Aktualisiert 06.02.2008 08:45

Wenn das Mutterglück in die Krise führt

Jede zehnte frisch gebackene Mutter leidet daran, und doch ist es auch heute noch ein Tabuthema: die postnatale Depression. Das ist nicht einfach nur der «Babyblues».

Laut Betroffenen und Fachleuten fehlt es Ärzten teilweise an Bewusstsein. Und auch geeignete Mutter-Kind-Einrichtungen gebe es kaum.

Sie habe alles perfekt machen wollen, beschreibt Sibylle Kloser ihre Leidensgeschichte: stillen, geduldig sein, abnehmen, den Alltag meistern. Stattdessen ging nach ein paar Wochen gar nichts mehr. Sie verspürte kaum Gefühle ihrem Kind gegenüber, nur eine innere Leere. «Alle erwarten, dass man glücklich, zufrieden ist», erklärt Kloser. «Aber wenn man aus dem Spital nach Hause geht, ist man mutterseelenallein.»

Gemeinsam mit anderen ehemals Betroffenen gründete die 32-Jährige vor rund einem Jahr den Verein Postnatale Depression Schweiz, dem sie auch als Präsidentin vorsteht. Durch die vielen Besucherinnen, die ihre Internetseite zu Rate ziehen, fühlen sich die Frauen in ihrer Aufklärungsarbeit bestätigt. Zwar werde heute mehr über das Problem gesprochen, dennoch sei die Krankheit nach wie vor ein Tabu. Und die Betroffenen leiden unter enormen Schuldgefühlen. Kloser kämpft denn auch für eine weitere Entstigmatisierung: «Man muss wegkommen von Wörtern wie Überforderung», sagt sie. «Man fühlt sich vielleicht überfordert, ist es aber nicht. Es sind die Hormone, die einen überrennen.»

Handlungsbedarf sieht sie hier auch bei Ärzten. «Leider kommt es immer wieder vor, dass sich Frauen zwar melden und die Symptome einer postnatalen Depression beschreiben, der Arzt dann aber einfach ein Schlafmittel verschreibt», bedauert Kloser. Auch Michele Abelovsky, Oberärztin für frauenspezifische Angebote bei der Integrierten Psychiatrie Winterthur, ortet in dieser Hinsicht Verbesserungspotenzial: «Viele Frauen haben eine Odyssee hinter sich, bevor die Diagnose gestellt wird.» Oft werde zu wenig genau hingeschaut, würden keine gezielten Fragen gestellt. Wichtig ist für sie, dass das Thema bereits in den Geburtsvorbereitungskursen angesprochen wird.

Anita Riecher, Ärztin an der Psychiatrischen Poliklinik vom Universitätsspital Basel, ist dagegen überzeugt, dass die Ärzteschaft in den letzten Jahren ein zunehmendes Bewusstsein für die Problematik entwickelte: «Wir haben in diesem Bereich immer wieder Fortbildungen angeboten. Das Interesse ist enorm.» Allerdings räumt Riecher ein, dass im angloamerikanischen Raum sowie zunehmend in Deutschland viel mehr Angebote für Betroffene bestehen, etwa stationäre Mutter-Kind-Einheiten, wo Mütter mit ihren Säuglingen gemeinsam aufgenommen werden können. Denn wichtig sei, nicht nur die Depression zu behandeln, sondern auch die frühe Mutter-Kind-Beziehung zu fördern.

Wünschenswert wäre aus Riechers Sicht zudem, wenn werdende Mütter und Väter schon vor der Geburt mehr Zeit für ein Elterntraining hätten. «Es ist doch erstaunlich, dass man kein Auto fahren darf ohne vorherige theoretische und praktische Anleitung, aber für die Kinderpflege und -erziehung bekommt man fast keine Anleitung mehr», sagt die Psychiaterin. Wo früher die Grossfamilie funktioniert habe, bestehe heute eine gewisse Lücke. Gerade Mütter mit Depression seien oft sehr allein gelassen.

Abelovsky ermutigt Mütter insbesondere, Probleme nicht zu verschweigen: «Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass man über Schwierigkeiten nicht spricht; in dieser Phase sowieso nicht.» Zu merken, dass man nicht allein sei, bedeute oft schon eine riesige Entlastung. Und Kloser rät, die Belastung bereits im Vornherein zu reduzieren. Sie selbst hatte bei ihrer zweiten Geburt ein Au-Pair eingestellt. So habe sie genug Zeit für beide Kinder gehabt, vor allem aber auch für sich selbst. (dapd)

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