27.10.2020 04:47

Bliggs Ex-Manager mit heftigem Appell«Wenn der Staat nicht eingreift, stirbt unsere Kultur!»

Mit «Next Job» lanciert der ehemalige Musikmanager Alon Renner (49) eine Social-Media-Kampagne, die zeigen soll, dass Kulturschaffende auf finanzielle Hilfe angewiesen sind.

von
Christina Duss
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Eine Party im Zürcher Club Hive, der seine Türen aufgrund der aktuellen Lage vergangene Woche schliessen musste. Clubs und Musikbars dürfen zwar weiterhin geöffnet sein, doch aufgrund der Corona-Einschränkungen, etwa der sitzenden Konsumation und der Personenbeschränkung von 100 Personen pro Raum, können viele Clubs ihre Kosten nicht mehr decken.  

Eine Party im Zürcher Club Hive, der seine Türen aufgrund der aktuellen Lage vergangene Woche schliessen musste. Clubs und Musikbars dürfen zwar weiterhin geöffnet sein, doch aufgrund der Corona-Einschränkungen, etwa der sitzenden Konsumation und der Personenbeschränkung von 100 Personen pro Raum, können viele Clubs ihre Kosten nicht mehr decken.

Bild: Hive
Die neue Kampagne solle sensibilisieren, sagt Alon Renner, ehemaliger Musikmanager. «Sie soll zeigen, dass wir Kulturschaffenden Unterstützung finanzieller Art brauchen. Die Idee ist es, öffentlichen Druck zu erzeugen, damit die richtigen Massnahmen ergriffen werden.»

Die neue Kampagne solle sensibilisieren, sagt Alon Renner, ehemaliger Musikmanager. «Sie soll zeigen, dass wir Kulturschaffenden Unterstützung finanzieller Art brauchen. Die Idee ist es, öffentlichen Druck zu erzeugen, damit die richtigen Massnahmen ergriffen werden.»

Alon Renner
«Ich möchte mich als Musikschaffender und Teilzeitgastronom nicht aus dem Fenster lehnen», sagt der Züricher Musiker Kalabrese. «Aber es kann sich ein jeder ausdenken, wie prekär die Situation ist. Konstruktive Lösungen und Verhandlungen müssen jetzt erneut geführt werden in der Politik.»

«Ich möchte mich als Musikschaffender und Teilzeitgastronom nicht aus dem Fenster lehnen», sagt der Züricher Musiker Kalabrese. «Aber es kann sich ein jeder ausdenken, wie prekär die Situation ist. Konstruktive Lösungen und Verhandlungen müssen jetzt erneut geführt werden in der Politik.»

Florian Kalotay

Darum gehts

  • Mit «Next Job» lanciert der ehemalige Musikmanager Alon Renner (49) eine Social-Media-Kampagne, die zeigen soll, dass Kulturschaffende auf finanzielle Hilfe angewiesen sind.

  • Von der Corona-Pandemie betroffene Kulturunternehmen mit Sitz in der Schweiz können beim jeweiligen Kanton eine Ausfallsentschädigung beantragen, die 80 Prozent des finanziellen Schadens deckt. Aber nur, wenn es sich um Veranstaltungen oder Projekte handelt, die aufgrund der Pandemie abgesagt werden mussten – was bei Clubs, die nicht offiziell schliessen mussten, nicht zutrifft.

  • Der Zürcher Musiker Sacha Winkler aka Kalabrese sagt: «Zum Glück haben sich einzelne Politiker/innen bereits engagiert und leisten wertvolle Dienste für die Kulturbranche. Doch es reicht bei weitem noch nicht.»

Viele Kulturschaffende konnten den ersten Lockdown noch irgendwie stemmen. Doch jetzt wird es richtig prekär. Sie fühlen sich von Staat und Politik im Stich gelassen.

«Diese Woche schlossen die ersten Clubs und Konzertsäle. Weitere werden folgen», schreibt etwa Alon Renner (49) in einem langen Facebook-Post, den er vor zwei Tagen abgesetzt hat. Der ehemalige Manager von Musiker Bligg (44) findet: «Wenn man jetzt nichts tut, schauen wir allen beim Untergang zu.» Renners befreundete Künstler teilen seinen Post: «ES GAHT MIR (no) NÖD UM DIVERTIMENTO , sondern um all Kollege und Kolleginne us de Unterhaltigsbranche, wo nöd so stabili Jahr hinter sich händ wie ich», begründet etwa Divertimento-Mann Manuel Burkart (42) auf Facebook seinen Support.

Alon Renner sorgt sich um Veranstaltende, Künstler, Musikerinnen, Schauspieler, Tänzer, Schriftstellerinnen und bildenden Künstler, die in den Konkurs getrieben werden. «Wir müssen JETZT handeln. Wenn der Staat nicht eingreift, stirbt unsere Kultur!» Renner hat deshalb eine Social-Media-Kampagne «Next Job» lanciert, womit er in den kommenden Wochen mit hHunderten Sujets die Behörden aufrütteln will. Das erste zeigt das berühmte Gemälde des Schweizer Malers Ferdinand Hodler, «Der Holzfäller». Dazu heisst es: «Lasst die Schweizer Kultur nicht zur Geschichte werden.»

