Tiananmen-Gedenken: Wenn China die «grosse gelbe Ente» zensiert
Aktualisiert

Tiananmen-GedenkenWenn China die «grosse gelbe Ente» zensiert

Am Jahrestag des Tiananmen-Massakers versuchten chinesische Aktivisten, mit kreativen Beiträgen die Internet-Zensur zu umgehen. Meist hatten sie nur kurzfristig Erfolg.

von
pbl

Am 24. Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking hat China jegliche Gedenkfeiern verhindert. Polizisten versperrten am Dienstag den Zugang zum Wanan-Friedhof, auf dem Opfer des Massakers liegen. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens markierten die Sicherheitskräfte Präsenz. Dort hatten Studierende, Menschenrechtsaktivisten und Arbeiter vor 24 Jahren für mehr Demokratie demonstriert. Die Regierung beendete die Proteste am 4. Juni 1989 durch den brutalen Einsatz von Polizei und Militär. Je nach Schätzung kamen zwischen 200 und mehr als 3000 Menschen ums Leben.

Rund um den Jahrestag wurde auch die Zensur des Internets erneut verschärft. Neben Ausdrücken wie «Tiananmen» wurden scheinbar harmlose Wörter wie «heute», «morgen» oder «dieses Jahr» blockiert. Auch bestimmte Zahlenkombinationen landeten auf dem Index, etwa «6-4», «64» oder auch «35», womit der 35. Mai gemeint ist – eine codierte Version des 4. Juni. Chinas Online-Aktivisten liessen sich jedoch nicht einschüchtern, sie lieferten sich mit den Zensoren ein «ausgeklügeltes Katz-und-Maus-Spiel», so der «Guardian».

Anspielungen auf den «Tank Man»

Zum wichtigsten «Kampfplatz» wurde Sina Weibo, die chinesische Variante von Twitter. Dort wurden diverse Bilder gepostet, die an das berühmteste Foto der Proteste erinnerten – den so genannten «Tank Man», der sich ganz alleine vier Panzern in den Weg gestellt hatte. In der beliebtesten Version wurden die Panzer durch vier riesige Plastikenten ersetzt. Eine solche ist derzeit im Hafen von Hongkong als Kunstinstallation zu sehen. Das Bild wurde rasch entfernt und der Suchbegriff «grosse gelbe Ente» ebenfalls blockiert. Auf einem anderen Bild wurde das Panzer-Foto mit Legosteinen nachgestellt (siehe Bildstrecke).

Zu den gesperrten Begriffen gehörte am Dienstag auch «schwarzes Hemd» - der bekannte Dissident Hu Jia hatte die Chinesen auf Twitter aufgefordert, am Jahrestag schwarz zu tragen. Prominente Chinesen reagierten auf die Blockade, indem sie als stillen Protest gar nichts auf Sina Weibo veröffentlichten. Andere umgingen die Zensur mit Anspielungen auf die dunklen Wolken, die am Dienstag über Peking aufzogen. «Der Himmel sieht, was die Menschen sehen. Der Himmel hört, was die Menschen hören», schrieb der Historiker Zhang Lifan laut «Wall Street Journal» in Anspielung auf einen konfuzianischen Text.

«Wir werden niemals vergessen!»

Nur in Hongkong und Macau sind aufgrund ihres politischen Sonderstatus Gedenkanlässe möglich. So gedachten mehrere zehntausend Hongkonger am Dienstag trotz strömenden Regens der blutigen Niederschlagung der Tiananmen-Proteste. Die Menschen versammelten sich mit Kerzen zu einer Nachtwache im Victoria Park der Sonderverwaltungszone. «Verteidigt den 4. Juni! Wir werden niemals vergessen!», riefen die Demonstranten. (pbl/sda)

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