Wenn das Bein erst einmal weg ist ...
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Wenn das Bein erst einmal weg ist ...

Das gesunde statt das kranke Bein amputiert, die intakte Niere statt die kaputte entfernt: Obschon selten, sollen solche Fehler künftig mit einer Kontrollmassnahme verunmöglicht werden. 20 Minuten Online sprach mit der Projektleiterin.

von
Runa Reinecke

«Guten Morgen, Herr Müller ...», wenn Sie so vom Oberarzt unmittelbar vor einer Operation begrüsst werden und Sie nicht «Müller» heissen, sollten bei Ihnen die Alarmglocken läuten: Dass bei einem Eingriff der falsche Patient unter dem Skalpell des Chirurgen landet oder durch eine Seitenverwechslung ein falsches Organ entnommen oder ein gesundes Bein amputiert wird, ist selten - doch es kommt vor ... auch in der Schweiz.

Damit Patienten noch besser vor solchen gravierenden Fehlern geschützt werden, hat die Stiftung für Patientensicherheit eine schweizweite Kampagne lanciert. Mit Hilfe einer Vier-Punkte-Checkliste sollen sich die Ärzte und das Pflegepersonal vergewissern, dass sogenannte Eingriffsverwechslungen ausgeschlossen werden können. Eine Art «Zusatzversicherung» für den Patienten und den Arzt? 20 Minuten Online sprach mit der stellvertretenden Geschäftsführerin und Kampagnenleiterin der Stiftung für Patientensicherheit, Paula Bezzola.

20 Minuten Online: Gab es einen speziellen Vorfall in der Schweiz, der Sie zur Lancierung der Kampagne veranlasste?

Paula Bezzola: «Nein, das gab es nicht. Trotz unserer begrenzten Ressourcen fanden wir es sehr wichtig, die Kampagne durchzuführen. Dies, obwohl Eingriffsverwechslungen in der Schweiz äusserst selten vorkommen. Doch wenn es passiert, kann das für den Patienten natürlich katastrophale Auswirkungen haben.»

20 Minuten Online: Ein konkretes Beispiel?

Paula Bezzola: «Ein Arzt berichtete von einem Patienten, der an beiden Armen einen Handgelenkbruch erlitten hatte. Nur ein Gelenk hätte operiert werden müssen, am anderen wäre nur ein Gips nötig gewesen. Da die Röntgenbilder falsch beschriftet waren, wurden die Handgelenke verwechselt. Dadurch landete das falsche Handgelenk unter dem Messer. Der Fehler wurde erst während der Operation bemerkt. Der Patient und die Angehörigen wurden direkt nach dem Eingriff über den Vorfall unterrichtet.»

20 Minuten Online: Wie häufig kommt es in der Schweiz zu solchen Verwechslungen?

Paula Bezzola: «Nach einer groben Schätzung sind es rund 10 bis 40 Fälle pro Jahr. Man nimmt aber an, dass das nur die Spitze des Eisberges ist. Bisher gibt es keine Studie zu diesem Thema. Auch 'Beinahe-Fälle' werden nicht immer gemeldet. Deshalb haben viele Spitäler für diese Fälle jetzt Meldesysteme eingerichtet. Diese beruhen aber auf Freiwilligkeit und sind anonym.»

20 Minuten Online: Haben Sie das Vier-Punkte-Programm nach ausländischem Vorbild verfasst?

Paula Bezzola: «Ähnliche Programme gibt es schon in den USA, Australien und Grossbritannien. Zusammen mit dem Aktionsbündnis für Patientensicherheit in Deutschland haben wir ein Programm erarbeitet, das in der Schweiz umsetzbar ist. Dabei haben wir eng mit dem Dachverband der chirurgisch und invasiv tätigen Ärzte der Schweiz (FMCH) zusammengearbeitet.»

20 Minuten Online: «Welchen Einfluss hat ein Patient darauf, dass keine Eingriffsverwechslung vorkommt? Darf ein Patient verlangen, dass sich ein Arzt an Ihr Vier-Punkte-Programm hält?

Paula Bezzola: «Er kann sich sicher beim Arzt nach dem Punkte-Programm erkundigen. Allerdings ist das Programm nicht uneingeschränkt anwendbar. Bei Operationen von Neugeborenen beispielsweise darf die Operationsstelle nicht mit einem wasserfesten Stift markiert werden. Sonst könnten bleibende Tätowierungsspuren bestehen bleiben. Viele Patienten getrauen sich schlicht nicht, nachzufragen. Doch genau das ist wichtig: Je aktiver der Patient beteiligt ist, desto geringer ist das Risiko einer Verwechslung. Dazu gehört auch, dass der Patient sofort reagiert, wenn er beispielsweise vom Arzt oder vom Pflegepersonal mit dem falschen Namen angesprochen wird.»

20 Minuten Online: Wie sollte sich ein Patient verhalten, wenn er Opfer einer Verwechslung wurde?

Paula Bezzola: «Zunächst mit dem behandelnden Arzt und der Institution Rücksprache nehmen, falls der Arzt nicht direkt auf den Betroffenen zugeht und offen mit ihm über die Verwechslung spricht. Wenn es Probleme gibt mit der Aussprache, sollte man sich an die Schweizerische Patientenorganisation oder die Patientenstelle Schweiz wenden.» (Siehe Link-Box).

Das Vier-Punkte-Programm:

1. Die Patientenidentifikation: Vor dem Eingriff spricht der Art mit dem Patienten. Der Patient zeigt dem Arzt zu Kontrollzwecken noch einmal die Stelle, an der er operiert werden muss.

2. Die Operationsstelle wird mit einem wasserfesten Stift markiert. Die Akten werden kontrolliert.

3. Kontrolle, ob der Patient tatsächlich dem richtigen Operationssaal zugewiesen wird.

4. Das Time-Out: Unmittelbar vor dem Eingriff hält das Operationspersonal noch einmal inne und vergewissert sich so, dass alles korrekt geplant ist.

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