Unschuldig Inhaftierte: Wenden Forensiker die falschen Methoden an?

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Unschuldig InhaftierteWenden Forensiker die falschen Methoden an?

An kriminaltechnischen Methoden, die einst als sicher galten, wächst die Kritik: Immer wieder entpuppen sich vermeintliche Täter nach Jahren der Haft als unschuldig.

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Es sind es winzige Details, die zur Überführung von Tätern führen. Doch oftmals sind die Indizien dürftig – und führen zu den falschen Schlüssen: So landen Unschuldige im Gefängnis.

Es sind es winzige Details, die zur Überführung von Tätern führen. Doch oftmals sind die Indizien dürftig – und führen zu den falschen Schlüssen: So landen Unschuldige im Gefängnis.

iStock/Igorkozeev
Das musste auch Steven Barnes aus New York erleben, der 1989 wegen Vergewaltigung und Ermordung einer 16-Jährigen verurteilt wurde.

Das musste auch Steven Barnes aus New York erleben, der 1989 wegen Vergewaltigung und Ermordung einer 16-Jährigen verurteilt wurde.

Twitter.com/Innocence Project
Und dies obwohl die Beweislage mit zwei Haaren, die aussahen wie die des Opfers und Erde wie am Tatort am Auto des Angeklagten, mehr als mau war.

Und dies obwohl die Beweislage mit zwei Haaren, die aussahen wie die des Opfers und Erde wie am Tatort am Auto des Angeklagten, mehr als mau war.

iStock/Bliznetsov

Zwei Haare, die aussahen wie die des Opfers, Erde wie am Tatort am Auto des Angeklagten: Die Beweislage schien dürftig, doch dem Gericht reichte sie zum Schuldspruch aus und Steven Barnes wurde wegen Vergewaltigung und Ermordung einer 16-Jährigen verurteilt. 20 Jahre sass der Amerikaner im Gefängnis. Dann entlastete ihn ein DNA-Test.

Barnes ist kein Einzelfall. Hunderte mutmassliche Täter sind in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund von Indizien verurteilt worden, die sich später als falsch oder irreführend herausstellten. Methoden, die einst als sicher galten, kommen zunehmend in die Kritik – etwa die Analyse von Bissspuren, Fingerabdrücken, Schusswaffen und -wunden, Reifenspuren oder Fussabdrücken. Nicht nur Anwälte protestieren, auch Forscher zeigen sich skeptisch.

Trotzdem bleiben solche Beweise fester Bestandteil unzähliger Prozesse. «Die Gerichte verlassen sich im Gegensatz zu Forschern zu stark auf Präzedenzfälle und nicht auf den Fortschritt der Forschung», beklagt Christopher Fabricant von Innocence Project, das sich um die Aufklärung von Justizirrtümern bemüht.

Zahlreiche Beispiele

Oft schienen Ankläger und Richter zurückhaltend, die Fehleranfälligkeit von kriminaltechnischen Methoden einzugestehen, weil sie ihre traditionellen Werkzeuge seien, erklären Verteidiger. Mit ihnen seien schliesslich seit Jahrzehnten Schuldsprüche erzielt worden. Auch auf Geschworene hätten solche vermeintlich wasserdichten Belastungsbeweise eine überzeugende Wirkung.

Als Beispiel für das Festhalten an fraglichen Beweisen gilt etwa die Entscheidung eines Gerichts in Pennsylvania, eine Expertenaussage zu Bissspuren auf dem Körper eines Mordopfers zuzulassen – trotz rund 30 bekannter Fälle seit 2000, bei denen Verdächtige aufgrund von Bissspuren fälschlicherweise festgenommen oder verurteilt wurden. Oder ein Fall in Connecticut, bei dem der Richter die Beweisführung zuliess, dass ein Fussabdruck zu einem ganz bestimmten Schuh des mutmasslichen Mörders gehörte – trotz klarer Skepsis wissenschaftlicher Beratergremien.

Ein weiteres bekanntes Beispiel ist der Fall von Kirk Odom. Er war 18 Jahre alt, als er wegen der Vergewaltigung einer Frau angeklagt wurde. Ein FBI-Mann versicherte vor Gericht, dass ein Haar auf dem Nachthemd des Opfers eindeutig von Odom stamme. Der junge Mann sass daraufhin 22 Jahre in Haft – bis eine DNA-Probe des Haares seine Unschuld bewies.

Vertrauen ins Urteil wird erschüttert

An den forensischen Instituten der Unis geht der Trend inzwischen weg von der Sichtanalyse hin zu präziseren biometrischen Methoden. Auch Studien üben Kritik an der althergebrachten Beweisaufnahme. Methoden wie die Analyse von Fussabdrücken, Reifenspuren oder Schusswaffen und Munition müssen weiter in Bezug auf ihre Fehleranfälligkeit erforscht werden, erklärten etwa das President's Council of Advisors on Science and Technology im vergangenen Herbst, das den Präsidenten in wissenschaftlichen Belangen berät.

Wenn die Zuverlässigkeit mithilfe von DNA-Tests oder anderer neuer Methoden überprüft werde, erschütterten diese in vielen Fällen das Vertrauen in das Urteil, betont der Rechtsprofessor Daniel Medwed von der Northeastern University in Boston.

Die University of California Irvine, die landesweit über entlastende Beweise Buch führt, hat seit 1989 mehr als 2000 solcher Entlastungen dokumentiert. In fast einem Viertel der Fälle werden «falsche oder irreführende forensische Beweise» für die früheren Urteile mitverantwortlich gemacht.

Im Film «Die Verurteilten» (1994) wird Banker Andy Dufresne nach dem Mord an seiner Frau und ihrem Geliebten zu Unrecht verurteilt. (Video: Youtube/Klassik Trailer) (fee/dapd)

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