Aktualisiert 17.01.2019 17:20

Gerichtsfall in ThunWelcher Bauarbeiter lügt hier?

Berner Bauarbeiter mussten bei der Richterin antraben. Dabei wurde ein Unfall in einem Tunnel behandelt, den es wohl gar nicht gegeben hat.

von
miw
Ein Vorfall, der sich 2014 auf der Baustelle eines Berner Tunnels abgespielt hat, wird jetzt vor Gericht behandelt.

Ein Vorfall, der sich 2014 auf der Baustelle eines Berner Tunnels abgespielt hat, wird jetzt vor Gericht behandelt.

Keystone/Digitalbe

2014: In einem Stollen im Berner Oberland wird gearbeitet; unter Tag graben sich die Arbeiter mit Muskelkraft und Maschine durch die Erde. Doch dann muss im Tunnel ein Stück Fels gesprengt werden. Vier Ladungen sind platziert, doch nicht alle Sprengsätze explodieren auf Anhieb.

Was dann nach dieser misslungenen Detonation geschieht, ist bis heute nicht vollständig ans Tageslicht gekommen – erst jetzt wird das Vorgefallene nämlich vor dem Thuner Regionalgericht genau rekonstruiert. Denn einer der anwesenden Bauarbeiter klagt, er habe sich bei der zweiten Sprengung noch im Tunnel befunden. Gerade als er einen Gabelstapler vor der Explosion in Sicherheit bringen wollte, sei die Ladung detoniert. Laut Strafbefehl ist er durch die freigesetzte Energie in der Fahrerkabine nach vorne geschleudert worden. Bis heute habe der Bauarbeiter deswegen Schmerzen am Rücken und am Kopf, leide unter Tinnitus und nehme psychologische Hilfe in Anspruch.

Wurde der Verletzte zum Schweigen gezwungen?

Besonders hart soll ihn zudem getroffen haben, dass er den Unfall zu vertuschen hatte: Denn als der Verletzte aus dem Tunnel kam, wollte er sich laut seiner Aussage bei der Staatsanwaltschaft zu einem Arzt begeben. Doch dies durfte er nicht, weil der Vorarbeiter ihm drohte, bei der Meldung eines Unfalls nie wieder einen Job zu finden.

Rund zwei Jahre hielt er das Ganze geheim. 2016 meldete sich der Mann laut «Jungfrauzeitung» schliesslich bei der Staatsanwaltschaft und schilderte seine Version des Vorgefallenen – ein Strafbefehl wurde ausgestellt.

Unterschiedliche Versionen vor Gericht

So wurden auch die anderen damals anwesenden Kollegen des Klägers in den Prozess einbezogen. Der vorgesetzte Vorarbeiter bestreitet die Schilderungen seines Mitarbeiters: Man musste zwar eine Nachsprengung durchführen, doch es sei zu diesem Zeitpunkt niemand mehr im Tunnel gewesen. Auch der damalige Baustellenchef hegt Zweifel am Geschilderten. Er sehe keinen Grund, weshalb sich ein Gabelstapler im Tunnel hätte befinden sollen. Und auch die vom Verletzten beschriebene immense Druckwelle kann der Chef nicht nachvollziehen.

Es steht Aussage gegen Aussage. Einen Zeugen wollte das Gericht noch sehen. Dieser sollte am Donnerstag in Thun befragt werden. Von einem Unfall habe er nichts mitbekommen, sagt er laut der Jungfrauzeitung. Zudem seien die Warnsignale wie üblich gegeben worden.

Freisprüche und Schuldsprüche

Die Richterin kam zum Schluss, dass es tatsächlich einen Vorfall gegeben haben muss, da der Geschädigte an einem Knalltrauma leidet. Doch da sich die Aussagen nicht mit jenen von Zeugen und Beschuldigten decken, wurden der Vorarbeiter und der Baustellenchef bezüglich Körperverletzung und Unfallmeldepflicht freigesprochen.

Dennoch wurden die beiden in anderen Punkten schuldig gesprochen. Weil der Vorarbeiter keinen Sprengausweis besitzt, wurde er zu einer Geldstrafe von 960 Franken und einer Busse von 240 Franken verurteilt, schreibt die Zeitung. Der Baustellenchef hätte laut der Richterin das Fehlen des Ausweises prüfen müssen. Weil er das nicht tat, handelte er fahrlässig und erhielt deshalb eine Geldstrafe von 1530 Franken bedingt und eine Busse von 510 Franken.

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