Aktualisiert 20.10.2011 17:39

HöhepunktWenn der Orgasmus das Gedächtnis löscht

Die schönsten Sekunden des Lebens können Spuren hinterlassen - zumindest kurzzeitige. Doch zum Glück hat das Hochgefühl auch positive, manchmal sogar heilende Nachwirkungen.

von
rre
Das Hochgefühl und seine - teils merkwürdigen - Nebenwirkungen.Bild: Colourbox

Das Hochgefühl und seine - teils merkwürdigen - Nebenwirkungen.Bild: Colourbox

Ob sie guten Sex hatte, wissen wir nicht. Sicher ist nur, dass der Orgasmus bei einer in den USA lebenden Frau zu einer seltsamen Nebenwirkung führte: An das, was sie in den vergangenen 24 Stunden erlebt hatte, konnte sich die 54-Jährige nicht mehr erinnern - auch nicht an den Höhepunkt selbst.

Als das Paar die Notaufnahme erreicht hatte, waren die Symptome der Kurzzeit-Amnesie längst verschwunden, wie die Notfallmediziner Kevin Maloy und Jonathan Davis aus Washington bezeugen.

Das Merkwürdige: Einem Bericht der «Ärzte-Zeitung» zufolge blieb die vom Donner der Vergesslichkeit Gerührte zu jeder Zeit bei vollem Bewusstsein, und auch der Ehegatte war der Frau zu keinem Zeitpunkt des Vorfalls fremd gewesen.

Untersuchung ohne Befund

Für die Spitalärzte begann ein Puzzle-Spiel: Weder die Befragung (Anamnese) noch die gründliche Untersuchung der Patientin gaben Hinweise auf eine Erkrankung. Nach weiteren Untersuchungen und Analysen blieb nur noch eine Diagnose: Transiente globale Amnesie (TGA), eine neurologische, aber harmlose Erkrankung, die die Betroffenen zumeist im fortgeschrittenen Alter betrifft und deren Ursache bislang ungeklärt ist.

Als Auslöser dieser speziellen Form von Amnesie vermutet man eine extreme körperliche, psychische oder emotionale Belastungssituation. Auch starke Reize wie Schmerzen oder ein Orgasmus können zu einer TGA führen. Gemäss Maloy und Davis tritt diese Art der Amnesie jedes Jahr bei 5 von 100 000 Personen auf. Bei den über 50-Jährigen macht sie sich noch häufiger bemerkbar: Hier trifft es etwa 23 von 100 000 Personen.

Orgasmus statt Pillen

Glücklicherweise sind unangenehme orgastische Nebeneffekte wie eine TGA relativ selten: Neben dem kurzzeitigen Glücksgefühl werden dem Hochgefühl seit Jahrhunderten heilende beziehungsweise lindernde Effekte nachgesagt. Um das Jahr 460 vor Christus dokumentiert der berühmteste Arzt des Altertums, Hippokrates, die positive Auswirkung des Orgasmus auf eine Frauenkrankheit. Das damals als sogenannte Hysterie («Erkrankung der Gebärmutter») bekannte Leiden machte sich durch Atembeklemmung, Unbehagen, Schlaflosigkeit und Nervosität bemerkbar. Laut huffingtonpost.com war es während des 19. Jahrhunderts nicht unüblich, die störenden Symptome durch eine Klitoris-Massage von einem Arzt behandeln zu lassen. Durch den Orgasmus erfuhren die Patientinnen eine deutliche Besserung.

Günstig war der Spass, bei dem Hormone wie Oxytocin, Dopamin und Endorphine ausgeschüttet werden, nicht, denn die Massage erwies sich häufig als zeitaufwendiges und deshalb kostspieliges Vergnügen. Diesem Problem begegnete man später mit einem Hilfsmittel: In ihrem Buch «The Technology of Orgasm: Hysteria, Vibrators and Women's Sexual Satisfaction» («Die Technologie des Orgasmus: Hysterie, Vibratoren und die sexuelle Befriedigung der Frau») beschreibt die Wissenschaftlerin Rachel P. Maines, dass zu dieser Zeit der Urvater eines heute gebräuchlichen Lustbringers entwickelt wurde: Der Vibrator, ein Zauberstab, der nicht nur in Single-Haushalten für gute Stimmung sorgt.

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