Kartellgesetz: Weko untersucht die Schweizer Charts
Aktualisiert

KartellgesetzWeko untersucht die Schweizer Charts

Gegen die hiesige Hitparade werden immer wieder Manipulationsforwürfe laut. Ein Musikvertreiber hat jetzt genug – und die Wettbewerbskomission eingeschaltet.

von
Niklaus Riegg

Seit einem Jahr spricht Shigs Amemiya davon, dass er in Sachen IFPI die Wettbewerbskomission (Weko) einschalten will. Jetzt ist es soweit. «Jemand musste es tun», so der Australier zur «NZZ am Sonntag». Weil Amemiya, CEO des Online-Musikvertriebs iMusician, nicht locker liess, hat die Weko jetzt eine Voruntersuchung gegen die IFPI Schweiz eingeleitet. Der Vorwurf: Verstoss gegen das Kartellgesetz. Laut dem «Sonntag»steht in der bei der Weko eingereichten Schrift, die IFPI verhalte sich «diskriminierend». Ausserdem wird dem Branchenverband (siehe Info-Box) vorgeworfen, die Vorschriften für die Hitparade seien «wettbewerbswidrig».

Geheimes Reglement

Die Charts stehen immer wieder in der Kritik. So wurden in der Vergangenheit öfter Vorwürfe wegen Manipulation laut. Das Problem: Das Hitparadenreglement ist geheim, die Öffentlichkeit weiss nicht, wie man in die Charts kommt. Denn anders als es nach aussen hin scheinen mag, ist es nicht wirklich eine reine Verkaufsrangliste. Einige Regeln sind jedoch nach aussen gedrungen. So wird etwa Musik, die zu billig angeboten wird, in den Charts nicht berücksichtig. Auch müssen die Tonträger, respektive Downloads, am richtigen Ort und über mehrere verschiedene Verkaufsstellen verkauft werden – sonst werden sie nicht gewertet. Kleinere, unabhängige Shops werden in den Verkäufen, anders als in den etwa in den USA, in den hiesigen Charts nicht berücksichtigt. Hier knüpft Amemiya an: Sein iMusician wird bei der Erfassung der Charts nicht berücksichtigt. Welche Läden, respektive Downloadportale warum und wie gewichtet werden, ist aber Geheimsache der IFPI.

Publikation geplant

Bei der IFPI ist man sich des Problems des von einem Ausschuss zusammengestellten, geheimen Reglements bewusst. Am Branchenfestival M4Music meinte IFPI-Geschäftsführer Beat Högger: «Es wird geplant, das Chartsreglement zu publizieren.» Wann und in welcher Form diese Publikation stattfinden wird, sagte Högger jedoch nicht (20 Minuten berichtete). Dadurch, dass nicht alle Einsicht ins Regelment haben, sollen laut der Anzeigeschrift die Mitglieder der IFPI «gegenüber anderen Labels einen Wissensvorsprung erhalten, der es ihnen möglich macht, ihre eigenen Titel besser zu platzieren». Högger dementierte diesen Vorwurf am M4Music jedoch vehement.

Teilweise seltsame Anschuldigungen

Andere Vorwürfe, die im Artikel der «NZZ am Sonntag» kolportiert werden, scheinen bei näherer Betrachtung jedoch absurd. So soll die IFPI Parallelimporte von CDs verhindern. Dies mag in den 80er-Jahren der Fall gewesen sein, als Plattenläden, die Tonträger aus dem Ausland bestellten, von den Schweizer Majors boykotiert wurden. Heute bezieht jedoch jeder Plattenladen mit einem etwas breiteren Sortiment – sei es der Jamarico in Zürich oder Bro Records in St. Gallen – einen Grossteil seines Sortiments über Importe. Dies ist in der Regel günstiger und schneller, ausserdem ist das Angebot so viel grösser. Auch dass die IFPI «versuche zu regulieren, worüber Journalisten zu berichten hätten», ist zumindest fragwürdig. 20 Minuten wurde bis jetzt noch mit so gut wie jeder CD beliefert, welche bei einer Plattenfirma für Rezensionszwecke bestellt wurden.

Weko-Vizedirektor Patrik Ducrey bestätigte am Sonntag gegenüber der SDA entsprechende Berichte der «NZZ am Sonntag» und der «SonntagsZeitung». Die Beschwerde werde zur Zeit abgeklärt, ein formelles Verfahren sei aber noch nicht eröffnet.

Was ist die IFPI Schweiz?

Die IFPI Schweiz ist der Dachverband der Ton- und Tonbildträgerhersteller (Labels) in der Schweiz. Die Macht in der IFPI liegt bei den vier grossen internationalen Plattenfirmen Universal, Sony, Warner und Emi – die sogenannten Majors. Auch viele kleinere Plattenfirmen, die Indies, sind Mitglied im Branchenverband. Die IFPI lässt vom Dienstleister Mediacontrol die «Offizielle Schweizer Hitparade» erheben. Diese ist eines der wichtigsten Werbetools der Musikindustrie.

www.20min.ch/soundshack/player/?playlistId=1802

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