Explosives Munitionslager: «Wenig verlockend, auf dem Pulverfass zu sitzen»
Aktualisiert

Explosives Munitionslager«Wenig verlockend, auf dem Pulverfass zu sitzen»

Der Bund bleibt dabei: Er will beim verschütteten Munitionslager in Mitholz BE keine Sofortmassnahmen ergreifen. Die Bewohner leiden aber unter der Angst vor dem grossen Knall.

von
cho
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Im zweiten Weltkrieg wurde in der Gemeinde Kandergrund BE ein unterirdisches militärisches Munitionslager gebaut.

Im zweiten Weltkrieg wurde in der Gemeinde Kandergrund BE ein unterirdisches militärisches Munitionslager gebaut.

Keystone/Walter Studer
Im Jahr 1947 kam es darin zu Explosionen, wobei neun Menschen starben. Ein weiterer Teil konnte daraufhin geräumt werden.

Im Jahr 1947 kam es darin zu Explosionen, wobei neun Menschen starben. Ein weiterer Teil konnte daraufhin geräumt werden.

Keystone/Walter Studer
Nach dieser Katastrophe sah Mitholz wie ein vom Krieg verwüstetes Gebiet aus.

Nach dieser Katastrophe sah Mitholz wie ein vom Krieg verwüstetes Gebiet aus.

Keystone/Walter Studer

Die Bevölkerung in Mitholz (Gemeinde Kandergrund) erwartet vom Bund die vollständige Räumung des 1947 bei einer Explosion verschütteten Munitionslagers der Armee: Das wurde am Montagabend an einer öffentlichen Infoveranstaltung des Bundes klar.

Das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) sowie Kantons- und Behördenvertreter aus der Region informierten über die inzwischen vollständige Riskoanalyse, deren Zwischenergebnisse im Juni bekannt wurden. Daraus geht unter anderem hervor, dass es im Munitionslager statistisch gesehen alle 300 Jahre zu einer kleineren und alle 3000 Jahre zu einer grösseren Explosion kommen könnte. Zwar drängten sich für die Bevölkerung keine Sofortmassnahmen auf, mittel- bis längerfristig müsse aber das Risiko gesenkt werden.

Befürchtungen in der Bevölkerung

Dies stösst der Bevölkerung sauer auf. Gemeindepräsident Roman Lanz betonte, dass die neue Einschätzung der Gefahr die Bevölkerung in Angst versetzt habe. Dazu mische sich Unverständnis: «Einerseits wird den Leuten das erhöhte Risiko aufgezeigt, andererseits präsentiert man ihnen aber keine sofortigen Lösungen», sagt Lanz zu 20 Minuten. «Die Bürger haben den Eindruck, der Bund unternehme nicht alles, um die Gefahr endgültig zu bannen.»

Viele Mitholzer drückten denn auch in ihren Voten klar die Befürchtng aus, dass das VBS möglichst wenig machen will. «Mich stört das Wort Risikominimierung», sagte ein Dorfbewohner in der vollbesetzten Turnhalle. Der Bund müsse alle noch im Berg verschüttete Munition bergen.

Blick ins ehemalige Munitionslager bei Mitholz

Ein Experte erklärt, was bei der Explosion vom 19. Dezember 1947 bei Mitholz geschehen ist. Video: SDA

Leuten eine Perspektive bieten

Auch Lanz gibt sich mit der Risikominderung und dem versprochenen Frühwarnsystem nicht zufrieden. Einige junge Paare im Dorf seien kürzlich Eltern geworden. «Wir wollen unseren Einwohnern eine langfristige Perspektive bieten», sagt er. Für die angesiedelten Unternehmen und die Ferienregion Kandertal sei es ebenfalls wenig verlockend, auf einem Pulverfass zu sitzen. «Der Schweizer Tourismus kann es sich nicht erlauben, dass Bilder wie nach der Explosion 1947 um die Welt gehen», warnt Lanz.

«Wir wollen nicht einfach das Risiko auf einen akzeptablen Grenzwert senken und es damit bewenden lassen, sagte dazu Bruno Locher, Chef Raum und Umwelt beim VBS. Es müsse vertieft geklärt werden, welche Möglichkeiten mit welchen Konsequenzen verbunden wären. Klar sei aber, dass eine Räumung nicht in ein, zwei Jahren abgeschlossen sein würde.

«Lüge der Makkaroni»

Bis Mitte 2020 sollen Fachleute genügend Erkenntnisse zum Zustand der Munitionsreste gesammelt haben. «Dieser Zeithorizont ist inakzeptabel und für die Bürger eine Zumutung», sagt Lanz. Viele Votanten beklagten an der Informationsveranstaltung denn auch, dass alles so lange dauere. «Die Gemeinde fordert vom VBS, dass es bis Ende November ein Zeitplan über die weiteren Schritte erstellt», sagt Lanz.

Um einen seriösen Entscheid zu treffen, brauche es jedoch gesicherte Grundlagen, betonten Vertreter des VBS. Ein Experte der Armasuisse gab Einblick in die Untersuchungen, die an der verschütteten Munition durchgeführt werden. Diese sei nach wie vor detonationsfähig.

«Wie sollen wir mit der Angst und Unsicherheit leben?», fragte eine ältere Frau aus dem nahen Kandergrund. Als der Stollen im zweiten Weltkrieg gebaut wurde, habe man die Bevölkerung angelogen und erzählt es würden Makkaroni drin gelagert. 1947 flog das Munitionslager in die Luft und verwüstete das Dorf.

Seither weiss man, dass im Berg noch Munition verschüttet ist. Wie viel, habe man der Bevölkerung nie gesagt, kritisierten einige Votanten. Studien nach der Explosionskatastrophe von 1947 und später 1986 gingen davon aus, dass von der verschütteten Munition keine Gefahr ausgeht.

Sensoren gegen die Gefahr

Als das VBS plante, in Mitholz ein Rechenzentrum zu bauen, wurde eine neue Sicherheitsüberprüfung an die Hand genommen. Diese kam zum Schluss, dass vom «Pulverfass» im Berg eine grössere Gefahr ausgeht als all die Jahrzehnte zuvor angenommen.

Das 1947 verschüttete Munitionslager wird nun überwacht, damit etwaige Veränderungen frühzeitig wahrgenommen werden können. So werden zum Beispiel Sensoren für Erschütterungen, Rauch und Gas eingebaut. Ebenso werden kleinste Felsbewegungen registriert.

(cho/sda)

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