Leere Gestelle in der Schweiz?  – «Wenn China ganze Häfen unter Quarantäne stellt, läuft nichts mehr»
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Leere Gestelle in der Schweiz? «Wenn China ganze Häfen unter Quarantäne stellt, läuft nichts mehr»

In der Volksrepublik sorgen Lockdowns und Quarantänen für weltweite Lieferunterbrüche. Mit Omikron könnte sich das noch verstärken. Was das für die Schweiz bedeutet, sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch im Gespräch.

von
Dominic Benz
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China bekämpft einzelne Corona-Infektionsherde mit rigorosen Lockdowns.

China bekämpft einzelne Corona-Infektionsherde mit rigorosen Lockdowns.

AFP
Doch wenn China Häfen abriegelt, dann droht der Weltwirtschaft Gefahr.

Doch wenn China Häfen abriegelt, dann droht der Weltwirtschaft Gefahr.

REUTERS
Denn schon jetzt gibt es grosse Lieferprobleme. Durch eine weitere Schliessung würden sich diese noch verschärfen.

Denn schon jetzt gibt es grosse Lieferprobleme. Durch eine weitere Schliessung würden sich diese noch verschärfen.

REUTERS

Darum gehts

  • Der Weltwirtschaft droht Gefahr durch einen Lockdown in China.

  • Dann fallen die Lieferketten wieder aus.

  • Omikron erhöht diese Gefahr.

  • Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch sagt, was auf uns zukommt.

China kämpft mit drastischen Mitteln gegen das Coronavirus. Einzelne Infektionsherde bekämpfen die Behörden umgehend: Millionen-Städte werden desinfiziert, Bezirke unter Quarantäne gestellt und Lockdowns verhängt.

Mit der hochansteckenden Omikron-Variante erscheint diese Zero-Covid-Strategie Chinas immer mehr eine Gefahr für die Weltwirtschaft zu werden. Denn schon jetzt gibt es bei vielen Gütern Lieferengpässe.

20 Minuten hat mit Rudolf Minsch gesprochen. Der Chefökonom von Economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft, sagt, ob die Gestelle bei uns immer leerer werden und was Omikron für die Lieferketten bedeutet.

Herr Minsch, wie angespannt ist die Situation beim Güterverkehr aus China?Die Lieferengpässe haben sich seit November nochmals verschlimmert. Problematisch ist, wenn es nun vermehrt zu grossen Lockdowns in China kommt und viele Menschen in Quarantäne sitzen. Hält die Volksrepublik weiter an ihrer Corona-Strategie fest, ist es wahrscheinlich, dass viele Bezirke nun dichtgemacht werden.

Das heisst?
Nicht nur die Produktionen sind dann in Gefahr, sondern auch die Transportwege. Wenn ganze Häfen unter Quarantäne gestellt werden, dann läuft gar nichts mehr.

Inwiefern verschlimmert sich die Situation mit Omikron?
In der ersten Corona-Welle zeigten Lockdowns in China Wirkung. Mit der viel ansteckenderen Variante Omikron wird eine Zero-Covid-Politik aber sehr viel schwieriger: Nach Lockdown-Ende kann das Virus bald wieder auftreten und einen erneuten Lockdown provozieren. Ein stetiges Öffnen und Schliessen hätte verheerende Folgen für die Lieferketten.

Welche Gefahren sehen Sie für die Weltwirtschaft?
Verschlimmern sich die Lieferengpässe, steigen die Preise weiter an. Die Teuerung wird dadurch befeuert. Das könnte vor allem in den USA, wo die Teuerungsrate schon seit Monaten hoch ist, zu grossen Problemen führen.

Warum?
Es droht etwa eine Lohn-Preis-Spirale: Wegen der Preissteigerung verlangen die Arbeitnehmer mehr Lohn. Das belastet die Unternehmen zusätzlich. Zu den Verlierern gehören auch die Sparer: Ihr Geld hat immer weniger Wert und sie können sich damit entsprechend weniger kaufen.

Zum Glück wird ja nicht gleich alles teurer …
Das ist trotzdem gefährlich. Denn die relativen Preise verändern sich: Güter mit Lieferengpässen werden viel teurer als andere. So wird vom einen zu viel und vom anderen zu wenig gekauft. Die Produktion richtet sich dann nicht nach der normalen Nachfrage, sondern nach den verzerrten Preisen. Das schüttelt ganze Volkswirtschaften durch.

Welche Folgen spüren wir in der Schweiz?
Auch bei uns hat man jetzt schon deutliche Preissteigerungen bei gewissen Gütern, etwa bei Baumaterialien, wegen des Chip-Mangels bei Elektrogeräten wie Backöfen oder bei Autos. Die Preise dürften weiter steigen, auch die Lieferzeiten werden länger. Für ein neues Auto wartet man jetzt teils schon bis Ende 2022.

Werden wir viele leere Gestelle in den Läden sehen?
Wir haben den Vorteil, dass wir eine grosse Auswahl haben. Wenn man einfach shoppen geht und es nicht genau auf dieses oder jenes Spielzeug aus China abgesehen hat, dann betreffen einen Lieferengpässe weniger. Konsumentinnen und Konsumenten, die auf der Suche nach einem spezifischen Artikel sind, dürften die Lieferengpässe hingegen mehr spüren.

Sind wir zu abhängig von China?
Sicher sind wir abhängig von China, aber das sind wir auch von den USA oder der EU. Viele Unternehmen sind aber derzeit daran, alternative Lieferketten aufzubauen, statt nur von einem Lieferanten abhängig zu sein. Diese Alternativen werden in Asien gesucht, weil es günstiger ist. Mehrere Lieferanten zu haben hat aber den Nachteil, dass die Bestellungen jeweils kleiner werden und man nicht mehr von hohen Mengenrabatten wie bei einer Grossbestellung profitieren kann. Das kann die Preise ebenfalls nach oben drücken.

Bis wann werden die Lieferengpässe anhalten?
Noch vor kurzem sind wir davon ausgegangen, dass sich die Situation im kommenden Sommer entspannen wird. Wenn Omikron jetzt aber weiter wütet, dann dürften die Engpässe bis Ende 2022 andauern.

67 Prozent rechnen mit Lieferproblemen

67 Prozent der Schweizer Industrieunternehmen rechnen auch im nächsten halben Jahr mit Lieferproblemen. Das zeigt eine Umfrage der Credit Suisse. Ein Fünftel dieser Firmen geht gar davon aus, dass sie wegen fehlender Komponenten im kommenden Halbjahr auf Kurzarbeit setzen müssen. Solange sie darauf zurückgreifen können, soll es aber nicht zu Entlassungen kommen.

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