Alon Renner, Sie haben direkt auf die Nachricht der vielen Clubschliessungen reagiert. Weshalb?

Es hat mich aufgewühlt. In allen Kantonen sind nun die meisten Clubs geschlossen. Die Künstlerinnen und Künstler können nicht mehr auftreten. Betroffen sind aber auch Managements, Agenturen, Technikerinnen, Freelancer, Roadies, Produktionsleiterinnen, die Hotellerie und Gastronomie.

Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?Nicht der Bund beschliesst Massnahmen und spricht Gelder, sondern die Kantone. Die Corona-Verordnungen kommen über Nacht. Es ist derzeit nicht einheitlich geregelt, ob man überhaupt, wie und zu welchem Zeitpunkt man aufgrund der aktuellen Corona-Situation entschädigt wird.
Wie soll die Kampagne dabei helfen?

Sie soll sensibilisieren. Zeigen, dass wir Kulturschaffenden Unterstützung finanzieller Art brauchen. Die Idee ist es, öffentlichen Druck zu erzeugen, damit die richtigen Massnahmen ergriffen werden.

Die da wären?

Wir brauchen eine einheitliche schweizweite Regelung, wie man mit Kultur in Zeiten von Corona umgeht. Und eine behördliche Taskforce, die diese Finanzierung schnell zur Verfügung stellt. An die Politiker in diesem Land: Nehmt den Finger aus dem A*, dafür haben wir euch gewählt.

Die offizielle Regelung des Bundes:

«Es gibt innerhalb der Verwaltung verschiedenste Stellen, die sich um Hilfen für Unternehmen kümmern. Auch die Kantone bieten Unterstützung an», heisst es vom Seco. Konkret: Neben dem Beantragen von Kurzarbeitsentschädigungen können von der Corona-Pandemie betroffene Kulturunternehmen mit Sitz in der Schweiz beim jeweiligen Kanton eine Ausfallsentschädigung beantragen, die 80 Prozent des finanziellen Schadens deckt. Aber nur, wenn es sich um Veranstaltungen oder Projekte handelt, die aufgrund der Pandemie abgesagt werden mussten – was bei Clubs, die nicht offiziell schliessen mussten, nicht zutrifft.

Das sagen andere Schweizer Kulturschaffende zur aktuellen Lage

Der Züricher Sacha Winkler aka Kalabrese (47) ist Musikproduzent und Mitbetreiber des Zürcher Clubs Zukunft:

«Ich hab echt keine Lust, diese Diskussion polemisch anzuheizen. Ich möchte mich als Musikschaffender und Teilzeitgastronom nicht aus dem Fenster lehnen. Es kann sich ein jeder ausdenken, wie prekär die Situation ist. Konstruktive Lösungen und Verhandlungen müssen jetzt erneut geführt werden in der Politik. Damit faire Rahmenbedingungen gegeben sind. Zum Glück haben sich einzelne Politiker/innen bereits engagiert und leisten wertvolle Dienste für die Kulturbranche. Doch es reicht bei weitem noch nicht. Jetzt müssen alle von links bis rechts den Notstand erkennen und sich gemeinsam mit den Branchenvertretern um Notszenarien bemühen. Ich selber bemühe mich, möglichst spannende Musik zu schaffen im Studio, die genug poetisch ist, um Menschen für einen Moment von der misslichen Lage abzulenken. Musik hilft im besten Fall runterzukommen und sorgt für Seelenbalsam. Ein kleiner Lichtblick.»

Musikproduzent Sacha Winkler aka Kalabrese.

Musikproduzent Sacha Winkler aka Kalabrese.

Florian Kalotay

Anja Häni (42) aus Bern ist Sängerin der Band Halunke:

«Im Moment wird die Ausübung meiner Tätigkeit als selbstständigerwerbende Kulturschaffende verunmöglicht. Die aktuellen Massnahmen kommen einem Berufsverbot gleich. Dies bedeutet konkret, dass alle Einnahmen wegfallen. Praktisch alle Konzerte und Engagements wurden abgesagt, noch offene Anfragen auf Eis gelegt, und auch neue Engagement-Anfragen gibt es keine. Seit Mitte September bekomme ich auch keine Corona-Erwerbsersatzentschädigung mehr. Ich wünsche mir eine rasche und unbürokratische Leistung der versprochenen finanziellen Unterstützung. Im Moment ist die berufliche Zukunftsplanung unmöglich. Auch Existenzängste beschäftigen mich natürlich sehr. Die grosse Herausforderung wird sicher sein, wie man die nächsten Monate als Kulturschaffender finanziell überleben kann, wenn keine weiteren und ausreichenden Unterstützungsbeiträge gesprochen werden. Die aktuelle Situation zeigt auf, dass die Wertschätzung gegenüber Kulturschaffenden nicht sehr hoch ist. Kultur ist systemrelevant! Ich wünsche mir deshalb, dass die Kulturverbände in zukünftige Diskussionen zu wirtschaftlichen Massnahmen (Kurzarbeit, Corona-Erwerbsersatz) frühzeitig einbezogen und ernst genommen werden.»

Anja (rechts) und Christian Häni sind die Bandkollegen bei Halunke. 

Anja (rechts) und Christian Häni sind die Bandkollegen bei Halunke.


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