Hilfeleistung: Welche Pflichten hat man bei einem Unfall?
Ereignet sich ein Unfall, muss jeder Beteiligte zunächst am Ereignisort anhalten und den Verkehr sichern, sofern dies gefahrlos möglich ist.

Ereignet sich ein Unfall, muss jeder Beteiligte zunächst am Ereignisort anhalten und den Verkehr sichern, sofern dies gefahrlos möglich ist.

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HilfeleistungWelche Pflichten hat man bei einem Unfall?

Ereignet sich ein Unfall, gibt es aber auch ohne Polizei vor Ort verschiedene Pflichten, die man zu erfüllen hat, um vor rechtlichen Folgen geschützt zu sein. Die AGVS-Expertin kennt die Details.

von
Olivia Solari, AGVS

Frage von Max ans AGVS-Expertenteam:

Ich habe kürzlich eure Kolumne gelesen, in der die Frage behandelt wurde, wann bei einem Unfall die Polizei gerufen werden muss und wann nicht. Mich interessiert nun, welche anderen Pflichten ich bei einem Verkehrsunfall habe und was passiert, wenn ich diese nicht wahrnehme?

Antwort:

Lieber Max,

ereignet sich ein Unfall (Selbstunfälle inklusive), muss jeder Beteiligte zunächst am Ereignisort anhalten und den Verkehr sichern, sofern dies gefahrlos möglich ist (Art. 51 Abs. 1 Strassenverkehrsgesetz [SVG]). Beteiligt ist dabei jeder, der in irgendeiner Weise am Unfallgeschehen aktiv oder passiv mitgewirkt hat.

Die vom Gesetz verlangten Sicherungsmassnahmen umfassen im Grossen und Ganzen das Standardprozedere, welches jedem noch aus dem Theorieunterricht bzw. der Fahrausbildung bekannt sein sollte. Das heisst insbesondere: Warnblinklichter einschalten (Art. 23 Abs. 3 Verkehrsregelverordnung [VRV]), Pannensignal aufstellen (Art. 23 Abs. 2 VRV) und den Verkehr mittels Handzeichen regeln (Art. 66 i. V. m. 67 Abs. 2 Signalisationsverordnung). Welche Massnahmen erforderlich sind, hängt natürlich von der jeweiligen Situation ab. Das Tragen einer Leuchtweste ist zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, zum eigenen Schutz aber sehr zu empfehlen.

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Sind durch den Unfall Personen verletzt worden, so besteht in erster Linie für die Beteiligten eine Hilfeleistungspflicht (Art. 51 Abs. 2 SVG). Diese Pflicht greift selbst bei kleinen Schürfungen oder Prellungen; es muss auch bei harmlos scheinenden Verletzungen überprüft werden, ob der oder die Verunfallte nicht grössere Schäden erlitten hat (wie z. B. eine Hirnerschütterung). Unbeteiligte sind insoweit zur Hilfeleistung verpflichtet, als es ihnen zumutbar ist (Art. 51 Abs. 2 SVG). Letzteres hat zur Folge, dass bspw. bei einem Unfall auf der Autobahn auch Dritte zum Anhalten verpflichtet sind, wenn nicht bereits genügend andere Personen Hilfe leisten. Bei Unfällen mit Schwerverletzten kann sich dies im Übrigen bereits aus dem Straftatbestand der unterlassenen Nothilfe ergeben (Art. 128 Abs. 1 Strafgesetzbuch [StGB]).


Generell sollte das Vorgehen bei einem Unfall mit Verletzten wie folgt aussehen: anhalten, Überblick verschaffen, Unfallstelle sichern (soweit zweckmässig), Verletzte aus der Gefahrenzone bergen und sodann, je nach Situation, Erste-Hilfe-Massnahmen einleiten und die Rettungsdienste benachrichtigen. Lehnen die verletzten Personen die Hilfe ab, ist zu bedenken, dass diese möglicherweise unter Schock stehen. Die Hilfeleistenden sind erst dann von ihrer Pflicht «entlassen», wenn die Verunfallten die Hilfe nach ernsthafter Überlegung definitiv ablehnen.
Es ist anzumerken, dass das Gesetz von den Anwesenden keine waghalsigen Rettungsaktionen verlangt. Besonders bei auslaufenden Flüssigkeiten (Brandgefahr!) oder bei einem Unfall auf der Autobahn ist zuerst sicherzustellen, dass eine Rettung überhaupt ohne Selbstgefährdung möglich ist. Oftmals ist auch die Benachrichtigung der Polizei Vorschrift. Hierzu verweise ich gerne auf die von dir erwähnte Kolumne, in der wir dieses Thema bereits im Detail behandelt haben.

Das Vorgehen bei einem Unfall mit Verletzten soll wie folgt aussehen: anhalten, Überblick verschaffen, Unfallstelle sichern, Verletzte aus der Gefahrenzone bergen, dann Erste-Hilfe-Massnahmen einleiten und die Rettungsdienste benachrichtigen.

Olivia Solari, AGVS


Besteht für den Unfall eine solche Meldepflicht, so darf die Lage von Fahrzeugen etc. nur zur Sicherung des Verkehrs oder zum Schutz von Verletzten verändert werden (Art. 56 Abs. 1 VRV). Ist eine Veränderung der Unfallstelle notwendig, so sollten zuvor Fotos oder Markierungen gemacht werden. Zu Beweiszwecken ist Letzteres sowieso generell zu empfehlen. Selbst wenn (hoffentlich!) das Unfallprotokoll ausgefüllt wurde, kann eine genaue fotografische Dokumentation der Unfallstelle bei späteren Uneinigkeiten viel Ärger ersparen.

Wird die Polizei hinzugezogen, so dürfen die Unfallbeteiligten im Weiteren die Unfallstelle nicht verlassen, bis sie von den Beamten eine Erlaubnis dazu erhalten (Art. 51 Abs. 2 SVG, Art. 56 Abs. 2 VRV).

Wer den oben umschriebenen Verhaltenspflichten bei einem Verkehrsunfall nicht nachkommt bzw. diese verletzt, muss mit einer Busse rechnen (Art. 92 Abs. 1 SVG, Art. 96 VRV). Wie erwähnt, ist auch eine Verurteilung wegen unterlassener Nothilfe möglich (Art. 128 Abs. 1 StGB). In diesem Falle droht eine Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Mindestens die gleiche Strafe droht jenem, der bei einem Verkehrsunfall Menschen verletzt oder gar tötet und sich im Wissen darum unberechtigt von der Unfallstelle entfernt (sog. Fahrerflucht, Art. 92 Abs. 2 SVG). In sämtlichen Fällen kann ein Ausweisentzug hinzukommen (vgl. Art. 16 ff. SVG).

Wer den Verhaltenspflichten bei einem Verkehrsunfall nicht nachkommt, muss mit einer Busse rechnen. Auch ist eine Verurteilung wegen unterlassener Nothilfe möglich.

Olivia Solari, AGVS

Wie du siehst, sollte man bei einem Unfall trotz der Ausnahmesituation Ruhe bewahren und mit kühlem Kopf die erforderlichen Massnahmen einleiten, andernfalls können die oben genannten Konsequenzen drohen. Wer sich aber an das Erlernte aus den Theorie- und Nothelferkursen besinnt und dieses auch anwendet, ist in jedem Fall erst mal auf der sicheren Seite.

Weiterhin eine gute und hoffentlich unfallfreie Fahrt!

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