Openair-Sommer: Wenn auf das Festival die Depression folgt
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Openair-SommerWenn auf das Festival die Depression folgt

Raus aus dem Sittertobel, rein in die Melancholie. Nach dem mehrtägigen Festival-Hoch ist der Fall oft besonders tief. Psychologen wissen, dass es nicht nur am Kater liegt.

von
Neil Werndli

Der Schlamm an den Stiefeln ist noch nicht ganz trocken, die Zugabe des Headliners hallt im Kopf noch nach und man kann gar nicht glauben, dass das Festival schon wieder vorbei ist. Nach dem Openair folgt bei vielen Besuchern das Tief: die Post-Festival-Despression.

Typische Symptome: leichter Tinnitus, das Bedürfnis, im Garten zu zelten und die Unfähigkeit, den Eintrittsbändel vom Handgelenk zu schneiden. Spätestens wenn man anfängt, seine eigene Toilette zu verpinkeln, nur um das Openair-Feeling noch etwas aufrechtzuerhalten, wird die Post-Festival-Depression zum Problem. 20 Minuten hat mit dem Psychotherapeuten Lothar Janssen über die Melancholie nach Openairs gesprochen.

«Man fängt an, nachzudenken»

«Bei Festivals kommt man in so ein Flow-Erlebnis. Da werden unglaublich viele Glückshormone ausgeschüttet», sagt Janssen. «Das ist auf gut Deutsch ein geiles Feeling - aber leider nicht immer alltagskompatibel.» Der Endorphin-Haushalt ist also mitverantwortlich für die Melancholie. Nach drei Tagen, in denen sämtliche gesellschaftliche Konventionen über den Haufen geworfen werden, muss man sich erst wieder an die normale Welt gewöhnen. «Danach ist der Absturz programmiert: Der Alltag fängt wieder an, man hat Dinge, um die man sich wieder kümmern muss», sagt der Psychotherapeut.

Als wichtigsten Faktor nennt Janssen allerdings die soziale Komponente: «Das Gemeinschaftsgefühl spielt eine grosse Rolle. Das kann auch - wie beim Openair St. Gallen - ein Schlammbad sein.» Dabei gehe es nicht einmal primär um alte Freunde, die man nach langer Zeit wieder sehe, sondern ganz allgemein darum, in einer grossen Gruppe aufzugehen. «Über die drei, vier Tage wächst man ja wie zu einem Kollektiv zusammen. Und wenn man da rauskommt, beginnt man nachzudenken: ?Was will ich eigentlich? Was muss ich morgen tun??»

«Drogen bräuchte man gar nicht»

Die von Janssen beschriebenen Faktoren sind vor allem psychischer Natur. Allerdings spielt auch der körperliche Aspekt eine Rolle. An Festivals neigt man dazu, sich ungesund zu ernähren - vom Umgang mit Alkohol und Drogen ganz zu schweigen. Der klassische Kater trägt also auch zum Tief bei. «Dabei sind die Glückshormone ja körpereigene Drogen», betont Janssen. «Den Rest bräuchte man eigentlich gar nicht.» Jemand, der so betrunken ist, dass er nichts mehr von seiner Lieblingsband mitbekomme, sei sowieso zu bemitleiden. «Das ist wirklich schade um die ganzen Endorphine.»

Um optimal gegen die Post-Festival-Depression anzukämpfen, ist es laut dem Psychotherapeuten wichtig, das Gemeinschaftsgefühl weiter hochzuhalten. Janssen empfiehlt, sich nicht in die Melancholie zurückzuziehen, sondern mit Freunden in Erinnerungen zu schwelgen. «Man kann sich Fotos anschauen oder Geschichten vom Festival erzählen - die gute Zeit miteinander teilen.»

Wollen Sie das Gefühl des Openair St. Gallen noch einmal heraufbeschwören? Den musikalischen Rückblick finden Sie hier, den Live-Ticker aus dem Sittertobel können Sie ebenfalls nochmals durchstöbern. Und bald stehen schon wieder die nächsten Festivals mit musikalischen Perlen an.

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