ist es dagegen anders. Da ist der Rassismus viel offener und direkter. 

Sie meinten zuletzt: «Rassismus ist tief in der Gesellschaft verankert.» Warum?

Das hat mit der Geschichte zu tun, mit dem Kolonialismus. Die Schweiz war Teil von diesem, auch wenn sie keine eigene Kolonie hatte. Sie hat aber profitiert und auch investiert. Und auch die Politik ist ein Faktor. Zum Beispiel mit Kampagnen, in denen man die Angst vor «Überfremdung» schürt. Rassismus ist tief in der Gesellschaft eingebettet.

«Wenn schwarze Menschen gut spielen, ist alles gut. Wenn sie aber schlecht spielen, werden sie von gewissen Fans beleidigt», so die 29-Jährige, 

«Wenn schwarze Menschen gut spielen, ist alles gut. Wenn sie aber schlecht spielen, werden sie von gewissen Fans beleidigt», so die 29-Jährige, 

20min/Michael Scherrer

Vielen ist das vermutlich nicht bewusst.

Wenn man selbst betroffen ist, merkt man es. Wenn man aber nicht betroffen ist, hat man das Privileg, zu wählen, ob man sich damit auseinandersetzen möchte oder nicht.  Teils wissen Menschen gar nicht, welche Aussagen  rassistisch sind oder sind sich ihrer rassistischen Vorurteile nicht bewusst. Auch deshalb ist das Projekt von Swiss Sports History so wichtig. Wir müssen mehr über das Thema reden, Betroffenen richtig zuhören und deren Erfahrungen glauben!

Im Fussball kommt es immer wieder zu Rassismus-Eklats – auch in der Schweiz. Ist der Fussball ein Ventil?

Ich glaube schon. Und es herrscht ein Denken à la: Hier kann man noch genau das sagen, was man meint. Zudem ist es beim Fussball emotional, es ist hitzig. Und da verschwimmen manchmal die Grenzen. Hinzu kommt eine Gruppendynamik, dass sich teils Fans nicht mehr spüren. Das ist aber überhaupt keine Entschuldigung. 

Wie kann man das ändern?

Vereins-Funktionäre müssen was unternehmen, die Verbände, Fanmitarbeitende. Anti-Rassismus-Expertinnen und -Experten müssen in den Dialog eingeschlossen werden, pro-aktive antirassistische Arbeit muss betrieben werden, Workshops könnten angeboten werden und und und. Und der Sport ist ja nicht entkoppelt von der Gesellschaft. Je früher und umfänglicher wir anfangen mit der Sensibilisierung, desto besser ist es. 

Bewerten manche Menschen Spielerinnen und Spieler nach Hautfarbe – insbesondere wenn sie schlecht spielen?

Absolut. Wenn schwarze Menschen gut spielen, ist alles gut. Wenn sie aber schlecht spielen, werden sie von gewissen Fans beleidigt. Man kann doch den Wert einer schwarzen Person nicht mit ihrer Leistung verknüpfen! Das ist höchst problematisch. Beim EM-Final sah man das. Als die schwarzen Spieler Elfmeter verschossen, wurden sie beleidigt. Wenn sie ein Tor gemacht haben, sind  sie gefeiert worden. 

Sollten betroffene Spieler an die Öffentlichkeit gehen?

Ich finde, dass endlich mehr Nicht-Betroffene, also weisse Menschen, reagieren müssen. Rassismus geht nicht nur BIPoC (Black and Indigenous People of Color) was an. Rassismus wird von der weissen Gesellschaft aufrecht erhalten – also liegt bei ihr auch die Verantwortung, ihn mitzubekämpfen.

Manche sind der Meinung: Wer Opfer von Rassismus wird, muss reagieren und sich melden. 

Ich finde das extrem schwierig. Und ich merke es ja auch selbst: Wenn ich ein Eklat öffentlich mache, setze ich mich einer neuen Rassismus-Welle aus. Ich verstehe jede Person, die aus Selbstschutz nicht an die Öffentlichkeit geht. Eigentlich müssten alle die reagieren, die nicht in einer rassistischen Gesellschaft leben wollen. Also auch die Nicht-Betroffenen. 

Das ist das Projekt von Swiss Sports History

Swiss Sports History will die Rassismus-Problematik an der Wurzel packen und dazu beitragen, dass auf eine prägnante Art und Weise die Thematik «Rassismus im Sport» in die Schulen getragen wird. So erzählen beim Projekt sporthistorische Zeitzeuginnen und -zeugen in Videointerviews und an Schulbesuchen, wie sie Opfer rassistischer Vorfälle wurden und was aus ihrer Sicht gegen Rassismus in Gesellschaft und Sport getan werden muss. Neben Sarah Akanji sind dies Tennisspieler Elias Bene, der ehemalige Eishockeyprofi Cyrill Pasche und Urs Frieden, Gründer der Aktion «Gemeinsam gegen Rassismus». (nih)

Im Frauenfussball engagieren sich viele sehr aktiv, bei den Männern wurde zuletzt gefeiert, dass der 2. aktive Kicker sein Coming-Out hatte. Sollten sich Fussballer auch mehr engagieren?

Als Fussballerin macht man immer wieder Diskriminierungserfahrungen, weil man überhaupt schon die Sportart als Frau ausübt. Daher herrscht wahrscheinlich generell schon eine grössere Sensibilität. Man weiss, wie es sich anfühlt, angegriffen zu werden. Der Männerfussball ist so kommerziell, dass die Schönheit des Spiels und auch der Respekt manchmal verloren geht.

Ist das ein ja?

Ja, ich erwarte explizit von weissen Fussballern, dass sie sich proaktiv für einen gemeinsamen Fussball einsetzen, für ein Spiel ohne Rassismus und Hass. Es reicht einfach nicht, wenn die Verbände ein Banner präsentieren mit «No to racism». Es braucht mehr Engagement von verschiedensten Personen. 

Am Anfang meinten Sie, dass jede BIPoC in der Schweiz mit Rassismus in Kontakt kommt. Welchen Halt gibt die Familie?

Wir haben alle schon rassistische Erfahrungen gemacht. Wir können uns im Umgang damit unterstützen. Das Schöne, was eigentlich aber traurig ist: Wir verstehen uns. Wir müssen einander nicht erklären, wieso etwas nicht in Ordnung war. Wir müssen nicht diskutieren, ob etwas wirklich rassistisch war. Die Familie ist ein geborgener Ort, das ist schön. 

Apropos Familie: Um Ihren Bruder Manuel Akanji gibt es zig Gerüchte. Wie oft werden Sie auf ihn angesprochen?

Oft. Wohin wechselt er? Wechselt er überhaupt? Aber da verrate ich gar nichts. Es ist witzig, weil ich werde sowieso nie was sagen. Nicht einmal in meinem engen, privaten Umfeld sage ich was. Aus mir bekommt man nichts heraus (lacht). 

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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