Nati in der Romandie: Welsch eine Begeisterung!
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Nati in der RomandieWelsch eine Begeisterung!

Rund 800 Fans sind am Nachmittag nach Châtel-Saint-Denis gepilgert, um die Nati zu sehen. Kein Wunder: Seit der Ära Hodgson hat die «Equipe Suisse» keine Vorbereitung mehr im Welschland absolviert.

von
Eva Tedesco

Es gleicht einem Volksfest. Alt und Jung, Gross und Klein – alle sind gekommen, um die Rückkehr der Nationalmannschaft in die französische Schweiz mitzuerleben, Die Nati hat ihr Trainingscamp in der Luxusherberge Kempinski Le Mirador oberhalb von Vevey in Mont Pèlerin aufgeschlagen und am Dienstagabend das erste Training im nahen Châtel-Saint-Denis absolviert. Viel Freude hatten die Romands zuletzt nicht mit ihren Klubs Lausanne-Sport und Servette. Die Begeisterung um die Nati ist aber riesig. So viele Zaungäste hatte die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld seit der Vorbereitung auf die WM 2006 in Deutschland nie mehr.

Die kleinsten der Kleinen können es kaum erwarten und laufen immer wieder auf den Parkplatz hinter dem schmucken Klubhaus des örtlichen Drittligisten, um die Ankunft des Mannschaftscars ja nicht zu verpassen. Der 5-jährige Luc zappelt an der Hand seiner Mutter und fragt der jungen Blondine Löcher in den Bauch. «Wann kommen sie endlich? Ist Shaqiri auch dabei? Kann ich ein Autogramm haben? Wann sind sie endlich da?» Kurz nach 17 Uhr kann Lucs Mama aufatmen. Benaglio, Inler, Shaqiri und Co. kommen aus der Kabine.

«Shaqiri!» «Shaqiri!» «Shaqiri!»

«Shaqiri!» «Shaqiri!» «Shaqiri!» Der Hype um den Triple-Gewinner mit Bayern München ist riesig. Nur wenige Kids haben den kleinen Basler je so hautnah erleben oder gar berühren können. Sie flippen schier aus, als der Bayern-Söldner durch die Gasse von Fans auf den Trainingsplatz geht. Die Lautstärke des Jubels schwillt nur noch zweimal in ähnliche Dezibel-Höhen an: bei Stammgoalie Diego Benaglio und vor allem bei Yann Sommer. Der Meistergoalie des FCB klatscht seine Fans gut gelaunt ab.

Und dann geht es für Luc und seine «Gspänli» ab auf den Rasen zum Training mit den Stars. Passen, schiessen, dribbeln und «mätschle» mit ihren Idolen. «Foul», ruft Stephan Lichtsteiner lachend, als Timm Klose einem kleinen Jungen den Ball abluchst. Der italienische Meister von Juventus Turin schnappt sich den Ball, schiebt ihn dem kleinen Jungen vor die Beine und jubelt, als der ins improvisierte Tor trifft. Schwer zu sagen, wer mehr Spass hat: Die künftigen Stars oder die, die es schon sind.

Michel Pont ein Star

Ein richtiger Star in der Romandie ist Michel Pont. Der Assistent von Ottmar Hitzfeld ist ein gefragter Mann. Hier ein Schulterklopfen, da eine Bitte um ein Autogramm. Hier ein Foto, da ein freundschaftlicher Wortwechsel. Klar, der Genfer hat in dieser Woche ein Heimspiel. Ausgerechnet im zweiten Spiel, das er als «Cheftrainer» für den gesperrten Naticoach (zwei Sperren für Stinkefinger-Aktion gegen Norwegen) in Angriff nehmen kann. Seine erste Stellvertretung hat der «ewige Assistent» Ende März in Zypern (0:0) hinter sich gebracht.

Nun logiert der Assistent mit seiner Mannschaft unweit von seinem Zuhause ausserhalb von Genf im noblen Kempinski. Dort in luftigen Höhen (der höchste Gipfel ist 1080 M.ü.M.), wo sich die Franzosen auf die EM 2008 in der Schweiz schon vorbereitet haben.

Idylle oberhalb von Vevey

Stress hat die Nati in der Idylle kaum und unerreichbar ist das Ziel Brasilien 2014 als Leader der WM-Gruppe keineswegs. Im Gegenteil: Mit einem Sieg am Samstag gegen Zypern hat sie einen grossen Teil des Fusses in der Türe Richtung WM. Die Nati ist individuell in Genf angereist. Lediglich Captain Gökhan Inler, Ricardo Rodriguez, Innocent Emeghara und die beiden FCZ-ler Josip Drmic und Mario Gavranovic nutzen den Abholdienst in Zürich und kamen mit dem Teamcar im Waadtland an.

Der Grund für den Ausflug ins Welschland ist einfach: Die Nati möchte sich regelmässig in der ganzen Schweiz zeigen und die Stadt Genf und auch der Kanton hätten sich sehr um dieses Spiel bemüht, sagt Medienchef Marco von Ah. «Wir fühlen uns sehr wohl hier und sind immer extrem willkommen», sagt Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld, der aber zur Sicherheit den Rasen im Stade de Genève regelmässig und mehrmals inspizieren liess. Das Grün ist nach den vielen Regenfällen in den letzten Tagen suboptimal. Wenn es aber unter der Woche mehrheitlich trocken bleibt, steht einem guten Spiel nichts im Wege.

SFV auf Werbetour

Für eine gute Kulisse hat der SFV jede Anstrengung unternommen. Seit Wochen laufen diverse Aktionen rund um das Spiel. So bekommen zum Beispiel Fussballklubs und Juniorenmannschaften zehn Tickets zum Preis von fünf. Ein Fussballtalk im Livestream auf «20 Minutes» mit Ottmar Hitzfeld am Mittwoch soll die Lust an der Nati weiter steigern. Auch in den Lokalradios und Zeitungen machte der SFV rege Werbung in eigener Sache. Die beste Werbung machten am Dienstag aber die Spieler, die die Fans aus der Region in Châtel mit fröhlichen Gesichtern und Spass an der Sache für sich gewinnen konnten.

Das Herz des kleinen Luc hat die Nati auf sicher. «Wir haben unsere Tickets schon», sagt Lucs Mutter. Und der «Pfüder» kann es kaum erwarten. Er wird im Stadion dabei sein – mit leuchtenden Augen und einem nigelnagelneuen Autogramm auf seinem übergrossen Shaqiri-Leibchen.

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