«Vergessene Rennstrecken»: Wenn das Heulen der Motoren verhallt ist
Aktualisiert

«Vergessene Rennstrecken»Wenn das Heulen der Motoren verhallt ist

Die Autos sind verschwunden, die Zuschauer gestorben, nun weht ein leiser Wind über Grashalme, die im Teer spriessen. Ein Fotoband zeigt, wie die Natur verlassene Rundkurse zurückholt.

von
Susanne Lüthi

In Europa besuchte er die Pisten von Brooklands bei London und Linas-Montlhéry bei Paris, Avus bei Berlin und Monza in Italien, ennet dem Atlantik fotografierte er die Pisten von Augusta, Chicago, Middle Georgia und North Wilkesboro: Für die über 175 Fotos im Buch «Vergessene Rennstrecken» (siehe Info-Box) reiste der Fotograf Gavin D. Ireland zu längst nicht mehr befahrenen Rundkursen.

Die Bilder zeigen Geisterstrecken, die von der Natur teilweise wieder zurückerobert wurden. Da, wo einst Motoren aufheulten, weht nun der Wind leise über Grashalme, die aus dem Teer hervorlugen. Am Rande der aufgeplatzen Rennbahnen stehen Kilometersteine, von denen die Zahlen abfallen und Schilder, von denen die Buchstaben abbröckeln. Das Betrachten der Bilder lässt beim Autorennfan Wehmut, beim Naturliebhaber Freude aufkommen. Die Geschichten der Strecken hingegen, einige traurig, andere spannend wie ein Formal-1-Rennen, sind für alle interessant.

Pionier Brooklands, gefährliches Monza

So erfährt man, dass die allererste Rennstrecke der Welt, die ausschliesslich für den Motorsport gebaut wurde, in Brooklands im Süden von London entstand. Gefräst und gewettet wurde allerdings schon vor dem Sommer 1907, als sie eröffnet wurde. Die Boliden flitzten auf öffentlichen Wegen, und die Zuschauer hielten ihren Atem an ungesicherten Strassenrändern an.

Als in Brooklands 1939 das letzte Rennen gefahren wurde, waren bereits viele weitere Rundkurse gebaut worden: In Indianapolis drückten die Piloten seit 1911 auf die Tube, auf der Berliner Avus gab man ab 1921 Gas, in Monza ab 1922 und in Linas-Montlhéry heulten die Motoren ab 1923 auf. Dieses Autodrom südlich von Paris entstand übrigens in einer Rekordzeit von nur acht Monaten und mit Hilfe von 2000 Arbeitern.

Das Kapitel über Monza, wo noch heute der Grosse Preis von Italien ausgetragen wird, liest sich wie eine Abdankungsrede. Wegen dem hohen Tempo, welches im Autodromo gefahren werden kann, gilt die Rennstrecke als sehr gefährlich. Ihre Teilnahme haben einige Rennfahrer und noch mehr Zuschauer mit dem Leben bezahlt. Alleine beim bislang zweitschwersten Unglück im Motorsport (Le-Mans hält mit 84 Toten im Jahr 1955 den traurigen Rekord) starben 1928 der Fahrer Emilio Materassi und mindestens 22 Zuschauer.

Fords überraschender Sieg

Denkt man an all die Verunglückten, könnten die verlassenen Rennstrecken auch als Friedhöfe herhalten und ihre Betrachtung stimmte einen fast traurig. Zum guten Glück gibt es da im Vorwort von Herausgeber S. S. Collins folgende Anekdote: Auf dem Ovalkurs in Grosse Point, Michigan wurde 1901 ein Rennen ausgetragen, an dem 13 Teilnehmer starten, aber es nur der haushohe Favorit Alexander Winton und der bis anhin völlig unbekannte Henry Ford ins Rennen schafften.

Total überraschend gewann der Nobody Ford, der zwei Jahre später den Automobilhersteller Ford Motor Company gründen sollte. Was sich darauf am Rand der Piste abspielte, beschrieb Fords Frau in einem Brief an ihren Bruder: «Ein Mann haute seiner Frau auf den Kopf, um zu verhindern, dass sie durchdrehte. Sie brüllte: Ich hätte 50 Dollar auf Ford gewettet, wenn ich sie hätte!»

Ein Geist, ein Hitler, unser Sieg

Weiter finden sich Erzählungen über den 1913 verunglückten Percy Lambert, der seit seinem Tod als Geist durch Brooklands spukt. Oder darüber, wie die Avus dank einem Vorschlag von Adolf Hitler zu einer der ungewöhnlichsten Rennstrecken wurde. Ob das aber wirklich wahr oder nur eine Mär ist, weiss S. S. Collins nicht. Auch wir haben darüber keine Kenntnis. Aber die Gewissheit, dass wir soeben die Ziellinie dieses Textes überquert haben. Als erste natürlich!

Vergessene Rennstrecken

Legendäre Kurse in aller Welt

S.S. Collins / Gavin D. Ireland

176 Seiten, über 175 farbige Abbildungen

Heel-VerlagEUR 29.95

ISBN 978-3-86852-472-7

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