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Horror über den WolkenWenn der Pilot plötzlich eine Herzattacke hat

Notfall während eines Fluges nach Bali: Der Pilot fällt in Ohnmacht, Panik bricht aus, die Maschine muss notlanden – im Nirgendwo. Die Geschichte einer Odyssee.

von
Felix Burch

Pünktlich hebt die Garuda-Indonesia-Maschine in Hongkong ab an diesem Sonntagnachmittag Mitte August. Ziel ist die Insel Bali, die vorausgesagte Flugzeit beträgt viereinhalb Stunden. Getränke und Snacks werden serviert – das übliche Prozedere eines jeden Fluges.

Doch dann, rund zwei Stunden nach dem Start leuchtet das Fasten-your-seatbelts-Zeichen auf, es schüttelt kräftig im Flugzeug. Nach einigen Luftlöchern ertönt es aus dem Lautsprecher: «Wir haben einen medizinischen Notfall. Sich an Bord befindende Ärzte mögen sich bitte erheben.» Als sich niemand rührt, setzt die Maschine zum Sinkflug an.

Eine zittrige Stimme verkündet eine unvorhergesehen Landung

Im Flugzeug macht sich Nervosität breit, die letzten Lacher verstummen. Eine Gruppe Italiener, welcher der Schreck ins Gesicht geschrieben ist, versucht über die Crew an Informationen zu kommen. Die Stewardessen jedoch vertrösten auf «später». Jetzt meldet sich eine zittrige Stimme aus dem Cockpit. «Rücklehne senkrecht stellen ...», dann folgt eine längere Pause. «Anschnallen, wir landen in Kuala Lumpur», stottert die unbekannte männliche Stimme weiter. Jetzt ist die Verwirrung perfekt, Chinesen beschweren sich lautstark, die Crew hat alle Hände voll zu tun, um die Passagiere zum Sitzen zu bringen.

Draussen dämmert es, das Meer ist sichtbar. Im Dunkeln landet das Flugzeug der Gesellschaft Garuda Indonesia sicher, aber relativ grob. «Bitte verlassen Sie die Maschine und bleiben Sie im ihnen zugewiesenen Warteraum bis sie weitere Informationen bekommen», werden die Passagiere angewiesen.

«Wo sind wir eigentlich?»

Sämtliche Fluggäste werden von einem Garuda-Mitglied in eine Wartehalle am Rande der Landebahn geführt. Bei einigen Reisenden schlägt die Nervosität in Aggressivität um. Der Garuda-Mann wird bestürmt - einige schreien ihn an. «Sobald ich weitere Informationen habe, werde ich Sie Ihnen weiterleiten», so der bemitleidenswerte Mann. Irgendwann beruhigen sich die meisten Passagiere und setzen sich. Es wird telefoniert, auf dem Handy gespielt, gelesen oder mit dem iPad hantiert.

Als ein Flughafen-Angestellter Ferienprospekte über Borneo verteilt, wird ein älterer Herr auf einmal stutzig und schreit: «Wo sind wir eigentlich?» Der Garuda-Mann stellt sich auf einen Sockel und verkündet. «Wir sind nicht, wie fälschlicherweise im Flugzeug mitgeteilt wurde, in Kuala Lumpur. Wir mussten in Kota Kinabalu, im malaysischen Bundesstaat Sabah, notlanden. Sie befinden sich auf der Insel Borneo.»

Der Pilot liegt mit einem Herzinfarkt im Spital

Kurz danach die nächste Botschaft des Garuda-Mannes: «Wir können heute nicht mehr weiterfliegen.» Der Pilot habe während des Flugs einen Herzinfarkt erlitten und liege im Spital. Während sich die einen fürchterlich aufregen, dass sie nicht mehr nach Bali kommen, schwanken andere zwischen Schock und Erleichterung. «Ich bin einfach nur froh, dass wir überlebt haben», so eine Australierin, «ich brauche jetzt einen Drink».

Eine Liste wird herumgereicht, wo sich sämtliche Passagiere eintragen müssen. Mit Hilfe der Liste werden die Fluggäste auf verschiedene Hotels der Stadt aufgeteilt, jede und jeder bekommt einen Gutschein für Transport und Übernachtung. Der Drink bleibt der Australierin im Hotel verwehrt, es ist Ramadan.

Fahrt ins Paradies

Am nächsten Tag um 10 Uhr steht eine Menschentraube um die Rezeption und wartet auf Informationen. «Garuda Indonesia hat mich soeben informiert, dass ein neuer Pilot aus Jakarta eingeflogen werden müsse und das dauere», so das Fräulein an der Rezeption. Voraussichtliche Abflugzeit sei 17.30 Uhr. Ein Raunen geht durch die Gruppe, eine Französin ist den Tränen nah. Sie hat nur drei Nächte auf Bali gebucht, jetzt wird ihr Kurzaufenthalt noch kürzer.

Ein Kanadier, der auf Bali von seiner Freundin erwartet wird, verdrückt sich frustriert aufs Zimmer, viele tun es ihm gleich. Für den Rest organisiert das sympathische Rezeptions-Fräulein einen Ausflug auf die der Stadt Kota Kinabalu vorgelagerte Inseln. Der Trip entpuppt sich als Fahrt ins Paradies. Türkisblaues Wasser, feiner Sand und eine grosse Vielfalt von Fischen sind mehr als ein kleiner Trost für die Strapazen. Lachend und entspannt treffen später die «Inselgänger» auf mürrisch in die Welt blickende «Hotelzimmerhüter».

Der Pilot hat überlebt

Dann geht alles rasch. Um 18 Uhr hebt die Maschine in Kota Kinabalu ab und nimmt Kurs auf Bali. Zweieinhalb Stunden später landet sie auf dem Denpasar International Airport - mit exakt 24 Stunden Verspätung.

Die Lautsprecher-Stimme heisst die Passagiere willkommen auf der Ferieninsel und macht darauf aufmerksam, dass beim Einführen von Drogen die Todesstrafe drohe. Ganz zum Schluss dann noch eine positive Meldung. Der Herzinfarkt-Pilot hat überlebt. Er liegt noch immer im Spital, sein Zustand ist stabil.

Der Tod von Piloten während des Fluges ist selten

Im Juni 2009 starb ein 61-jähriger Pilot während eines Continental-Airlines-Fluges von Belgien in die USA. Der Kopilot und ein weiterer, sich zufällig an Bord befindender Pilot, konnten den Flug fortsetzen und die Boeing 777 sicher landen. Der Tod von Piloten während des Flugs ist selten, aber nicht beispiellos. Im Januar 2007 musste eine Continental-Maschine bei einem Flug von Texas nach Mexiko notlanden, nachdem der Pilot zusammengebrochen war. Er starb am Boden.

Im Mai 2000 musste eine Maschine der China Air nach dem Start nach Taiwan zurückkehren, weil der Pilot einen Herzinfarkt erlitt. Er starb darauf im Spital. Im März 1997 schlitterte eine Gulf-Air-Maschine über die Startbahn von Abu Dhabi, nachdem der Pilot beim Startmanöver einen Herzanfall erlitten hatte. 1966 gelang es dem Kopiloten nach einem Herzinfarkt des Piloten nicht, die Kontrolle über die Maschine zu behalten. Das Flugzeug kollidierte mit einem Berg, 83 Menschen starben.

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