Weiter Ringen um Fallpauschalen an Spitälern
Aktualisiert

Weiter Ringen um Fallpauschalen an Spitälern

Das Ringen um die Einführung leistungsorientierter Fallpauschalen an den Schweizer Spitälern geht weiter. Einen vom Spitaldachverband H+ präsentierten Kompromiss lehnt der Krankenversicherverband Santésuisse ab.

Die auf 2009 geplante Einführung von leistungsorientierten Fallpauschalen zur einheitlichen Abrechnung der Spitalleistungen war im August 2006 ins Stocken geraten. Santésuisse hatte sich damals vorläufig von der Gründung einer Aktiengesellschaft zur Umsetzung des Systems zurückgezogen.

Angst vor gläsernem Patienten

Santésuisse und H+ sind sich uneins darüber, welche Daten die Krankenkassen im geplanten Fallpauschalensystem SwissDRG (Diagnosis Related Groups) zusammen mit den Rechnungen der Spitäler erhalten sollen. Santésuisse will nicht nur die Abrechnung, sondern auch sämtliche Diagnosen, Nebendiagnosen und Behandlungen einsehen können.

Dies geht den Spitälern jedoch zu weit: Ihrer Ansicht nach würde damit der gläserne Patient Realität. H+ lehne es ab, diese sehr persönlichen und vertraulichen Informationen weiterzuleiten, sagte Verbandspräsident und Nationalrat Charles Favre (FDP/VD) am Donnerstag vor den Medien in Bern.

Rita Ziegler, Direktorin des Universitätsspitals Basel, nannte das Beispiel einer Geburt durch Kaiserschnitt. Es sei denkbar, dass dabei eine HIV-Infektion der Mutter festgestellt werde. Eine solch heikle Nebendiagnose würde dann ebenfalls der Krankenkasse zugänglich und zur Prüfung beim Vertrauensarzt der Versicherung landen.

Keine gesetzliche Grundlage

Für eine Übermittlung sämtlicher Diagnose- und Behandlungsdaten an die Krankenkassen fehle auch die gesetzliche Grundlage, sagte Favre weiter. Der Nationalrat habe es in der Frühjahrssession abgelehnt, eine solche zu schaffen.

Gegen das Ansinnen der Krankenkassen spreche auch, dass die Diagnose- und Behandlungsdaten codiert übermittelt würden. In dieser Form seien sie nicht geeignet, um die Wirtschaftlichkeit einer Behandlung zu überprüfen, wie dies der Auftrag der Krankenversicherer sei.

Professionelle Revisoren

Als Kompromiss hat H+ am Donnerstag professionelle Revisoren vorgeschlagen. Diese sollen die Codierung der Diagnose- und Behandlungsschritte in der Verwaltung der Spitäler überprüfen.

Anhand der Codierung der Spitalleistungen errechnet nämlich ein Softwareprogramm in einem zweiten Schritt den Preis der Behandlung. Die Revision würde einmal pro Jahr und Spital nach einheitlichen Kriterien erfolgen.

Eine solche professionelle Codierrevision sei zuverlässig, effizient und respektiere die Persönlichkeitssphäre der Patienten, sagte Favre. Und sie funktioniere auch, wie das Beispiel der USA zeige, wo sie Standard in den Spitälern sei. Auch in mehreren Zentralschweizer Spitälern werde so vorgegangen.

Daten mit erbrachten Leistungen vergleichen

Santésuisse kann dem Vorschlag der Spitäler jedoch nichts abgewinnen, wie deren Sprecher Nello Castelli in Bern sagte. Mit einer Codierrevision hätten die Krankenversicherer keine Möglichkeit, um zu überprüfen, ob die von der Spitalverwaltung erfassten Daten mit den effektiv erbrachten Leistungen übereinstimmten.

«Wir wehren uns nicht gegen das Fallpauschalensystem SwissDRG», sagte Castelli weiter. Santésuisse fordere jedoch, dass die Rechnungen zusätzliche Angaben zu Nebendiagnosen enthalten würden. (sda)

Was sind DRG?

DRG steht für Diagnosis Related Groups (diagnosebezogene Fallgruppen). DRG-Systeme fassen Fälle ähnlicher Diagnose und Therapie sowie ähnlicher Kosten in Gruppen (DRG) zusammen.

Sie eignen sich deshalb als Tarifgrundlage für diagnosebezogene Fallpreispauschalen. Ein so genannter Grouper (Software) gruppiert die einzelnen Fälle in bestimmte DRG. Er wird mit Angaben zur Diagnose und zu Eingriffen, Operationen und Therapien gefüttert. Daraus errechnet er die zugehörige DRG und hilft somit dem Spital bei der DRG-spezifischen Abrechnung.

Erste DRG-Systeme wurden vor rund 30 Jahren in den USA entwickelt. Seither hat sich daraus weltweit eine ganze Familie unterschiedlichster Systemderivate und Weiterentwicklungen gebildet.

Im Kanton Zürich budgetieren laut H& die Spitäler seit 2002 mit leistungsorientierten Fallpauschalen. Die Spitäler in Graubünden, Schwyz und dem Waadtland rechnen nach diesem System ab. In all diesen Fällen wird aber nicht SwissDRG verwendet, sondern das etwas gröbere System APDRG. (sda)

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