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«Patriot oder Pussy»Welchen Preis zahlt der stets loyale Vizepräsident Mike Pence?

Zwischen Donald Trump und seinem Vize herrscht offenbar Eiseskälte. Nach den Ereignissen der letzten Tage könne sich Mike Pence seine politische Karriere abschminken, sagen einige Beobachter. Im Gegenteil, sagen andere.

von
Ann Guenter
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So kennt man die beiden: US-Präsident Donald Trump vorne, sein ergebener Vize Mike Pence etwas im Hintergrund. 

So kennt man die beiden: US-Präsident Donald Trump vorne, sein ergebener Vize Mike Pence etwas im Hintergrund.

AFP
Doch in den letzten Tagen in ihren Ämtern kam es zum Bruch zwischen den beiden Männern. 

Doch in den letzten Tagen in ihren Ämtern kam es zum Bruch zwischen den beiden Männern.

REUTERS
Dann nämlich, als Pence am 6. Januar das Wahlresultat ratifizierte und … 

Dann nämlich, als Pence am 6. Januar das Wahlresultat ratifizierte und …

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Vier Jahre zur Schau gestellte traute Einigkeit – aber dann krachte es zum Schluss gewaltig zwischen dem US-Präsidenten und seinem Vize. Noch nie habe er Mike Pence so wütend gesehen, erzählt ein republikanischer Senator US-Medien über den Tag des Sturmes auf das Capitol. «Nach allem, was ich für ihn getan habe!», soll der US-Vize von Donald Trump ausgerufen haben.

Es war das eine, dass ein Mob aus Trump-Anhängern im Capitol brüllend danach verlangte, Pence zu hängen. Dass der Präsident die Meute in Washington zuvor höchstselbst gegen seinen Vize aufstachelte, weil dieser seiner Amtspflicht nachkam (mehr dazu hier), war das andere. «Ich hoffe, Mike hört nicht auf diese Möchtegern-Republikaner und auf die dummen Leute, denen er zuhört», hatte Trump in die Menge gejohlt, die dann wenig später, noch einmal angeheizt durch Trump-Anwalt Rudy Guiliani, marodierend Richtung Kongress davonzog.

«Trump hat seinen Vize unter den Bus geworfen»

Während Pence im Capitol sass und sich gegen seine Evakuierung wehrte, soll Trump das Geschehen genüsslich am TV verfolgt haben, schreiben US- Medien über diesen Tag weiter. «Dass ein Präsident seinen eigenen Vize so unter den Bus wirft und Anhänger dazu ermuntert, sich mit ihm anzulegen, ist skrupellos», sagt eine ehemalige Politberaterin von Pence der «New York Times».

In den folgenden Tage herrschte offenbar Eiszeit zwischen Pence und Trump. Der Präsident habe dabei Tiraden gegen Biden gehalten, den er als Verräter brandmarkte, eben weil dieser sich über Trumps Wunsch hinweggesetzt hatte, die Wahlresultate mit dem Gewinner Joe Biden formal nicht anzuerkennen. Als ihm bewusst gemacht worden sei, dass Biden bei einem Amtsenthebungsverfahren entscheidend sein könnte, sei Trump nervös geworden und habe Pence nach fünf Tagen ins Weisse Haus geladen. Das Gespräch dauerte eine Stunde. Offiziell war es «gut», inoffiziell «wenig substanziell» und «gestelzt», so die «Times».

«Patriot oder Pussy»

Die Beziehung zwischen dem Präsidenten und seinem Vize, der Trump vier Jahre «sich auf die Zunge beissend» und «Stolz schluckend» zur Seite stand, dürfte seit dem Sturm auf das Capitol endgültig Schaden genommen haben. Dabei sei es stets das Ziel von Pence gewesen, Trump nicht zu verärgern, ihn nicht zu «triggern» oder andere davon möglichst abzuhalten, so die «New York Times» weiter.

Pences Loyalität zum New Yorker stand immer ausser Frage – bis zu dem Moment, als er von Trump letzte Woche vor die Wahl gestellt wurde: «Du kannst entweder als Patriot in die Geschichte eingehen – oder du kannst in die Geschichte als Pussy eingehen».

2024 als Preis?

Für seinen Entschluss, seiner Pflicht als Senatsvorsitzender nachzukommen, das Wahlergebnis zu ratifizieren und dem Präsidenten zu trotzen, müsse Pence einen hohen Preis zahlen, schreibt die Zeitung: Die Entscheidung habe ihm alle Chancen auf eine Präsidentschaftskandidatur 2024 geraubt.

