Weber muss bleiben: Wenn der Bierkönig die Fäden zieht

Aktualisiert

Weber muss bleibenWenn der Bierkönig die Fäden zieht

Yannick Weber bleibt vorerst bei den Montreal Canadiens. Die Versuche, ihn zu einem anderen NHL-Team zu transferieren, wurden von einem Braumeister verhindert.

von
Jürg Federer
Montreal

Yannick Weber ist statistisch einer der drei besten Montreal-Verteidiger. Er ist offensiv effektiver als sein Landsmann Rafael Diaz. Im Powerplay ist Weber sogar der effektivste Scharfschütze der Canadiens. Trotzdem hat General Manager Pierre Gauthier seit Wochen versucht, Weber zu einem anderen Team zu transferieren. Gauthier hat mit Tampa Bay, Chicago, Edmonton, Anaheim, New Jersey und den Islanders gesprochen. Doch seit Montag ist klar: Weber bleibt nach dem NHL-Transferschluss mindestens bis zum Saisonende in Montreal.

Ist Weber in Montreal geblieben, weil ihn niemand haben oder weil man ihn nicht mehr gehen lassen wollte? Montreals Radio-Stimme Tony Marinaro kennt die Hintergründe. Marinaro ist einer der am besten informierten Insider der Montreal Canadiens. Er hat eine eigene Radio-Show und führt die Eishockeygemeinschaft Kanadas durch jede der 82 NHL-Partien Montreals.

Ein Manager ohne Kompetenzen

Marinaro erklärt, dass die Entscheidungskompetenzen von Montreals General Manager Pierre Gauthier in den letzten Wochen bis zum Nullpunkt eingeschränkt wurden. «Faktisch ist Gauthier nicht mehr General Manager der Canadiens», sagt er. «Die Entscheidungen trifft Teambesitzer Geoff Molson.» Molson sei im Gespräch mit dem Captain-Team der Montreal Canadiens zum Schluss gekommen, dass Gauthier streng überwacht werden müsse.

Molson ist Bierbrauer in siebter Generation, ihm gehört die fünftgrösste Brauerei der Welt und seit 2009 ist er Besitzer der Montreal Canadiens. Auf dem aktuellen «Roadtrip» des Eishockeyteams sass Molson mit der Mannschaft im Flugzeug. Er wollte zum NHL-Transferschluss vom Montag mit von der Partie sein. Im Teamhotel in Florida hat er jeden Schritt von Pierre Gauthier mit Argusaugen überwacht.

Der Transfer eines stadtbekannten Lebemanns

Von Gauthier wird gesagt, er sei ein charismatischer NHL-Manager mit über 30 Jahren Erfahrung. Seine Gegner halten dem entgegen, dass Gauthier in acht Jahren als «GM» fünfmal die Playoffs verpasst hat. Romantiker behaupten, Gauthier habe Mark Streit in Europa entdeckt, in die NHL gebracht und zu dem gemacht, was er jetzt sei. Gauthier ist wahrlich ein guter Talentspäher, er hat auch Rafael Diaz für die NHL entdeckt. Doch seine Kritiker halten dem entgegen, dass Gauthier das gesamte Bild einer Mannschaft nicht malen könne. Mark Streit würde heute noch in Montreal spielen, hätte Gauthier das wahre Potenzial des New-York-Islanders-Captains entdeckt, sagen sie.

Es gibt Leute, die behaupten, Gauthier habe den schwierigsten Job in der NHL. Seine Gegner sagen dazu, dass Gauthier dennoch einen so schlechten Job gemacht habe, dass ihm die Verantwortung frühzeitig entzogen werden musste. Dass Gauthier faktisch entlassen sei, verneinte Molson zwar auf seinem eigenen Twitter-Account, doch er hat nicht dementiert, dass er es sei, der die Entscheidungen von Gauthier billigt oder eben nicht.

Das Einzige, was gegen den Machtwechsel hinter verschlossenen Türen spricht: Am Montag haben die Canadiens mit Andrej Kacicyn einen stadtbekannten Lebemann, der in jeder Bar von Montreal gern gesehen war, zu Nashville transferiert. Kacicyn wurde von seinen Headcoaches regelmässig nicht eingesetzt, weil er an den Abenden vor Spielen gerne Montreals Nachtleben genoss. Das müsste einem Braumeister wie Geoff Molson eigentlich gefallen.

Weber hat die Chance, sich zu zeigen

Molson hätte einen Transfer von Yannick Weber nur erlaubt, wenn für den Schweizer ein anständiger Gegenwert hätte erzielt werden können. Der Schweizer Verteidiger spielt für 800 000 US-Dollar und er hat für Montreal mehr Powerplay-Tore realisiert als Thomas Kaberle für einen Lohn von 4,25 Millionen US-Dollar.

Die letzten 18 NHL-Partien der Saison kann Weber dazu nutzen, diese Qualitäten ligaweit zu präsentieren. Seit dem Transfer von Hal Gill zu den Nashville Predators ist genügend Raum für Eiszeit des Schweizers im Kader der Canadiens vorhanden. Transferieren können ihn die Canadiens erst ab 1. Juli 2012 wieder, so sieht es das NHL-Reglement vor. Und will der gegenwärtige, interimistische oder zukünftige General Manager Weber bei den Canadiens halten, so hat er auch für nächste Saison einen wasser- und bierdichten Vertrag in Montreal.

Machtwechsel im Sommer?

David Aebischer vermutet, dass der Machtwechsel in der Führungsetage der Montreal Canadiens erst am Ende dieser Saison offiziell vollzogen wird. Aebischer sagt, dass sein früherer Teamkollege Patrick Roy das Zepter in Montreal übernehmen könnte. «Roy hätte schon längst die Möglichkeit gehabt, in Colorado ins Management einzusteigen. Doch er hat es vorgezogen, in der kanadischen Juniorenliga Erfahrungen zu sammeln und auf den richtigen Job zu warten», sagt Aebischer, der 2001 gemeinsam mit Roy in Colorado den Stanley Cup gewonnen hat. Im Sommer soll sich diese Möglichkeit für Roy in Montreal ergeben.

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