Trendumkehr?: Weniger Fälle, steigender R-Wert – das bedeuten die Covid-Zahlen
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Trendumkehr?Weniger Fälle, steigender R-Wert – das bedeuten die Covid-Zahlen

Täglich meldet das BAG tiefere Corona-Fallzahlen. Die Reproduktionszahl steigt jedoch trotz Shutdown wieder an. Das steckt dahinter.

von
Bettina Zanni
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Der R-Wert nähert sich wieder 1 an. Ist der ermittelte Wert korrekt, würden die Fallzahlen stagnieren.

Der R-Wert nähert sich wieder 1 an. Ist der ermittelte Wert korrekt, würden die Fallzahlen stagnieren.

Claudio De Capitani/freshfocus
Jacob (44) lässt im Rahmen des Fächentests im Kanton Graubünden in Zuoz einen Coronatest machen. Foto: 20min/Jeremias Büchel

Jacob (44) lässt im Rahmen des Fächentests im Kanton Graubünden in Zuoz einen Coronatest machen. Foto: 20min/Jeremias Büchel

Jeremias Büchel
«Der geschätzte R-Wert ist gestiegen, weil sich die Abnahme der täglichen Fallzahlen verlangsamt hat», sagt Richard Neher, Epidemiologe an der Universität Basel und Mitglied der Covid-19-Taskforce des Bundes.

«Der geschätzte R-Wert ist gestiegen, weil sich die Abnahme der täglichen Fallzahlen verlangsamt hat», sagt Richard Neher, Epidemiologe an der Universität Basel und Mitglied der Covid-19-Taskforce des Bundes.

biozentrum.unibas.ch

Der Shutdown hält das Coronavirus in Schach. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sinkt seit dem 18. Januar stetig. Am Montag meldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rund 3700 neue Fälle über das Wochenende, während es eine Woche vorher noch rund 4300 Fälle waren. Auch die Zahl der Spitaleintritte und der Todesfälle ist klar rückläufig.

Ein Gegentrend zeigt sich jedoch bei der Reproduktionszahl, dem so genannten R-Wert: Zwischen dem 8. und dem 22. Januar stieg dieser von 0,84 auf 0,98. Damit stecken 100 Personen nicht mehr 84, sondern 98 weitere an. So hoch lag dieser Wert zuletzt am 21. Dezember, als weder die Beizen im Shutdown noch die Läden geschlossen waren.

Der R-Wert nähert sich wieder 1 an. 

Der R-Wert nähert sich wieder 1 an.

Covid19.admin.ch

«Starke Abnahme Anfang Januar»

«Der geschätzte R-Wert ist gestiegen, weil sich die Abnahme der täglichen Fallzahlen verlangsamt hat», sagt Richard Neher, Epidemiologe an der Universität Basel und Mitglied der Covid-19-Taskforce des Bundes. In den ersten beiden Januarwochen sei die Zahl der Neuinfektionen stark gesunken, während sich diese in der dritten Woche auf einem nicht wesentlich tieferen Niveau eingependelt hätten.

Neher schliesst nicht aus, das der R-Wert in den nächsten Tagen weiter ansteigen wird. «Auch in der letzten Woche hat sich die Abnahme bei der Zahl der bestätigten Fälle im Vergleich zur Vorwoche verlangsamt.» Dennoch dürfe man dem R-Wert nicht zu viel Gewicht geben. «Der Fehlerbereich ist relativ gross, sodass alle Werte zwischen 0,85 und 1,12 möglich sind.»

Welche Rolle spielt die Mutation?

Auch darf laut Neher nicht davon ausgegangen werden, dass die ansteckendere britische Mutation den R-Wert in die Höhe treibt. «Die Ansteckungen mit der Variante kommen schweizweit nach wie vor nicht häufig genug vor, als dass sie jetzt schon einen grossen Einfluss auf die Reproduktionszahl haben könnten.»

Diese Aussage bestätigt Tanja Stadler, die den R-Wert regelmässig berechnet. «Da der Anteil der Ansteckungen durch die neue Variante momentan noch bei rund 10 Prozent liegt, wird der R-​Wert momentan noch von bekannten Varianten dominiert», sagt die ETH-Professorin und Mitglied der Covid-19-Taskforce in einem aktuellen Interview der ETH.

«Massnahmen könnten nicht mehr ausreichen»

Auch Nicola Low, Epidemiologin und Mitglied der Covid-19-Taskforce des Bundes, verweist auf den statistischen Unsicherheitsbereich des R-Werts. Sie macht darauf aufmerksam, dass die neuen Varianten des Virus mehr Infektionen verursachen. Eine Virusvariante, die leichter übertragen werden könne, habe eine höhere R-Zahl.

Diese Variante habe einen biologischen Vorteil, so Low. «Sie wird nach und nach die bisherige, weniger übertragbare Variante verdrängen.» Dies bedeute, dass Massnahmen, die bisher stark genug waren, für die neue Variante nicht mehr ausreichen könnten.

Ansteckungen mit britischem Virus verdoppeln sich jede Woche

Seit dem 18. Januar ist die Schweiz im Shutdown. «Wenn diese Massnahmen die Übertragung der neuen Varianten verlangsamt haben, könnte die R-Zahl sinken», sagt Low. Die Google-Mobilitätsdaten zeigten allerdings keine weitere Abnahme der Mobilität seit dem Shutdown.

Wie stark sich das mutierte Virus verbreitet, wird sich laut Richard Neher Mitte oder Ende Februar zeigen. «Wenn sich der aktuelle Trend bestätigt, wird die neue Variante in drei Wochen dominieren.»

Tanja Stadler stellt im ETH-Interview bei den Ansteckungen des britischen Virus rund jede Woche eine Verdoppelung fest. «Von 700 Fällen in der zweiten Januarwoche zu 1300 in der dritten», sagt sie. Sie rechnet damit, dass die Daten in den nächsten Tagen sehen liessen, ob die neuen Massnahmen vom 18. Januar die gewünschte Wirkung zeigten.

R-Wert

Die Reproduktionszahl oder der R-Wert gibt an, wie viele Personen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt. Liegt die Zahl unter 1, nimmt die Gesamtheit aller angesteckten Personen ab. Liegt die Zahl über 1, nimmt die Summe aller angesteckten Personen zu. Laut der ETH erfolgt die Berechnung der Zahl täglich auf Basis umfangreicher Zahlen zu den Testergebnissen und weiterer Daten aus dem nationalen und internationalen Umfeld.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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