Notfallpläne: Wenn der Chef stirbt
Aktualisiert

NotfallpläneWenn der Chef stirbt

Polen hat durch ein Unglück einen Grossteil der Führungsspitze verloren. Auch für Unternehmen ist der plötzliche Tod der Führung gefährlich. So sorgen Schweizer Firmen für den Katastrophenfall vor.

von
Othmar Bamert

Polen hat am Samstag mit einem Schlag seine Landeselite verloren. Der Staatspräsident, der stellvertretende Aussenminister, die Chefs von Luftwaffe und Kriegsflotte sowie mehr als ein Dutzend Parlamentarier kamen bei einem Flugzeugabsturz um. Das ist nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern für den Staat ein Verlust, der hätte gefährlich werden können, wären die umliegenden Mächte dem Staat Polen nicht so freundschaftlich gesinnt.

Harte Probe

Für Unternehmen im harten Konkurrenzkampf ist der plötzliche Verlust von Führungspersonen nicht minder schlimm. Von einem plötzlichen Todesfall des Chefs betroffen war im letzten Sommer McDonald's Schweiz. Am 21. August 2009 kam der Managing Director Martin Knoll auf einer Mountainbike-Tour ums Leben. Der Todesfall des Chefs stellt das Management auf eine harte Probe, erinnert sich Unternehmenssprecherin Nicole Schöwel. «Wichtig war die rasche und offene Kommunikation und die rasche Aufteilung der wichtigsten Aufgaben auf das Management-Team. Eine grosse Hilfe war die langjährige Erfahrung des Management-Teams», so Schöwel.

Die A&A Gruppe musste ebenfalls mit einem derartigen Schicksalsschlag fertig werden. Vor zehn Jahren kam der Bankier Ernst Müller-Möhl, Gründer und Verwaltungsratspräsident der Bank, bei einem Flugzeugabsturz um. Seine damals 30 Jahre junge Ehefrau Caroline übernahm daraufhin die Zügel und führt das Finanzimperium bis heute erfolgreich weiter.

Führungsstab gestaffelt auf Reisen

Ohne selbst betroffen zu sein, lässt das Thema «plötzlicher Tod des Topmanagements» auch andere Schweizer Unternehmen nicht kalt. Beim Schweizer Taschenmesser-Produzenten Victorinox verfügt man zwar über keinen spezifischen Plan für den Fall des plötzlichen Todes von Geschäftsleitungsmitgliedern. «Wir sind uns des Themas jedoch durchaus bewusst», sagt der Medienverantwortliche Hans Schorno. So sei es selbstverständlich, dass die Geschäftsleitung gestaffelt und nicht gemeinsam zu einem Treffen reise. Die bewusste Stellvertreterregelung verhindere ausserdem ein Führungs- und Kompetenzvakuum.

Ähnlich tönt es aus dem Schweizer Software-Haus Crealogix. Geschäftleitung und Verwaltungsrat reisten stets getrennt, sagt Sprecherin Dagmar Boy. Auch die Stellvertretung sei stets sichergestellt.

Beim Pharma-Unternehmen Actelion existiert eine sogenannte «Travel Policy», welche die Gesamtzahl und Zusammensetzung eines im gleichen Verkehrsmittel reisenden Teams regelt. Für den Fall des Versterbens wichtiger Entscheidungsträger besteht zudem eine Nachfolgeregelung.

Notfallszenarien in der Schublade

In Grossunternehmen wie dem Versicherungskonzern Zurich sind entsprechende Vorkehrungen bzw. Katastrophenpläne üblich. Allerdings redet man – aus Sicherheitsgründen – nicht gerne darüber. Zurich-Sprecherin Sylvia Gäumann sagt lediglich, dass «grundsätzlich aus der Geschäftsleitung oder dem Verwaltungsrat respektive aus der gleichen Geschäftseinheit oder Funktion nur eine gewisse Anzahl Personen zusammen reisen dürfen». Ebenfalls sässen CEO und Verwaltungsratspräsident nicht im gleichen Flugzeug, und auch Geschäftsleitungsmitglieder reisten nicht zusammen mit ihrem Stellvertreter. Ausserdem habe Zurich einen Nachfolgeplan für sämtliche Schlüsselfunktionen.

Ebenfalls vorgesorgt hat Telekom-Riese Swisscom, beruhigt Sprecher Olaf Schulze, allerdings ohne konkrete Angaben zu machen. Generell sei die gesamte Swisscom-Führung breit abgestützt, und es bestünden Stellvertreterregelungen.

Die UBS äussert sich nicht zu konkreten Vorkehrungen. Ähnlich ist es bei der Konkurrentin: Selbstverständlich habe die Credit Suisse entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen, Details dazu seien jedoch nicht öffentlich, wie der Sprecher ausrichten lässt.

Vergleichbare Staatstragödie in der Schweiz unwahrscheinlich

Der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine hat auf einen Schlag 96 Mitglieder der Elite Polens ausgelöscht. In der Schweiz ist eine solche Katastrophe laut Bundesratssprecher André Simonazzi unwahrscheinlich, da der Bundesrat praktisch nie in corpore reist.

Theoretisch sei es zwar möglich, dass mehrere Mitglieder der Landesregierung das gleiche Flugzeug benutzten, sagte Simonazzi gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Aber aufgrund des gedrängten Zeitplans der Bundesräte komme dies praktisch nie vor. Das Gleiche gelte auch für die hohen Kader der Verwaltung.

Auch wenn zwei Schweizer Politiker etwa an der gleichen Konferenz im Ausland erwartet werden, reisen sie gemäss Simonazzi meist zu unterschiedlichen Zeitpunkten dorthin und kehren auch nicht gleichzeitig zurück. Einzige Ausnahme sei der jährlich stattfindende Bundesratsausflug.

Zudem gelte in Bezug auf Flugreisen zudem die Bestimmung, dass der Bundespräsident und sein Stellvertreter niemals in der gleichen Maschine sitzen dürfen. So wird sichergestellt, dass im Fall eines Absturzes nur eine der beiden Staatspersonen zu Schaden kommt.

Deine Meinung