Ukraine-Krieg: Weizen, Stahl, Landmaschinen – so viel haben russische Truppen in 100 Tagen Krieg gestohlen

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Ukraine-KriegWeizen, Stahl, Landmaschinen – so viel haben russische Truppen in 100 Tagen Krieg gestohlen

Bei der russischen Invasion der Ukraine ist es verschiedentlich zu grossen Plünderungen gekommen. Neben grossen Mengen an Getreide entwendeten russische Soldaten auch Stahl und Alltagsgegenstände.

von
Reto Bollmann
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Nach Angaben der UN-Agrarorganisation (FAO) sind rund 700’000 Tonnen Getreide aus der Ukraine verschwunden.

Nach Angaben der UN-Agrarorganisation (FAO) sind rund 700’000 Tonnen Getreide aus der Ukraine verschwunden.

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Die Ukraine dürfte in diesem Jahr 14 Millionen Tonnen Getreide für den Export zur Verfügung haben –  in anderen Jahren waren 25 Millionen Tonnen für den Export oder die Lagerung über den Winter verfügbar.

Die Ukraine dürfte in diesem Jahr 14 Millionen Tonnen Getreide für den Export zur Verfügung haben – in anderen Jahren waren 25 Millionen Tonnen für den Export oder die Lagerung über den Winter verfügbar.

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Nachdem die Hafenstadt Mariupol durch Putins Truppen eingenommen worden war, tauchten Bilder auf, die zeigten, wie tonnenweise Stahl auf Schiffe verladen und abtransportiert wurde.

Nachdem die Hafenstadt Mariupol durch Putins Truppen eingenommen worden war, tauchten Bilder auf, die zeigten, wie tonnenweise Stahl auf Schiffe verladen und abtransportiert wurde.

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Darum gehts

  • Während der russischen Invasion der Ukraine ist es zu massiven Plünderungen seitens der russischen Truppen gekommen.

  • Unter anderem wurden grosse Mengen an Getreide und Stahl entwendet. 

  • Doch auch grosse Mengen an gestohlenen Alltagsgegenständen sendeten russische Soldaten in Paketen an ihre Angehörigen.

Getreide

Die Ukraine war bis Kriegsbeginn einer der weltweit wichtigsten Erzeuger von Weizen sowie ein grosser Mais-Produzent. Viele Länder, etwa in Nordafrika, sind abhängig von günstigem Weizen aus der Ukraine. Auch für die weltweite Ernährungshilfe ist das Getreide entscheidend. 

Nach Angaben der UN-Agrarorganisation (FAO) sind insgesamt rund 700’000 Tonnen Getreide aus der Ukraine verschwunden. «Es gibt anekdotische Beweise, dass russische Streitkräfte Getreide stehlen und mit Lastwagen nach Russland schaffen», sagte der stellvertretende FAO-Direktor Josef Schmidhuber Anfang Mai an einem UN-Briefing zu Reportern, wie die Nachrichtenagentur DPA schreibt. Nach Angaben Schmidhubers dürfte die Ukraine in diesem Jahr 14 Millionen Tonnen Getreide für den Export zur Verfügung haben, in anderen Jahren waren 25 Millionen Tonnen für den Export oder die Lagerung über den Winter verfügbar.

Seinem Verbündeten, Syrien, hat Russland schätzungsweise 100’000 Tonnen vom Getreide geschickt, wie die ukrainische Botschaft in Beirut gemäss der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag meldete.

Stahl

Nachdem die Hafenstadt Mariupol durch Putins Truppen eingenommen worden war, tauchten Bilder auf, die zeigten, wie tonnenweise Stahl auf Schiffe verladen und abtransportiert wurde. Dies bestätigt auch Denis Puschilin, Machthaber in der selbst ernannten «Volksrepublik Donezk», gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Interfax.

Ukrainische Schiffe wurden umbenannt und Teil einer neu entstehenden Handelsflotte der «Republik». Asovstal, das grösste Stahlwerk Europas, war das letzte Widerstandsnest der ukrainischen Armee in Mariupol. Vor dem Krieg sollen sich nach Angaben der «Bild» bis zu 200’000 Tonnen Gusseisen auf dem Gelände des Hafens befunden haben. Dies entspreche einem Gegenwert von 170 Millionen Dollar.

Landmaschinen

Auch landwirtschaftliche Maschinen stahlen russische Truppen aus der Ukraine. In einem Fall versuchten die Invasoren, sich zunächst mit zwei Mähdreschern, einem Traktor und einer Sämaschine davonzumachen. Innert kurzer Zeit entfernten sie dann insgesamt 27 Landmaschinen mit einem Gesamtwert von umgerechnet fünf Millionen Franken.

