01.12.2016 11:49

Finanzen ausser KontrolleWeniger Schulden dank Lohnabzug für Steuern?

Steuerrechnungen bringen viele Personen aus dem finanziellen Gleichgewicht. Was wäre, wenn das Geld direkt vom Lohn abgezogen würde?

von
Mira Weingartner
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Gerade bei den Steuern sind viele Bürger administrativ überfordert. Dies sei einer der Gründe, wieso sich bei rund 80 Prozent seiner Klienten Steuerschulden anhäuften, meint ein Schuldenberater.

Gerade bei den Steuern sind viele Bürger administrativ überfordert. Dies sei einer der Gründe, wieso sich bei rund 80 Prozent seiner Klienten Steuerschulden anhäuften, meint ein Schuldenberater.

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Sébastien Mercier der Schuldenberatung Schweiz findet es von Vorteil, wenn Steuerschulden direkt beim Lohn abgezogen werden. In benachbarten Ländern ist dies bereits Usus.

Sébastien Mercier der Schuldenberatung Schweiz findet es von Vorteil, wenn Steuerschulden direkt beim Lohn abgezogen werden. In benachbarten Ländern ist dies bereits Usus.

Keystone/Christian Beutler
Könnte nicht auch die Krankenkassenprämien in den Lohnabzügen aufgeführt werden? Der zweitgrösste Schuldentreiber der Schweizer sind nämlich die monatlichen Rechnungen der Gesundheitsversicherungen.

Könnte nicht auch die Krankenkassenprämien in den Lohnabzügen aufgeführt werden? Der zweitgrösste Schuldentreiber der Schweizer sind nämlich die monatlichen Rechnungen der Gesundheitsversicherungen.

Keystone/Martin Ruetschi

Keine finanzielle Reserve für den Zahnarzt, fehlende Übersicht über den Konsum mit Kredit- und Kundenkarte: Laut einer aktuellen Umfrage von Intrum Justicia ist bei 14 Prozent der Befragten die persönliche Finanzlage ausser Kontrolle. Gerade bei den Steuern seien viele Bürger administrativ überfordert und würden so den Überblick verlieren, sagt auch Sébastien Mercier von der Schuldenberatung Schweiz. Dies sei einer der Gründe, wieso sich bei rund 80 Prozent seiner Klienten Steuerschulden anhäuften.

Besonders Jugendliche treffe die Summe ihrer definitiven Veranlagung oft überraschend und mit voller Wucht: «Sie sind zu wenig darüber informiert, wie hoch ihre Steuerrechnung tatsächlich ausfallen wird.» Viele seiner Klienten würden darum den Wunsch äussern, dass die Steuern direkt vom Lohn abgezogen werden. «Sie sagen, so hätten sie all ihre Probleme gar nicht erst bekommen», so Mercier.

Jahrelanges Politikum

Während etwa bei den deutschen Nachbarn die Steuern bereits vom Lohn abgezogen werden, ist dies in der Schweiz erst ein vieldiskutiertes Politikum. SP-Nationalrätin Margrit Kiener Nellen setzte sich für «die Ermöglichung eines freiwilligen monatlichen Direktabzugs der Steuern vom Lohn» ein. Parteikollege und Alt-Nationalrat Rudolf Rechsteiner will in Basel-Stadt bewirken, dass Arbeitgeber Steuern direkt vom Lohn abziehen. Während die Motion von Kiener Nellen aus dem Jahr 2014 nicht fruchtete, ist bei den Baslern ein definitiver Entscheid derzeit noch hängig. «In Basel stecken jährlich 10'000 Leute in Steuerschulden», so Rechensteiner. Dies betreffe Steuerzahler aus sämtlichen Schichten – «es sind in erster Linie Personen, die finanziell nicht strukturiert denken.» Die Betroffenen gerieten so in eine echte Notlage, der Kanton gleichzeitig in einen Leerlauf, der mit viel Aufwand verbunden sei.

«Weniger Leid für Steuerzahler»

Schuldenberater Mercier unterstützt das Vorhaben der Politikerin – die Verschuldung von Privatpersonen könne somit stark reduziert werden. Auch hätte eine solche Praxis weitere positive Nebeneffekte: «Der stetige Druck, der auf vielen Steuerzahlern lastet, wird wegfallen. Viel Leid könnte so verhindert werden.»

Wer verschuldet sei, bezahle oft als Erstes seine Wohnung, das Auto und Kredite. Der Staat sei als Gläubiger in der Regel geduldiger als die Privatwirtschaft. «Dennoch gelangen die Betroffenen so in eine Negativspirale.»

Mercier geht noch einen Schritt weiter: Könnten nicht auch die Krankenkassenprämien in den Lohnabzügen aufgeführt werden? Zweitgrösster Schuldentreiber der Schweizer sind nämlich die monatlichen Rechnungen der Gesundheitsversicherungen.

«Bevölkerung nicht bevormunden»

Von bürgerlicher Seite her spricht man von «Bevormundung», oder etwa «unnötigem Mehraufwand der Arbeitgeber». FDP-Nationalrat und Mitglied der Kommissionen für Wirtschaft und Abgaben (WAK) schwebt ein Mittelweg – eine optionale Lösung – vor: «Für Verschuldete wäre es sicher eine Lösung, wenn sie ihre Steuerausgaben direkt vom Lohn abziehen lassen könnten.» Doch finde er es heikel, der gesamten Bevölkerung die Herrschaft über das eigene Cash-Management abzunehmen. «Die Bevölkerung soll weiterhin die Verantwortung über die eigenen Finanzen tragen können.»

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