Absage an Frühfranzösisch: Welsche sind sauer auf «arrogante Thurgauer»
Aktualisiert

Absage an FrühfranzösischWelsche sind sauer auf «arrogante Thurgauer»

Der Kanton Thurgau will das Frühfranzösisch aus dem Lehrplan kippen. Für welsche Bildungspolitiker ist das ein Angriff auf den nationalen Zusammenhalt.

von
Pascal Michel

Bisher lernten Thurgauer Schüler ab der 3. Klasse Englisch, ab der 5. Französisch. Damit soll nun Schluss sein: Der Grosse Rat des Kantons Thurgau hat entschieden, Frühfranzösisch aus dem Lernplan der Primarschule zu streichen. Ein grosser Teil der Kinder sei mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule überfordert, sagen die Befürworter. Ähnliche Pläne existieren auch in anderen Deutschschweizer Kantonen (siehe Box).

Westschweizer Politiker sind alarmiert: Sie werten solche Pläne als Angriff auf die Romandie und die französische Sprache. «Das ist eine intolerable Attacke gegen eine sprachliche Minderheit in diesem Land. Darin spiegelt sich eine Arroganz des Thurgauer Grossen Rats gegenüber der Romandie, die den nationalen Zusammenhalt gefährdet», sagt der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard.

In der Schweiz sei man auf Ausgleich bedacht, auch betreffend der vier Landessprachen. Jeder - ob Deutschschweizer, Romand, Tessiner oder Rätoromane - solle dazu beitragen. Es könne aber nicht sein, dass sich die Deutschschweiz jetzt aus der Pflicht stehle. «Wenn sich in Bern ein Zürcher und ein Walliser begegnen, sollen sie sich in einer Landessprache verständigen können, dafür braucht es aber die Anstrengung aller», sagt Reynard. Er sieht in der Abschaffung auch eine gewisse Überheblichkeit: «In der Romandie wäre eine solche Arroganz gegenüber einer sprachlichen Minderheit unvorstellbar.»

Kritik an Abschaffung

Auch Isabelle Chevalley, GLP-Nationalrätin aus dem Kanton Waadt, kritisiert die Pläne zur Abschaffung des Frühfranzösisch: «In der Schweiz sollen sich unsere Kinder doch in einer Landessprache verständigen können.» Sie bedauert, dass das Bewusstsein für die welschen Nachbarn in der Ostschweiz schwächer ist als in den Grenzkantonen zur Romandie. Tatsächlich setzen diese eher auf Französisch als erste Fremdsprache in der Primarschule, während in Zürich oder St. Gallen beinahe ausschliesslich Englisch ab der 3. Klasse unterrichtet wird (siehe Karte).

«Frühfranzösisch war Alibi-Übung»

Christine Bulliard-Marbach ist ehemalige Primarlehrerin und Freiburger CVP-Nationalrätin. Für sie ist die Sprachenvielfalt ein Trumpf, der nicht aus der Hand gegeben werden sollte. «In der Deutschschweiz ist man sich oft zu wenig bewusst, wie es um die Befindlichkeit in der Romandie steht.» Sie ruft die Deutschschweizer zu mehr Toleranz auf.

Die heftige Kritik aus der Romandie kann die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog nicht nachvollziehen: «Das Frühfranzösisch war eine Alibi-Übung und hat den Röstigraben um keinen Millimeter verkleinert.» Um die Kultur in den anderen Schweizer Landesteilen wirklich kennenzulernen, bräuchte es ihr zufolge intensive Sprachaufenthalte. Solche seien erst in der Sekundarstufe eine sinnvolle Ergänzung zum Unterricht.

Christoph Eymann, Präsident der Kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz, verteidigt das Frühfranzösisch jedoch: «In der Schule lernen die Schüler ja nicht nur Französischwörtchen, sondern sie sollen auch die Kultur unserer Landesteile näher kennenlernen.»

Französisch unter Beschuss

Auch in den Kantonen Schaffhausen, Nidwalden, Basel-Land und Graubünden sind Vorstösse hängig, die in der Primarschule nur eine obligatorische Fremdsprache fordern. In Luzern wird derzeit für eine ähnliche Initiative gesammelt, im Kanton Zug wird das Frühfranzösisch evaluiert. (pam)

Lehrerpräsident will bessere Bedingungen für Sprachunterricht

Der Parlamentsentscheid im Thurgau verstosse gegen den Verfassungsauftrag und gegen den Entscheid der Erziehungsdirektorenkonferenz, hält der Zentralpräsident der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) fest. Beat Zemp fordert bessere Bedingungen.

«Die Frage der Fremdsprachen auf Primarstufe muss nochmals ernsthaft diskutiert werden», sagte Zemp in einem Interview mit der «Basler Zeitung» vom Freitag. Denn die Bedingungen für zwei Fremdsprachen in der Primarschulen seien bisher nicht gegeben.

«Es braucht dringend Verbesserungen wie mehr Lektionen, angepasste Lehrmittel und einen Unterricht in Halbklassen», sagte Zemp. Deshalb plädiere der Lehrerverband für ein Zweisprachen-Angebot an der Primarschule, das von den Kindern je nach Leistungsvermögen genutzt werden könne. (SDA)

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