Nur anfangen konnten die russischen Diebe der Armee mit dem Diebesgut nichts, denn die Landmaschinen der neuesten Generation sind mit hoch entwickelten GPS-Steuerungen versehen. Der Besitzer konnte seine Maschinen einerseits jederzeit orten. Andererseits konnte er sein Hab und Gut per GPS blockieren – die Mähdrescher liessen sich zum Beispiel nicht einmal starten.

Somit müssten die Diebe die Sperren aufwändig umgehen oder es bliebe ihnen nichts anderes übrig, als die Maschinen zu zerlegen und in Einzelteilen zu verkaufen.

Zudem gab der stellvertretende FAO-Direktor Josef Schmidhuber Anfang Mai an, es gebe «glaubhafte Berichte, dass russische Streitkräfte Agrargeräte stehlen und Lagerhäuser zerstören». Es gebe Videos in den sozialen Medien, die die Diebstähle nahelegten, und er halte diese Videos für glaubwürdig.

Material aus Tschernobyl

Einen Monat lang besetzten russische Truppen das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl, in dem es 1986 zum schlimmsten Reaktorunglück der Menschheitsgeschichte kam. Die Zeitspanne reichte für die russischen Truppen, um Ausrüstung im grossen Stil zu entwenden und zu zerstören.

698 Computer, 344 Fahrzeuge und 1500 Strahlungsdosimeter umfasste die Liste gestohlener Gegenstände gemäss «Washington Post» am Donnerstag. Hinzu kommt unersetzbare Software sowie fast die gesamte Brandschutzausrüstung der ehemaligen Atomanlage. Die Ausrüstung verfügt demnach über einen Gesamtwert von umgerechnet 135 Millionen Franken.

Gemäss Jewhen Kramarenko, dem Leiter der Sperrzone, die immer noch sehr hohe Strahlungswerte aufweist und für die Öffentlichkeit nur beschränkt zugänglich ist, zeigen GPS-Tracker, dass sich ein Teil der gestohlenen Ausrüstung auf belarussischem Gebiet, vor allem entlang der Grenze, befinde. Speziell für die Station entwickelte Software ist unwiederbringlich verloren.

Alltagsgegenstände wie Waschmaschinen

Auch Alltagsgegenstände sind gemäss verschiedenen Berichten im grossen Stil aus der Ukraine entwendet worden. So zeigt ein Bild, das Anfang April aufgenommen wurde und aus der Nähe von Butscha stammt, einen ausgebrannten Militärlastwagen, der offensichtlich zivile Güter – darunter mehrere Waschmaschinen – geladen hatte, wie das «Redaktionsnetzwerk Deutschland» schreibt.

Wie die «Moscow Times» Ende Mai berichtete, haben russische Soldaten laut einer von der unabhängigen Nachrichtenseite Mediazona veröffentlichten Untersuchung seit Beginn der Invasion Ende Februar mindestens 58 Tonnen geplünderte Güter nach Hause geschickt.

Demnach analysierte Mediazona Pakete, die von 46 Filialen des Zustelldienstes SDEK in der Nähe der ukrainischen Grenze in Russland und Belarus sowie auf der annektierten Krim verschickt wurden. Die angeblich von russischen Soldaten verschickten Pakete waren häufig an ihrem Gewicht zu erkennen, wobei die Pakete in der Regel das Gewicht eines durchschnittlichen Pakets um ein Vielfaches übertrafen.

Passagierflugzeuge

Russland hat Flugzeuge, die von ausländischen Unternehmen geleast wurden, gezwungen, sich in das russische Flugzeugregister eintragen zu lassen. Dies bedeutet einen eindeutigen Verstoss gegen die internationalen Zivilluftfahrtvorschriften, wie das EU-Parlament Anfang Mai betonte. «Ein solcher Diebstahl kann nicht toleriert werden», betonten verschiedene Abgeordnete und forderten die sofortige Rückgabe der Flugzeuge an ihre rechtmässigen Besitzer. Über 400 Maschinen waren von der russischen Praktik betroffen. 

Nach Angaben des russischen Verkehrsministeriums betrieben russische Airlines am 11. März insgesamt 1367 Flugzeuge, von denen mit 739 mehr als die Hälfte im Ausland registriert waren. Laut dem Luftfahrtanalyseanbieter Cirium sind 515 der von russischen Airlines genutzten Flugzeuge geleast. Davon befanden sich demnach am 14. März 428 in Russland oder Belarus. 

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Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

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