«Vollzeit-Hausfrau»: Weniger IV wegen Geburt von Kindern
Aktualisiert

«Vollzeit-Hausfrau»Weniger IV wegen Geburt von Kindern

Luana M. ist stark sehbehindert und erhielt bisher eine volle IV-Rente. Weil die Alleinerziehende nun laut IV Vollzeit-Hausfrau ist, wurde ihr die Rente halbiert.

von
Annette Hirschberg

Die Thurgauerin Luana M.* hat vor wenigen Tagen einen einschneidenden Bescheid der Invalidenversicherung (IV) erhalten. Ab November wird ihr statt einer Vollrente nur noch eine halbe ausbezahlt, obwohl sie gemäss IV keiner Arbeit nachgehen kann. Seit Geburt ist sie fast blind, weil sie auf beiden Augen ein Glaukom hat. Das bedeutet, dass bei ihren Augen die Flüssigkeit nicht richtig abfliessen kann und auf Sehnerv, Netz- und Hornhaut drückt. Ständig muss die heute 29-Jährige operiert oder im Notfall behandelt werden. Dieses Jahr hatte sie unter anderem schon eine Hornhauttransplantation und eine Netzhautablösung. «Ich sehe nur noch ganz wenig», sagt die junge Frau, die zwei kleine Kinder hat.

Vor einer Weile hat sie der Vater ihrer zwei kleinen Söhne verlassen. M. zog von Zürich zurück in den Thurgau, damit ihre Familie ihr mit den Kindern helfen kann. Die dort zuständige IV-Stelle nahm die Geburt zum Anlass, ihre Rentenberechtigung neu zu prüfen. «Eine Frau kam zu mir und stellte mir Fragen», so M. Eine der Fragen war entscheidend. «Sie wollte von mir wissen, ob ich jetzt mit den zwei kleinen Kindern arbeiten gehen würde, wenn ich gesund wäre.» Luana M. wollte die Frage nicht beantworten. «Ich weiss doch gar nicht, wie das Leben ohne Behinderung wäre», so M. Doch die Sachbearbeiterin bestand darauf, eine Antwort zu erhalten. Darauf sagte M., dass sie in ihren Träumen mit dem perfekten Mann und dem perfekten Leben gern mit den Kindern die ersten Jahre zu Hause bleiben würde.

«Das ist zum Verzweifeln»

«Das genügte der Frau, um mich zur theoretischen Vollzeit-Hausfrau abzustempeln.» Und da sie einen Teil des Haushalts alleine erledigen kann, wurde M. neu 50 Prozent arbeitsfähig eingestuft. «Obwohl sich an meiner Situation, seit ich lebe, nichts geändert hat, erhalte ich jetzt plötzlich halb so viel Geld», sagt M. Dabei würde sie als alleinerziehende Mutter gern arbeiten gehen, wenn sie könnte. Doch weil ihre Gesundheit so instabil ist, nimmt sie kein Arbeitgeber. Stattdessen werden ihr jetzt nebst ihren ständigen medizinischen Problemen viel zusätzlicher Papierkram und Geldnot aufgebürdet. «Das ist zum Verzweifeln.»

Beim Sozialversicherungszentrum Thurgau bestätigt man, dass es bei Geburten zu Neueinschätzungen der Rentenberechtigung kommen kann. «Die theoretische Arbeitsmarktfähigkeit verändert sich», so Direktor und IV-Stellenleiter Anders Stokholm. Dabei stelle man auf die gesamten Umstände und auf die Aussage der Person ab. Dennoch sei der Unterhalt von Luana M. gesichert. «Wer darauf angewiesen ist, erhält Ergänzungsleistungen zur IV-Rente.» Bis diese ausbezahlt werden, helfe das Sozialamt der Gemeinde aus.

* Name der Redaktion bekannt

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