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Lieber Phil GeldWem gehört das Trinkgeld?

Anja (26) arbeitet als angestellte Coiffeuse. Ihr Chef zieht jeweils alle Trinkgelder ein und verteilt sie nach eigenem Gutdünken. Darf er das?

Dein Chef darf relativ frei mit deinem Trinkgeld umspringen – solange er es nicht für sich behält.

Dein Chef darf relativ frei mit deinem Trinkgeld umspringen – solange er es nicht für sich behält.

Lieber Phil Geld

Ich bin eine von sechs Angestellten in einem Coiffeursalon. Wenn meine Kunden Trinkgeld geben, zieht mein Chef das jeweils ein. Ende Monat verteilt er es nach eigenem Gutdünken an uns Mitarbeitende. Darf er das? In meinen früheren Jobs durfte ich eigenes Trinkgeld immer behalten.

Liebe Anja

Die Trinkgeldfrage ist in der Schweiz nicht klar geregelt. Aufgrund von Art. 321b des Obligationenrechts

lässt sich nur sagen, dass der Arbeitgeber keinen Anspruch auf Trinkgelder hat, die für seine Mitarbeitenden bestimmt sind. Trinkgelder gehören demnach grundsätzlich dem Mitarbeitenden, der das Trinkgeld in Empfang nimmt – ausser der Kunde ordnet ausdrücklich etwas anderes an.

Dennoch darf dein Chef relativ frei mit deinem Trinkgeld umspringen – solange er es nicht für sich behält. Er darf zum Beispiel bestimmen, wie die Trinkgelder unter seinen Angestellten aufgeteilt werden. An einigen Orten kann der Mitarbeitende das Trinkgeld behalten. So war es auch bei deinen früheren Jobs. Anderswo, wie an deinem aktuellen Arbeitsplatz, wandern alle Trinkgelder in eine Kasse und werden dann unter dem gesamten Personal verteilt. In der Gastronomie beispielsweise kann auf diese Weise etwa auch das Küchenpersonal von einem zufriedenen Gast profitieren.

Viel Freiheit haben Unternehmer auch bei der Wahl des Schlüssels für die Aufteilung der Trinkgelder. Sie können den Gesamtbetrag zum Beispiel nach Stellenprozenten oder pro Kopf aufteilen. Problematisch würde es aber, wenn der Chef die Trinkgelder in die Reisekasse für den Betriebsausflug fliessen liesse. Aus der Sicht der Gewerkschaften wäre das eine Zweckentfremdung. Doch kann man nicht gesetzlich dagegen vorgehen.

Nicht einmal in den Gesamtarbeitsverträgen (GAV) der besonders betroffenen Branchen der Gastronomen und Coiffeure wird die Trinkgeldfrage behandelt. Der GAV der Gastrobranche hält in Art. 9 nur fest, dass Trinkgelder kein Lohnbestandteil sind. Es ist demnach verboten, weniger Lohn als vereinbart auszubezahlen mit dem Hinweis, der Rest werde ohnehin mit Trinkgeldern verdient. Bei den Coiffeuren fehlt sogar diese Passage.

Deshalb sollten Arbeitgeber, denen ihre Ehrlichkeit gegenüber den Mitarbeitenden am Herzen liegt, die Trinkgeldfrage betriebsintern klar regeln – und diese Regelung auch in den Arbeitsverträgen und dem Betriebsreglement festhalten. Nicht zuletzt sollte auch der Kunde erfahren dürfen, ob der Angestellte, dem er ein Trinkgeld geben möchte, das Geld auch tatsächlich behalten darf.

Freundlich grüsst

Phil Geld

E-MAIL: phil.geld@20minuten.ch

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