Röstigraben bei PDA: Welsche Frauen gebären deutlich öfter betäubt

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Röstigraben bei PDAWelsche Frauen gebären deutlich öfter betäubt

Ge­bä­ren­de aus der Romandie lassen sich viel häufiger als Deutschschweizerinnen ein Anästhetikum spritzen. Ein Experte liefert mögliche Erklärungen.

von
Camille Kündig
Im Genfer Universitätsspital lassen sich über 80 Prozent der Gebärenden ein Lokalanästhetikum spritzen. (Foto: Getty Images)

Im Genfer Universitätsspital lassen sich über 80 Prozent der Gebärenden ein Lokalanästhetikum spritzen. (Foto: Getty Images)

Am schmerzempfindlichsten sind die Frauen in der Romandie, könnte man zugespitzt sagen. Eine Datenerhebung von 20 Minuten zeigt: Zwischen 62 und 80 Prozent der angehenden Mütter aus der Westschweiz lassen sich bei der Geburt im Spital eine Periduralanästhesie (PDA) spritzen, um ihre Schmerzen zu lindern.

In der Deutschschweiz tun dies lediglich 25 bis 30 Prozent der Gebärenden. Eine Ausnahme bildet das Universitätsspital Basel. Dort wünscht sich rund die Hälfte der Frauen eine solche Spritze, dasselbe gilt für die Spitäler im Tessin.

Lassen sich Gebärende bei ihrer natürlichen Entbindung ein Anästhetikum injizieren, lindert das ihre Schmerzen beträchtlich, vermag sie sogar ganz zu eliminieren.

Tiefste PDA-Rate im Inselspital Bern

Gebrauch von dem schmerzstillenden Mittel machen die meisten Frauen im Universitätsspital Genf. Dort wählen über 80 Prozent der Gebärenden ein Lokalanästhetikum, um die Niederkunft möglichst schmerzfrei zu erleben.

Die tiefste PDA-Rate hat das Inselspital in Bern. Lediglich 25 Prozent der Gebärden lassen sich hier eine Spritze setzen. Sprecherin Susanne Bandi sagt: «Unsere Ärzte raten nicht ab von der PDA, drängen sie aber auch nicht auf.»

Deutschschweizer wenden sich häufig an die traditionelle Medizin

Doch woher kommt dieser «Röstigraben»? Evolutionsmediziner Frank Rühli sagt: «Die Wahl einer schmerzstillenden Anästhesieform könnte von regionalen medizinischen Traditionen abhängig sein.»

Seine Hypothese: «Es ist denkbar, dass sich der ‹Röstigraben› durch die unterschiedlichen historischen Entwicklungen des deutschsprachigen und frankophonen Gesundheitssystems erklären lässt.»

Im französischen Sprachraum werde die Medizin tendenziell eher staatlich reguliert. Im deutschen Sprachraum hingegen herrsche eine Tradition vielfältiger Behandlungsmethoden. «Hier wenden sich die Leute häufig auch an die traditionelle Medizin.»

Welsche Eltern sind weniger impfkritisch

Diese Theorie stützen auch Zahlen der Nachbarländer: In Deutschland wird die PDA durchschnittlich bei 25 Prozent der vaginalen Geburten eingesetzt, das geht aus einer Auswertung des deutschen Aqua-Instituts (Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen) hervor. In Frankreich hingegen entscheiden sich zwischen 60 und 80 Prozent der Frauen für die rückenmarksnahe Anästhesie (Zahlen variieren je nach Quelle).

In der Schweiz lassen sich die unterschiedlichen medizinischen Traditionen auch an Statistiken der Nutzung von Homöopathie oder an den Impfraten ablesen. So zeigen Zahlen des Bundesamts für Gesundheit beispielsweise, dass welsche Eltern weniger impfkritisch sind als Deutschschweizer.

Die Periduralanestäsie

Die PDA ist gemäss der Schweizerischen Gynäkologie-Gesellschaft die wirksamste Methode der geburtshilflichen

Schmerzlinderung. Die Schmerzausschaltung könne damit so ausgeprägt

sein, dass die Gebärenden die Wehen gar nicht mehr oder nur noch als leichten

Druck empfinden. Weder das kindliche Wohlbefinden noch der natürliche Geburtsverlauf sollten normalerweise ungünstig beeinflusst werden. Schwere Komplikationen seien selten, leichte Nebenwirkungen meistens nur von kurzer Dauer.

Folgende Spitäler waren Teil der Datenerhebung:

In der Romandie: Die Universitätsspitäler Genf und Lausanne und die Kantonsspitäler Neuenburg und Freiburg. In der Deutschschweiz: Das Inselspital Bern, die Universitätsspitäler Zürich und Basel sowie das Luzerner Kantonsspital. Die Daten aus dem Tessin stammen vom EOC-Verbund. Dieser beinhaltet vier Geburtsabteilungen in den Spitälern von Lugano, Bellinzona, Locarno und Mendrisio.

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