Text-Adventure-Games: Wenn das Game nur im Kopf spielt
Aktualisiert

Text-Adventure-GamesWenn das Game nur im Kopf spielt

Die Retrowelle rückt Text-Adventure-Games wieder ins Rampenlicht. Ihr Hoch hatten sie in den 1980er-Jahren.

von
Jan Graber
Schlüpfrige Fantasie: Das Text-Spiel «Softporn Adventure» (1981) diente als Inspiration für die Erotikkomödie «Leisure Suit Larry». Auf dem Coverbild des Spiels zu erkennen: die Mitbegründerin des Entwicklerstudios Sierra On-line, Roberta Williams (rechts).

Schlüpfrige Fantasie: Das Text-Spiel «Softporn Adventure» (1981) diente als Inspiration für die Erotikkomödie «Leisure Suit Larry». Auf dem Coverbild des Spiels zu erkennen: die Mitbegründerin des Entwicklerstudios Sierra On-line, Roberta Williams (rechts).

Wie das Spiel hiess, weiss ich nicht mehr – es ist über 30 Jahre her. An die Eröffnungssequenz erinnere ich mich aber, als hätte ich sie gestern gesehen: Der Held des Games steht in der Bibliothek einer Universität, es ist Nacht, nur wenig Licht erhellt den Raum. Ich sehe Regale, Sessel, ein Pult mit einem aufgeschlagenen Buch und im Dunkeln, gegen Norden, zeichnet sich eine Türe ab. Südlich von mir befindet sich der Ausgang. Unheimliches geht vor in den alten Schulgemäuern, es liegt an mir, die Universität zu erforschen.

Ich sehe die Szene aber nicht auf dem Bildschirm, sondern in meinem Kopf. Ich spiele ein Text-Adventure: ein Spiel, das ausführlich beschreibt, was zu sehen ist, das aber optisch gar nichts hergibt. Um im Spiel weiterzukommen, muss auch ich schriftliche Befehle wie «Go North» oder «Take Book» eintippen. Ein sogenannter Parser interpretiert das Geschriebene und antwortet mit der Beschreibung der nächsten Szene. Oder mit dem Hinweis, dass er nicht versteht, was gemeint war.

Hochblüte der Text-Abenteuer

Die Geburtsstunde der Text-Adventures schlägt 1975: Ein Programmierer namens Will Crowther erfindet das Textspiel «Adventure», um nach einer Scheidung mit seinen Kindern in Kontakt zu bleiben. Bald darauf verbreiten sich weitere Text-Abenteuer über das Universitätsnetzwerk Arpanet, den Vorläufer des Internets. PCs existieren noch nicht, gespielt wird auf den Grosscomputern der Unis. Zu Beginn verstehen Text-Adventures nicht mehr als zwei Wörter aufs Mal, erst später werden Parser entwickelt, die vollständige Sätze interpretieren können.

Ihre Hochblüte erleben Text-Adventures zwischen 1979 und 1986 – kurz vor der Einführung der Grafikkarten. Games wie «Zork», das schlüpfrige «Softporn Adventure» (das später als Inspiration für «Leisure Suit Larry» dienen sollte) oder «The Hitchhiker's Guide to the Galaxy» begeistern die Spieler. Als Mitte der 1980er-Jahre die ersten PCs mit grafischen Fähigkeiten auf den Markt kommen, beginnt der Stern der Text-Adventures zu sinken – vermeintlich.

Revival des Worts

Denn trotz der Entwicklung hin zu grafisch stets opulenteren Spielen überlebte in den Tiefen des Internets eine Community, die weiterhin dem Text-Genre frönt. Es ist eine Szene von Enthusiasten, die Events veranstalten und Preise für Text-Adventures und Interactive-Fiction-Games verleihen. Ein Teil der Szene besteht in der Folge darauf, dass die Interactive-Fiction-Programme nicht mehr als Games, sondern als eigentliche Kunstwerke bezeichnet werden.

Ob Kunst oder Game: Die derzeitige Retrowelle rückt auch Text-Abenteuer wieder vermehrt ins Rampenlicht. Spiele wie das brillante «Device 6» finden den Weg in den Appstore. Ein Game wie «Hunger Daemon» wird mit Preisen ausgezeichnet und Spieler entdecken den Wortwitz von «IF Quake» – einer lustigen Parodie des Egoshooter-Klassikers «Quake», die notabene nur mit Worten erzählt wird. Hybride wie «80 Days», die Erzählstrukturen und optische Elemente zusammenbringen, sorgen für zusätzliche Aufmerksamkeit.

Denn gute Text-Adventures wecken nicht nur die Fantasie, sondern fühlen sich auch so an, als würde man ein Buch am eigenen Körper erleben. Sie bilden das Gegenstück zu den schillernden Blockbuster-Spielen, deren eigentliche Stärke in HD und 4K liegt. Text-Adventures nutzten hingegen die Kraft der Suggestion, da der Kopf sich bekanntlich die fantasievollsten Szenarien auszumalen vermag: «Go South. Exit Room.»

Abenteuer à gogo

In Tiefen des Internets finden sich zahllose Text-Adventures unterschiedlichster Qualität. Viele Spiele lassen sich dabei gratis im Browser spielen. Eine grosse Auswahl an Spielen finden sich auf textadventures.co.uk, dem Interactive Fiction Archive (ifarchive.org) und in der Interactive Fiction Database, ifdb.tads.org. Jährlich zeichnet die Interactive Fiction Competition zudem die besten Text-Adventures aus – seit über 20 Jahren.

Moderne Interactive Fiction

«Slouching Towards Bedlam» (2003): Gewinner des XYZZY-Awards.

«Hunger Daemon» (2014): Witziges Puzzlegame, 1. Platz IF Competition.

«IF Quake» (2004): Parodie auf den Shooter-Klassiker «Quake» (Site nicht mehr verfügbar).

«Creatures Such as We» (2014): Dating-Simulation und emotionales Spiel über die Zukunft (Bild).

«Device 6» (2013): hervorragendes, künstlerisches Puzzle-Game für iOS-Geräte.

Text-Adventure-Klassiker

«Adventure» alias «Colossal Cave Adventure» (1975): erstes Text-Adventure.

«Adventureland» (1978): erstes kommerziell veröffentlichtes Text-Adventure.

«Zork» (1979): erstes erfolgreiches Text-Adventure.

«Softporn Adventure» (1981): Inspiration zu «Leisure Suit Larry».

«The Hobbit» (1982): erstes literarisches Werk als Game.

«Planetfall» (1983): Game mit emotioneller Bindung.

«A Mind Forever Voyaging» (1985): politisches Spiel.

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