«Time-out»: Wenn der Rivale den Gegner wieder aufbaut
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«Time-out»Wenn der Rivale den Gegner wieder aufbaut

Mit Larry Huras ist beim HC Lugano nach fünf Jahren wieder Ordnung im Spiel. Ausgerechnet SCB-Manager Marc Lüthi hat den Niedergang der Tessiner gestoppt.

von
Klaus Zaugg
Larry Huras hat den HC Lugano wieder auf die Siegerstrasse zurückgeführt. (Bild: Keystone)

Larry Huras hat den HC Lugano wieder auf die Siegerstrasse zurückgeführt. (Bild: Keystone)

Luganos Meisterteam von 2006 hatte noch Larry Huras gebaut. Erst im Viertelfinale war der 56-jährige Kanadier nach einem 0:2-Rückstand gegen Ambri gefeuert und durch Harold Kreis ersetzt worden. Kreis fuhr auf den taktischen Geleisen seines Vorgängers zum bisher letzten Titel der Tessiner.

Seither ist es beim HC Lugano nur noch bergab gegangen: Dreimal im Playoff-Viertelfinale gescheitert, zweimal in die Playouts verbannt. Und in der Qualifikation die Ränge vier, neun, fünf, acht und zehn.

Rivale hilft dem Gegner aus dem Tief

So ist eine der talentiertesten Mannschaften der Liga zerfallen. Die Wende kommt erst am 21. Oktober 2011 – dank Marc Lüthi. Der SCB-Manager feuert seinen Trainer Larry Huras. Weil die Berner zu defensiv und zu wenig attraktiv spielen. Und weil Lüthi eben auch an die Kohle denkt, gibt er Huras sofort frei für einen neuen Arbeitgeber: Der Kanadier wechselt zum HC Lugano.

Nun spielt Lugano unter Larry Huras dieses effiziente, aber langweilige Rechenschieberhockey. Eine Entlassung hat der neue Coach deswegen nicht mehr zu befürchten: In Lugano spielen Zuschauerzahlen und Unterhaltungsfaktor keine Rolle. Nur der Erfolg zählt – und der ist wieder da: Erstmals seit dem letzten Meistertitel im Frühjahr 2006 ist in Luganos Spiel eine Struktur und eine defensive Ordnung erkennbar. Unter Larry Huras hat Lugano bereits Meister Davos 3:0 besiegt und im Derby gegen Ambri auswärts 3:0 gewonnen. Am spektakulärsten zeigen sich Luganos Fortschritte jedoch am Beispiel Langnau: Noch im letzten Herbst, am 23. Oktober 2010, hatte Lugano mit einer ebenso gut besetzten Mannschaft wie heute in Langnau 1:9 verloren. Am letzten Sonntag nun zeigten die SCL Tigers eine der besten Leistungen der laufenden Saison – und verloren gegen Lugano trotzdem 1:2.

Huras' Stil trägt Früchte

Larry Huras beweist, dass es sehr wohl möglich ist, auch den spielerischen Schillerfaltern des HC Lugano ein System beizubringen. Wie alle grossen Trainer ist er dabei, eine Mannschaft zu verändern. Er entwickelt sich immer mehr zur kanadischen Antwort auf John Slettvoll: Wie der legendäre Schwede versucht der ehemalige SCB-Trainer durch eine ultradefensiven Spielweise die totale Spielkontrolle zu erreichen und schämt sich auch nicht, mit einer der spielerisch stärksten Mannschaften Europas den unerlaubten Befreiungsschlag zu zelebrieren. Die letzte Wahrheit steht eben immer oben auf der Resultatanzeige und die Rechnung ist für «Vollkasko-Larry» am Sonntag in Langnau einmal mehr aufgegangen.

Er ist allerdings nicht ein ganz so sturer und destruktiver Defensivtrainer wie John Slettvoll und ist durchaus für Experimente zu haben: Am Sonntag hat er in Langnau mit einer interessanten taktischen Variante sogar für ein bisschen Kurzweil gesorgt: Verteidiger Petteri Nummelin (38) begann das Spiel als Mittelstürmer zwischen Jaroslaw Bednar (35) und Kimmo Rintanen (38). Dieser 111-jährige Sturm hielt sich nicht ganz an das Defensivkonzept und zelebrierte schliesslich den Siegestreffer. Erst neun Minuten vor Schluss kehrt der «fliegende Finne» in die Abwehr zurück um Julien Vauclair zu ersetzen. Der Jurassier schied nach einem harten Check von Simon Moser mit einer Gehirnerschütterung aus.

Die Vorfreude auf die Playoffs

Was, wenn der SC Bern in den Playoffs auf den HC Lugano trifft? Dann wird Lugano dank Larry Huras dazu in der Lage sein, den SCB zu eliminieren. Denn Huras wird motiviert sein wie nie zuvor. Weil es für ihn nicht nur gilt, in den Playoffs in die nächste Runde zu kommen. Sondern auch, sich bei SCB-Manager Marc Lüthi für die grösste Schmach seiner ruhmreichen Karriere zu rächen: Für die erste Entlassung im Schweizer Eishockey wegen langweiliger Spielweise. Sie hat ausgerechnet Larry Huras getroffen. Den wohl grössten Entertainer unseres Hockeys neben dem Eis.

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