Aktualisiert 20.02.2014 11:51

Masseneinwanderung«Weniger Lohn, dafür nicht mehr ausgegrenzt»

ETH-Dozent Christoph Höcker kündigte an, dass er bei einer Annahme der SVP-Initiative die Schweiz verlassen werde. Einige Leser haben beschlossen, sich ihm anzuschliessen.

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Seit 1999 hat der Deutsche Christoph Höcker (57) einen Lehrauftrag am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich. Das Ja der Schweiz zur SVP-Initiative gegen Masseneinwanderung hat den Archäologen und Sachbuchautor nun dazu bewogen, die Schweiz zu verlassen. Nicht nur der Entscheid des Dozenten, sondern auch seine Aussage, dass ein «Bauernbub aus Obwalden» seinen Job sicherlich hinbekomme, erregt die Gemüter der 20-Minuten-Leser. In über 350 Beiträgen haben die Kommentierenden ihre Meinung kundgegeben. Der Grundtenor ist eindeutig: Das sei eine Überreaktion, finden viele Leser, und auch Studenten des Dozenten können den Entscheid nicht nachvollziehen.

«Das Resultat wäre in Deutschland wohl noch eindeutiger»

Das kommentierende «Bäuerchen» ist empört: «Lieber Herr Höcker. Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Ansicht betreffend der Intelligenz von uns Bauern», bemerkt er und spricht damit vielen Lesern aus dem Herzen.

Leser «dkritiker» ist nicht nur der Meinung, dass Christoph Höcker überreagiert, er findet auch, dass etwas mehr Dankbarkeit angebracht wäre: «Aufgrund Ihrer Aussagen muss ich annehmen, dass Sie den Job wegen den ‹bösen› Schweizern hinschmeissen. Aber denken Sie nach: Der Job hat Ihnen während Jahren ein gutes Salär eingebracht. Ich nehme an, diese Annehmlichkeit hätten Sie in Deutschland nie gehabt.»

Auch die Studenten des ETH-Lehrbeauftragten sind der Ansicht, dass Höcker eine übertriebene Reaktion zeigt: «Er interpretiert dieses Abstimmungsresultat als Fremdenfeindlichkeit. Ich finde auch nicht gut, was passiert ist. Aber man muss jetzt nicht meinen, dass jeder, der Ja gestimmt hat, gleich fremdenfeindlich ist. Er müsste da eigentlich drüberstehen,» meint ein Student zu Radio 24. Auch ein deutscher Uni-Besucher sieht das Resultat lockerer als der Archäologe: «In jedem Land gibt es politische Stimmungen. Ich glaube nicht, dass viele Dozenten jetzt ihr Leben davon leiten lassen.»

Die Brandherde der Schweiz

Einige Kommentierende sehen die Entscheidung Höckers gelassen. Leser «Keine Panik» merkt an: «Den meisten Stimmbeteiligten war bereits vor der Abstimmung bewusst, dass bei einem Ja zur MEI mit dem Wegzug von Firmen und Fachkräften zu rechnen sei. Dies geschieht nun vereinzelt. Ob sich daraus ein Trend ergibt, bleibt abzuwarten.» Tobias stärkt den Gleichmut und versichert: «Also ich fühle mich seit über 14 Jahren in der Schweiz sehr wohl. Ich habe auch viele und gute Schweizer Freunde. Wegen der aktuellen Abstimmung sehe ich keinen Grund zur Panik.»

«Daniel H.» macht sich andererseits dann doch einige Sorgen: «Es sind mehrere Brandherde, die in der Schweiz brennen, und keiner weiss so recht, wie diese zu löschen sind. Stadtmenschen gegen Landmenschen, Jung gegen Alt, Deutschsprachige gegen Französischsprachige. Eine sehr schwierige Situation. Was ist ein gesundes Wachstum?» Auch Leser «Patriot» kann die Gelassenheit, die aus vielen Kommentaren spricht, nicht verstehen: «‹Es wird nichts passieren›, hat es geheissen. Nun werden Grossprojekte in der Forschung gestoppt, Investitionen in der Wirtschaft auf Eis gelegt, Firmenabwanderungen vorbereitet, Fachpersonal wandert aus. Ich weiss nicht, ‹nichts› hab ich mir irgendwie anders vorgestellt.»

«Ich packe auch gerade die Klamotten»

Einige Leser verstehen nicht nur die Gelassenheit nicht, sie können auch die Entscheidung des Dozenten Christoph Höcker gut nachvollziehen: «Ich packe auch gerade die Klamotten, Praxis dicht, Klinikstelle gekündigt, zurück ins Rheinland nach Düsseldorf. Weniger Geld, aber nicht mehr ungeliebt und ausgegrenzt. Und ich wette, es wird noch eine ganze Menge folgen», schreibt Andreas B.

Auch Schweizer spielen mit dem Gedanken, das Heimatland nun zu verlassen. Peter Gwerder erklärt: «Sogar ich als gebürtiger Schweizer mache mir Gedanken, auszuwandern, wenn ich diese Kommentare lese. Das Ganze hat langsam ein Ausmass angenommen, das sogar ich als Schweizer Mühe habe zu akzeptieren. Es ist schön, hinter unserem Land zu stehen, aber es berechtigt uns nicht, über andere Menschen zu urteilen und zu walten.»

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