«Pence hatte eine Wahl zwischen seiner konstitutionellen Verantwortung und seiner politischen Zukunft, und er hat sich für das Richtige entschieden», sagt ein Mitarbeiter des Vizes der «Times». «Er ist in vielen Wegen der Mann der Stunde, sowohl für Republikaner als auch für Demokraten. Er tat seine Pflicht, auch wenn er wohl wusste, dass er dann niemals Präsident werden würde.»

«Pence ist die verlässliche Ausgabe von Trump»

Dass Mike Pence – er bezeichnet sich als «Christ, Konservativer und Republikaner, in dieser Reihenfolge» – mit seinem Entschluss auch seine Präsidentschaftsambitionen beendete, sehen aber nicht alle so. «Es bestehen gute Aussichten für eine Kandidatur», sagt etwa USA-Experte Thomas Jäger*. «Die jahrelange Loyalität gegenüber Trump dürfte sich für Pence letztlich auszahlen». So könne dieser nicht nur das Amt des Vizepräsidenten als Sprungbrett für eine Kandidatur 2024 nutzen, sondern, «wenn er geschickt ist», auch seine Stammwählerschaft ausbauen.

«Pence ist für viele die verlässliche Ausgabe von Trump», so Jäger. «In den Augen vieler Trump-Anhänger hat er sich als beständig und loyal erwiesen, was langfristig ein politischer Vorteil ist. Mit den evangelikalen Christen hat er zudem die stärkste Wählergruppe der USA hinter sich. In Zukunft dürfte er versuchen, bei Wählern von Minderheiten wie den Hispanics anzukommen.»

Pence, nicht Trump ist dabei

In der Zwischenzeit und in seinen letzten Tagen als Vize ist Pence um wenig Aufhebens bemüht, so scheint es. Während Trump seine Rede vor der Capitol-Erstürmung als «absolut angemessen» bezeichnet, stellte sich Pence einmal mehr hinter seinen Boss: Am Dienstag lehnte er die Forderung des Demokraten ab, Trump des Amtes zu entheben.

Und in einer Woche, am 20. Januar, kann der Vize noch einmal Format zeigen: Dann wird der scheidende Vize-Präsident an den Feierlichkeiten zur Amtseinführung von Trump-Nachfolger Joe Biden teilnehmen. Das Motto: «Vereintes Amerika». Trump dagegen bricht mit der über hundertjährigen Tradition und wird nicht auftauchen, weil er den Wahlsieg Bidens nicht anerkennt.

* Thomas Jäger ist Professor für Internationale Politik und Aussenpolitik an der Universität Köln.

Wer ist Mike Pence?

Mike Pence ist 1959 in Columbus, im US-Bundesstaat Indiana, geboren. Pence studierte zuerst Geschichtswissenschaften, dann Jura. Nach Abschluss seines Studiums arbeitete er als Anwalt. Ab 1994 wurde Pence Moderator für verschiedene konservative Fernseh- und Radiosendungen.

2001 bis 2013 sass er als Abgeordneter für den Bundesstaat Indiana im US-Repräsentantenhaus. Ab 2013 war er Gouverneur von Indiana, bevor er 2017 als Vizepräsident unter Trump ins Weisse Haus zog.

Er ist ein Republikaner der sehr konservativen Art: Pence ist ein Waffenbefürworter, der sich für einen schlanken Staat mit wenig Steuern einsetzt. Abtreibungen lehnt er vehement ab, ausserdem hat er sich wiederholt gegen LGBTQ-Gesetze, die gleichgeschlechtliche Ehe und Homosexualität ausgesprochen. Pence ist Evangelikaler und somit Teil einer wichtigsten Wählergruppe in den USA - eine Wählergruppe, die Donald Trump mit seinen Eskapaden nicht wirklich erreicht.

Pence ist seit 1985 mit der Lehrerin Karen Pence verheiratet. Das Paar hat drei gemeinsame Kinder.

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52 Kommentare
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Maja

15.01.2021, 17:59

Ja, Trump hat 80‘000‘000 Wähler und das sind keine Marionetten.

Kuchi

15.01.2021, 13:00

Ich finde Pence hat richtig gehandelt. Respekt für diesen Mut!

TukTuk

15.01.2021, 03:53

Alle lieben den Verrat, aber niemand den Verräter.