Aktualisiert 12.09.2012 08:53

Zu Gast bei Albanern

«Wenigstens hat Shaqiri das Tor geschossen»

Das Herz schlägt für Albanien, der Kopf ist für die Schweiz. Aber geht das überhaupt? Auf ein Fussballspiel mit dem albanischen Kulturverein in Winterthur.

von
Antonio Fumagalli

Es scheint wie der Traum eines jeden Fussballfans: Egal, welche Mannschaft mehr Tore schiesst – man gewinnt sowieso. «Mein Herz schlägt für Albanien, mein Kopf ist für die Schweiz», sagt Shefqet Cakolli, Präsident des albanischen Kulturvereins Dardania, vor dem Spiel.

Damit ist er im karg eingerichteten Vereinslokal im Winterthurer Stadtkreis Töss in guter Gesellschaft. Auf die Frage, welche Mannschaft man unterstütze, heisst es stets: «Die bessere soll gewinnen», «ein Unentschieden mit vielen Toren wäre am schönsten» oder knapp: «50 – 50.» Cakollis Tochter Albulena hat sich gar ein Schweizer Kreuz neben den albanischen Adler auf die Wange gepinselt.

Doch sobald das Spiel angepfiffen ist, obsiegt offenbar das Herz – man mag es den rund 50 anwesenden Personen, zumeist Männern mittleren Alters, verdenken. Die seltenen Angriffsbemühungen von Albanien werden lautstark unterstützt; kommen die Schweizer Spieler mal vors gegnerische Tor, halten nicht wenige den Atem an.

Nur einer jubelt beim Tor

Als Shaqiri das 1:0 schiesst, jubelt nur einer so richtig: «Die Schweiz ist einfach besser, das muss man anerkennen», sagt Shala Gievdet, der seit 23 Jahren hier lebt und längst eingebürgert ist. Pragmatischer sieht es der zehnjährige Schüler Endris Murseli: «Wenigstens war es Shaqiri, der das Tor gemacht hat.»

Es ist an diesem trüben Dienstagabend nicht nötig, Albanisch zu verstehen, die Sprache des Fussballs verbindet. So hadert jeder mit seinem Lieblingsspieler, wenn er schon wieder einen Pass in die Füsse des Gegners gespielt hat oder freut sich über eine gelungene Abwehraktion des Torhüters - ein Match in albanischstämmiger Gesellschaft unterscheidet sich kaum von einem mit 100-prozentigen Anhängern der Schweizer Nati. Mit dem feinen Unterschied, dass im Dardania-Vereinslokal bedeutend weniger Bier getrunken wird.

Weitschüsse lassen Stimmung aufkommen

Wirklich laut wird es eigentlich nur bei zwei Weitschüssen von Meha und Cani, die der Schweizer Keeper Benaglio souverän pariert. Um das Lokal zum Tollhaus zu machen, reicht dies aber nicht.

So leert sich das Lokal bei Spielschluss ziemlich schnell. Der Kopf hat sich durchgesetzt. «Das ist doch gut, oder?», sagt Vereinspräsident Cakolli und faltet die albanische Flagge fein säuberlich zusammen. Die Schweizer Fahne hält er in der anderen Hand.

Ankunft der albanischen Mannschaft im Stadion in Luzern.

Die albanischen Fans zotteln friedlich nach Hause.

Stimmung im Stadion

Schon um kurz nach 16 Uhr stimmen sich rund 100 albanische Schlachtenbummler hinter dem Stadion auf die Partie ein. Im Minutentakt kommen mehr dazu. Alle in Rot gekleidet, mit Fahnen, Stirnbändern oder Mützen. Selten fehlt der albanische Doppelkopfadler, einige haben Kosovo-Fahnen mit dabei. Und: Einige gar irgendwo noch ein Schweizer Kreuz. Die Stimmung ist Stunden vor dem Spiel friedlich, Schweizer Fans sieht man praktisch keine. Es fühlt sich an, als ob nachher im Stadion mindestens 16000 Fans Albanien unterstützen werden. Vor der Swissporarena überträgt das albanische TV direkt, einige bieten Tickets für bis zu 600 Franken an, als der Mannschaftsbus vorfährt, kann dieser nur von einem Polizeiauto durch die feiernde Menge schleichen. Die Stimmung kocht über. Genauso wie später im Stadion drin.

Die Schweizer Nati wird bei der Platzbesichtigung ausgepfiffen, kaum ist einer der fünf Schweiz-Albaner auf dem Videoscreen ertönen tausende Pfiffe. Besonders schlecht kommt ein Werbespot mit Xherdan Shaqiri an, welcher oben ohne mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust auftritt. Admir Mehmedi und Granit Xhaka bleiben lange auf dem Platz und reden. Immer wieder schweift ihr Blick auf den albanischen Sektor. Ob sie wohl dort stehen würden, wenn sie nicht Profifussballer geworden wären?

Auch während der Partie sorgen die Albaner für hervorragende Atmosphäre, spornen damit auch die Schweizer Zuschauer an, welche das Duell annehmen und - spätestens ab dem 2:0 - das Lärmpegelwettmessen für sich entscheiden. Einige unverbesserliche pfeifen Shaqiri und Co. weiterhin bei jeder Ballberührung aus, doch als Xhaka ausgewechselt wird, spenden viele gegnerische Anhänger warmen Applaus. Selbst nach dem Schlusspfiff hält sich die Enttäuschung in Grenzen. Die albanischen Fans verlassen die Arena friedlich, allerdings deutlich leiser, als zuvor. Ein wunderbares Fussballfest geht zu Ende - einen grossen Teil tragen die albanischen Fans dazu bei. Erst Minuten nach dem Abpfiff hat man das Gefühl, dass die Partie in der Schweiz stattfand: Im Wirtshaus zum Schützenhaus gleich neben dem Stadion gönnen sich praktisch nur noch Schweizer die Siegerbratwurst. (fox)

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